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Liverpool in der Krise

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Liverpool nur noch ein Schatten vergangener Tage

29.09.2010, 19:31 Uhr | t-online.de, t-online.de

Liverpool in der Krise. Liverpools Trainer Roy Hogdson geht schweren Zeiten entgegen. (Foto: imago)

Liverpools Trainer Roy Hodgson geht schweren Zeiten entgegen. (Foto: imago)

Kolumne von Jonny Giovanni

Roy Hogdson hatte eigentlich ein Gelübde abgegeben. Als die Saison im August begann, verkündete der neue Trainer des FC Liverpool: "Ich werde nicht die Eigentümer-Nummer fahren." Sollte heißen: Er werde eventuellen sportlichen Misserfolg nicht mit der chaotischen Gesamtsituation des Klubs begründen. "Wenn das Team nicht so gut spielt, wie es sollte, dann ist es an den Spielern, daran etwas zu ändern."

Aber wie es im Fußball halt so ist – die hehren Vorsätze hielten nur so lange, bis der Druck kam. Und der kam schnell und massiv wie lange nicht bei Englands geteiltem Rekordmeister (18 Titel, wie Manchester United). Vorige Woche lieferte man eine der größten Lachnummern der Klubgeschichte, als man zuhause im Ligapokal gegen den Viertligisten Northampton ausschied. Das 2:2 am Samstag in der Liga gegen Sunderland hat auch nichts gebessert, es komplettierte im Gegenteil den schlechtesten Start seit der Saison 1953/54. Sechs Spiele, nur ein Sieg: Der grandseigneurale Hodgson, 63, wirkte nach dem Schlusspfiff ziemlich angeschlagen – und nannte neben den zahlreichen Neuzugängen ganz selbstverständlich die "Unsicherheit in der Eigentümerfrage" als Ursache für Tabellenplatz 16 in der Premier League.

Mit 550 Millionen Euro in der Kreide

Unsicherheit ist dabei noch ein sehr zurückhaltender Begriff für die Lage beim Klub von der Anfield Road. Vor drei Jahren kauften die beiden Amerikaner Tom Hicks und George Gillett den Verein. Bald zerstritten sie sich jedoch; zudem wurde immer manifester, wie sie die Kosten ihrer Übernahme auf den Klub abwälzten. Statt eines neuen Stadions und neuen Spielern – wie anfangs versprochen – gab es neue Schulden. Mit insgesamt 473 Millionen Pfund (umgerechnet 550 Millionen Euro) steht Liverpool in der Kreide.

Im Oktober droht nun eine Art jüngstes Gericht. Dann muss bei der Royal Bank of Scotland ein Kredit über 280 Millionen Euro bedient werden. Hicks und Gillett würden gern umschulden, das Klubmanagement wehrt sich allerdings dagegen, weil dann Vereinseigentum beliehen werden müsste. Von der Insolvenz bis zur Zwangsverwaltung durch die Bank sind alle Szenarien denkbar, so nicht doch noch schnell ein Käufer gefunden wird. Danach sieht es freilich ganz und gar nicht aus, obwohl man inzwischen so schmerzfrei ist, dass man kürzlich beinahe mit dem staatlichen chinesischen Investmentfonds ins Geschäft gekommen wäre – hätte Peking nicht von sich aus noch zurückgezogen.

Ausgerechnet Liverpool, der geschichtsbewusste aller englischen Vereine, ist zu einem Spekulantenobjekt verkommen – alle, die es gut meinen mit dem Klub, sind darob, gelinde gesagt, not amused. Sogar der frühere Mehrheitsaktionär David Moore hat sich inzwischen entschuldigt: Hätte er geahnt, was sie aus dem Verein machen würden, schrieb er vor einigen Monaten in einem offenen Brief, hätte er nie an Hicks und Gillett verkauft.

