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AS Rom: Luis Enrique krempelt den Klub um

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Das neue Barcelona liegt in Italien

08.09.2011, 10:54 Uhr | t-online.de

AS Rom: Luis Enrique krempelt den Klub um. Zum Imperator: Luis Enrique beansprucht die alleinige Macht in Rom. (Quelle: imago)

Zum Imperator: Luis Enrique beansprucht die alleinige Macht in Rom. (Quelle: imago)

Eine Kolumne von Johnny Giovanni
Thomas DiBenedetto hat einen italienischen Namen. Aber das heißt noch nicht, dass er Italien kennt. Oder sich gar nach Italien richten will. Wäre dem so, dann hätte der neue, amerikanische Besitzer des AS Rom wahrscheinlich ein paar Dinge anders gemacht. Und es würde beim Haupststadtklub nicht schon so hoch hergehen, bevor die italienische Erstligasaison nach streikbedingter Verzögerung an diesem Wochenende überhaupt beginnt.  

Unter so manchem faszinierenden Experiment derzeit im europäischen Fußball (der 33-jährige Trainer Villas Boas beim FC Chelsea, die Kataris bei Paris St. Germain und Malaga) ist es das vielleicht faszinierendste: Optimismus und Pioniergeist aus der neuen Welt reiben sich an Traditionen und Fatalismus der ewigen Stadt. Konkret: DiBenedetto und seine Leute planen eine Kulturrevolution. Sie wollen die chaotische, liebens- und verzweiflungswerte Roma neu erfinden. Sie zu einem funktionierenden, erfolgreichen, ja: vernunftgesteuerten Klub machen. An einem ambitioniertem Vorbild fehlt es nicht – geht es nach ihnen, soll die Roma werden wie der FC Barcelona.

Enrique macht's wie Guardiola

Von dessen zweiter Mannschaft haben DiBenedetto, Generalmanager Franco Baldini und Sportdirektor Walter Sabatini den Trainer Luis Enrique abgeworben. Der ehemalige Barca-Star kommt mit beeindruckenden Referenzen – als Nachfolger von Pep Guardiola hat er Barcelonas Reserve-Team erst in die zweite Liga geführt und dort dann sogar bis auf Platz drei, was die Teilnahme an den Aufstiegs-Playoffs bedeutet hätte, wären zwei Teams desselben Klubs in der ersten Liga nicht verboten. Nach elf Jahren als Spieler und Trainer verkörpert er Barcelonas Fußball-Philosophie in Reinkultur. Sein Barca B schoss die meisten Tore der zweiten Liga, hatte im Schnitt 65,9 Prozent Ballbesitz und spielte im Schnitt 546 Pässe pro Partie; mehr als das erste Team von Real Madrid in der Primera Division. 

Zu Italiens althergebrachter Fußball-Kultur jedoch passt Barcelonas Spielstil in etwa so gut wie Paella in eine Pizzeria. Aber genau deshalb haben sie ihn geholt – sie wollten den größtmöglichen Bruch. "Wir haben Luis Enrique aus symbolischen Gründen ausgewählt", erklärt Sabatini. "Er steht für Diskontinuität. Er bedeutet ein absolutes Novum, einen mutigen und provokanten Schritt". Noch deutlicher formuliert es Baldini: "Wir haben jemanden von außerhalb des italienischen Fußballs gesucht. Jemanden unvergifteten." 

Wunderkind mit im Gepäck

Bislang hat sie Luis Enrique nicht enttäuscht. Jedenfalls nicht, wenn es darum geht, keinen Stein auf dem anderen zu lassen. Er hat Barcas klassisches 4-3-3 implementiert, ein Trainerteam aus Spanien mitgebracht (unter anderem den ehemaligen Barca-Regisseur Iván de la Peña) und sich mit Magathschem Eifer an die Umgestaltung des in Italien traditionell sehr großen Kaders gemacht. Rund 20 Positionen sind neu besetzt, die prominentesten Transfers kommen, Überraschung, aus Spanien. Vor allem auf Barcelonas einstiges Wunderkind Bojan Krkic darf man gespannt sein. Einst bei seinem Debüt noch jünger als Lionel Messi, ist er gerade 21 worden und versucht nun in der Fremde den großen Durchbruch zu schaffen, der ihm bei seinem Heimatklub nicht ganz gelingen wollte. 

