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England: Premier-League-Aufsteiger FC Blackpool probt Aufstand gegen die Macht des Kapitals

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Wie Blackpool den englischen Fußball aufmischt

17.08.2010, 13:58 Uhr | Jonny Giovanni, t-online.de

England: Premier-League-Aufsteiger FC Blackpool probt Aufstand gegen die Macht des Kapitals. Paukenschlag zum Einstand: Blackpool schlägt Wigan 4:0. (Foto: imago)

Paukenschlag zum Einstand: Blackpool schlägt Wigan 4:0. (Foto: imago)

Von Jonny Giovanni

Ian Holloway sagte, was man eben so sagt, wenn man als Abstiegskandidat gerade die Spitze erklommen hat. "Ich werde ein Foto von der Tabelle machen und dann in Rente gehen, denn so weit oben werden wir die ganze Saison nicht mehr stehen." Der Trainer des FC Blackpool beschrieb als "surreal", was sich gerade in Wigan abgespielt hatte. 4:0 gewonnen, auswärts, im ersten Erstliga-Spiel seit 1971. Mit einem Kader, der erst wenige Tage zuvor so weit vervollständigt worden war, dass er die erforderlichen 25 Spieler umfasste. Und in dem kein Spieler mehr verdient als 10 000 Pfund (rund 12 000 Euro) die Woche.

Nur ein 6:0 des FC Chelsea wenige Stunden später gegen West Bromwich Albion verhinderte, dass die Premier League nach ihrem ersten Spieltag vom größten Außenseiter ihrer Geschichte angeführt wurde. Blackpool stellt alle Burnleys, Hulls oder Swindons der vergangenen Jahre noch einmal in den Schatten. "Wir sind eine Millionen Meilen hinter den anderen Klubs", sagt Holloway, und auch wenn er einen Ruf als lustigster Trainer des Landes genießt, liegt er mit dieser Einschätzung nicht so weit entfernt von der Wahrheit.

Naiver Offensivfußball begeistert die Nation

Denn wie heute galt Blackpool auch vor zwölf Monaten als erster Abstiegskandidat – in der zweiten englischen Liga. Umsatz und Personaletat wiesen den Klub dort als 23. von 24 Teams aus. Doch mit großem Charisma und der naiven Idee, im Angriff die beste Verteidigung zu sehen, führte Holloway das Team auf Platz sechs und damit in die Playoffs um den Aufstieg. Dort begeisterten die "Tangerines", die sich ihre orange Trikotfarbe in den 1920er Jahren bei Holland abguckten, mit freigeistigem 4-3-3-Fußball die ganze Nation. Ein 3:2 gegen Cardiff City sicherte die "promotion" – und zuhause an der Strandpromenade feierte die ganze Stadt die erste richtig gute Nachricht seit Dekaden.

Einst war Blackpool, eine Küstenstadt nördlich von Liverpool, die beliebteste Sommerfrische der Briten, doch dann kam die Ära der Pauschalurlaube auf Mallorca und Ibiza – und der Freilichtzirkus an der irischen See verwahrloste. In Blackpool liegt der Durchschnittslohn bei rund 300 Pfund die Woche, über 50 Prozent unter der britischen Norm. Die Lebenserwartung der Männer ist die geringste ganz Englands. Und als in den 1960er Jahren die Gehaltsobergrenze im englischen Fußball fiel, konnte auch der FC Blackpool, nicht mehr mithalten. Dafür fehlten in der 140000-Einwohner-Stadt mit ihrem 1901 errichteten, nur 12500 Leute fassenden Stadion schlichtweg die Ressourcen.

Volle Stelle für den Zeugwart

Vor neun Jahren kickte Blackpool noch in der vierten Division. Seitdem hat man sich jeden Aufstieg erst über die Playoffs erspielt – das gab es noch nie im englischen Fußball. Die Zugehörigkeit zur Premier League bringt nun plötzlich 90 Millionen Pfund, wegen der hohen Fernsehgelder und der Auffangzahlungen im Abstiegsfall. Dennoch wehrt sich Klubchef Karl Oyston vehement gegen eine offensive Ausgabenpolitik. Zwar wird das Stadion erweitert auf 17500 Plätze, weshalb man vier der ersten fünf Spiele auswärts bestreiten muss, als nächstes am Samstag beim FC Arsenal. Auch bekommt der Zeugwart eine volle Stelle, damit die Spieler ihre Trikots nicht mehr selbst waschen müssen. Aber das System der Gehaltsobergrenze, das es offiziell seit Jahrzehnten nicht mehr gibt – in Blackpool lebt es fort. Oyston besteht darauf, dass kein Spieler mehr verdient als 10 000 Pfund die Woche – eine lächerliche Summe im modernen Spitzenfußball und insbesondere in der hochkapitalistischen Premier League. Der Scheichklub Manchester City soll dem Stürmer Zlatan Ibrahimovic gerade ein Gehalt von 500 000 Pfund geboten haben. Ebenfalls in der Woche.

Gehaltsobergrenze erschwert Transfers

Wegen der Billiglohnpolitik seines Klubs war die Suche nach Verstärkungen für Holloway ein wahrer Sisyphus-Job. Einige seiner wichtigsten Spieler verlor er sogar – ihnen wurde in der Championship, der Zweiten Liga, lukrativere Anstellungen vermittelt. Auf Stürmerveteran Marlon Harewood musste Holloway mit Engelszungen einreden, damit dieser nicht ein auf ein finanziell besseres Angebot von Drittligist Huddersfield Town einging, sondern von Aston Villa nach Blackpool kam. Die Überredungskünste haben sich offenbar gelohnt. Erst vorige Woche verpflichtet, steuerte Harewood in Wigan gleich zwei Treffer bei.

Wäre die Premier League ein Märchen, es dürfte so weitergehen. Seine romantisch-altmodische Vereinspolitik hat Blackpool zu großen Sympathien verholfen. Die Engländer lieben den Underdog, viele sind der aufgeblasenen Geldmaschinerie überdrüssig, zu der ihr Fußball geworden ist, und dann versucht sich Blackpool ja trotz all seiner Nachteile noch in offensivem Spiel. Das ist riskant, und es wird wohl der Tag kommen, an dem man diesen Mut mit bösen Niederlagen bezahlen wird. Vielleicht schon bei Arsenal. "Ich hoffe einfach nur, dass es nicht peinlich wird", sagt Trainer Holloway vor dem nächsten Match. Auf dass er diese Saison noch ein paar Mal öfter die Tabelle fotografieren kann.

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