Besonders vehement ist der Protest naturgemäß auf den Tribünen. Am Samstag beim Sunderland-Spiel veranlasste die Initiative "Spirit of Shankly" – benannt nach dem identitätsprägenden Trainer der 1960er und 1970er Jahre – eine Kundgebung gegen die Amerikaner sowie, nach Spielende, eine Sitzblockade im Stadion. Dieses Wochenende beim Match gegen Blackpool sollen die Aktivitäten fortgesetzt werden.

Hodgson kritisiert "diese Leute"

Um sie verständlich zu finden, muss man wohl kein Hardcore-Traditionalist sein. Umso überraschter waren die Beobachter, als Hodgson vor ein paar Tagen die Demonstrationen kritisierte – und nicht deren Ursache. "Die Proteste helfen nicht gerade, aber damit muss ich leben, seit ich bei diesem Verein bin" sagte er, und sprach von "einer Gruppe Leute, die sehr stark gegen die Eigentümer sind."

Nun, bei der "Gruppe Leute", auch Fans genannt, ist sein Standing durch diese Äußerungen nicht unbedingt gestiegen. Hinzu kommt, dass auch auf dem Platz wenige Argumente für Hodgsons Arbeit zu erkennen sind. Liverpool fehlen nicht nur die Siege, es fehlt auch Style. Der Trainer, so seine Gegner, lasse die Mannschaft einen Außenseiterfußball spielen wie vorige Saison den FC Fulham, den er sensationell ins Europaliga-Finale führte – defensiv, kompakt, auf Sicherheit bedacht. Auch aus der Mannschaft kam schon Kritik. Verteidiger Daniel Agger sprach von einer Vorliebe für hohe Bälle und einer Abkehr von der modernen Spielweise unter Hodgsons Vorgänger Rafael Benitez.

Benitez stand auf der Seite der Fans

Der Spanier hatte Liverpool ab 2004 trotz finanzieller Unterlegenheit gegenüber Chelsea oder Manchester United unter die großen Klubs der Insel zurückgeführt. Zwar verpasste er den ersehnten ersten Meistertitel seit 1990, gewann aber 2005 die Champions League und erreichte dort 2007 das Finale. Noch vor anderthalb Jahren galt sein Liverpool nach einem 4:0 über Real Madrid als das europäische Cup-Team schlechthin. Doch gegen die objektive Realität einer relativ goldenen Epoche stand die subjektive Wahrnehmung, dass der Klub seiner großen Geschichte nicht gerecht werde. Da Benitez zudem nie zögerte, sich im Konflikt zwischen Eigentümern und Fans auf die Seite letzterer zu schlagen, wurde ihm keine schlechte Saison zugestanden. Nach Platz 7 musste er im Sommer gehen.

Seitdem hat sich nicht nur der Desintegrationsprozess im Klub, sondern auch jener in der Mannschaft beschleunigt. Nach Xabi Alonso im Vorjahr verließ mit Javier Mascherano ein zweiter Schlüsselspieler den Verein. Auch Stürmerstar Fernando Torres wird sich wohl nicht mehr lange mit anschauen, wie er, so geschehen jüngst nach einem 0:0 in Birmingham, von Ex-Kapitän Jamie Redknapp im TV als "frustriert", "schludrig" und "lethargisch" bezeichnet wird – obwohl er das Tor zum bislang einzigen Saisonsieg gegen West Bromwich schoss und die letzten vier Treffer seiner Mannschaft vorbereitete. Die Frage ist zudem: Was hat Liverpool einem wie ihm überhaupt noch zu bieten?

Selbst Platz vier wirkt utopisch

"Die raison d’être dieses Klubs hat sich nicht geändert: Wir existieren, um Trophäen zu gewinnen", behauptet zwar Managing Director Christian Purslow. Doch daran glaubt momentan nicht einmal sein eigener Kapitän. Steven Gerrard hat das traditionelle Saisonziel Meisterschaft kürzlich schon zu Platz vier herunter korrigiert. Selbst das wirkt derzeit allerdings eher wie eine Utopie.

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