Mindestens fünf weitere Neue – Hollands Nationaltorwart Stekelenburg, der von Wolfsburg geliehene Kjaer, der von Real Madrid geliehene Gago sowie die ebenfalls aus Enriques Heimat gekommenen José Ángel und Osvaldo – dürften beim Saisonauftakt gegen Cagliari in der Anfangsformation stehen. Für Luis Enrique ist ein Sieg eminent wichtig.

Enrique begeht Majestäts-Beleidigung

Wer radikal verändert, das weiß man in Deutschland seit Jürgen Klinsmann, der sollte besser Erfolg haben. Luis Enrique jedoch hat schon eine schlimme Pleite abbekommen und zwar auf die gefährlichste Weise, wie sie einem Trainer der Roma nur passieren kann. 

Es war vor zwei Wochen, beim Rückspiel um den Einzug in die Europa League gegen Slovan Bratislava. Die Stimmung war zunächst prächtig, 50.000 Zuschauer kamen ins Olympiastadion, sie feierten den neuen Besitzer DiBenedetto und verfolgten wohlwollend die Bemühungen der Mannschaft, das 0:1 aus dem Hinspiel wett zu machen. Doch beim Spielstand von 1:0 wechselte Luis Enrique den Kapitän aus, den Gladiator, die lebende Roma-Legende, Francesco Totti. Wenige Minuten später fiel das 1:1, Rom schied aus. Die Zuschauer pfiffen den Trainer aus dem Stadion. Es ging nicht um das Verpassen der Europa League, die interessiert in Italien kaum. Es ging um Totti – der an sich stark gespielt hatte. Luis Enrique, ein stolzer Typ, machte das ganze Schlamassel nicht gerade besser, als er im Stile seines Ex-Chefs Louis van Gaal auf dem ehernen Trainerrecht beharrte: "Ich muss nichts erklären, bis zu meinem letzten Tag hier werde ich die Entscheidungen treffen und ich werde mich dabei nicht beeinflussen lassen." Als ob das so einfach wäre, wenn es um Totti geht.

Totti ist der König von Rom

Seit jenem Abend dominierte das Thema die Agenda in einer Weise, dass Sportdirektor Sabatini sagte, "der Fall Totti bringt die Roma um". Gerüchte kursierten, wonach Luis Enrique bereits vor dem Aus stehe. Wieder andere besagten, dass die neue Führungsspitze den 34-jährigen Volkstribunen los werden wolle, weil er mit seinem Heldenstatus und seinen Sonderprivilegien der eigentliche Herrscher im Verein ist. Wenn Totti den Daumen über einen Trainer senkt, so heißt es gern, dann überlebt dieser nicht mehr lange. Wohl bei keinem anderen Spitzenklub hat ein Spieler eine derart herausgehobene Stellung, aber erstens ist er der Größte, den sie je hatten, zweitens hat er der Roma immer die Treue gehalten und drittens ist diese, wie gesagt, kein sonderlich rationaler Verein. 

Fürs erste scheinen jedoch alle Beteiligten den verzweifelten Appellen des Sportdirektors gefolgt zu sein und sich wieder halbwegs zusammen gerauft zu haben. Nach wochenlangem Schweigen ließ Totti weißen Rauch aufsteigen. Auf seiner offiziellen Homepage (Claim: "Der König von Rom ist nicht tot") schrieb er: "Wir müssen uns geschlossen hinter unserem neuen Coach, dem Team und dem Klub scharen, um die Saison bestmöglich zu beginnen." Startet die Spielzeit nicht so gut, ist der nächste Ärger allerdings schon vorprogrammiert. Der amerikanische Visionär Thomas DiBenedetto muss sich vorerst an eine Weisheit der Alten Welt halten: Rom wurde eben nicht an einem Tag erbaut.

 

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