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Kolumne: José Mourinho bekommt Gegenwind

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Bei Real Madrid brennt der Baum

23.09.2011, 10:07 Uhr | t-online.de

Kolumne: José Mourinho bekommt Gegenwind. Hat José Mourinho den Bezug zur Realität verloren?  (Quelle: imago)

Hat José Mourinho den Bezug zur Realität verloren? (Quelle: imago)

Iker Casillas hat einem Magazin ein Interview gegeben. Dummerweise wurde es bereits vor der Saison geführt, aber erst jetzt publiziert. Seine Kernaussage klingt deshalb gerade etwas lächerlich. "Es mag manchem weh tun, aber Real Madrid ist die beste Mannschaft der Welt". Mit diesen Worten wird der Kapitän der Königlichen also zitiert, zwischen einem 0:1 am Sonntag bei Abstiegskandidat Levante und einem 0:0 am Mittwoch bei Abstiegskandidat Racing Santander, bei dem sich Real eine einzige Torchance herausspielte.

Den Spieltag in Spanien beenden die Madrilenen außerhalb der Europapokalränge, es war gleichzeitig das erste Mal seit 2006, dass sie bei einem Ligaspiel während der Woche nicht als Sieger vom Platz gingen, und es war, wie "As" schrieb, "die schlechteste Leistung der Ära Mourinho".

Mourinho strickt sich eine Parallelwelt

Selbst wenn die jüngsten Darbietungen erbaulicher gewesen wären, bliebe fürs erste dennoch eher der FC Barcelona die bessere Mannschaft. "Weltweite Referenz" hat den katalanischen Klub gerade Reals Klublegende José Antonio Camacho genannt. Doch seine Nachfolgergeneration tut sich schwer mit einer realistischen Einordnung. Unter José Mourinho haben die Spieler nicht nur einfachste Umgangsformen des Sports wie das Anerkennen einer Niederlage oder die Gratulation an einen Gegner verlernt. Sie leben auch zunehmend in einer Parallelwelt, auf einem ganz eigenen Planeten, wo immer die anderen – vor allem die Schiedsrichter – die Schuld haben und die Wirklichkeit nur in streng limitierten Dosen zugelassen wird.

Verhalten nimmt groteske Züge an 

Es ist ein Planet, auf dem der persönliche Pressesprecher des Trainers mehr sagt als der Sportdirektor Zinédine Zidane: Señor Eladio Paramés nutzt dafür bevorzugt Twitter-Botschaften, in denen er sich über die Schiedsrichter beschwert. Ein Planet, auf dem – außer Casillas – die Spieler nur dann mit der Öffentlichkeit sprechen dürfen, wenn sie sich an die vorher von Mourinho minutiös entworfene Sprachregelung halten: meistens geht es, na klar, um die Schiedsrichter. Ein Planet, auf dem es die meisten Reporter schon aufgegeben haben, dem Trainer Fragen zu Taktik, Aufstellung und Spiel zu stellen, weil dieser sowieso mit den Schiedsrichtern antwortet.

"Die Partie wird so, wie es der Schiedsrichter will, nicht wie es die beiden Mannschaften wollen", sagte er vor dem Auftritt in Santander. Was nur belegt, dass seine Obsession mit den Unparteiischen endgültig im Bereich der Groteske angekommen ist.

In Madrid liegen die Nerven blank

Spätestens seit seinem Fingerbohrer in das Auge von Barcelonas Assistenztrainer Tito Vilanova beim verlorenen Supercup-Finale scheint es, der Druck beim berühmtesten, reichsten und anspruchsvollsten Klub der Welt übersteige Mourinhos Fähigkeiten zur Selbstkontrolle. Er ist mit dieser Überforderung nicht allein. Da ist auch noch Pepe, der Innenverteidiger, der in Levante zum wiederholten Male mit einer brutalen – in diesem Falle ungeahndeten – Tätlichkeit auffiel und für das Santander-Spiel vom Trainer vorsorglich aus dem Verkehr gezogen wurde. Da ist Cristiano Ronaldo, der auf Buhrufe bei der Ankunft in der nordspanischen Hafenstadt mit gestrecktem Mittelfinger reagierte.

Und da ist ein einst besonnener Charakter wie Sami Khedira, der bereits seit einigen Spielen ein Platzverweis in Wartestellung war, ehe er dann in Levante nach bereits 40 Minuten gelb-rot sah. Im Schnitt kassieren die noblen Königlichen seit Mourinhos Amtsantritt 2010 in jedem vierten Spiel einen Feldverweis. Um es in leichter Abwandlung eines Filmtitels des großen madrilenischen Regisseurs Pedro Almodóvar zu sagen: Real Madrid ist ein Klub am Rande des Nervenzusammenbruchs.

Khedira wird zum Sündenbock

Dies hat dazu geführt, dass jetzt sogar vielen von den klubnahen Hofschreibern genug haben, die bis vor kurzem auch noch die dümmste Eskapade Mourinhos geflissentlich zu verargumentieren verstanden. Ein erster Umkehrpunkt war dabei die Attacke gegen Vilanova, vor allem aber hat sich das Klima in der hauptstädtischen Sportpresse nach dem Spiel in Levante gewandelt – weil Mourinho dort Khedira in aller Öffentlichkeit an den Pranger stellte. "Er ist in die Falle getappt, ich mache ihn für die Niederlage verantwortlich", sagte der Coach. Dabei war Khedira, der für einen Schubser die zweite gelbe Karte sah, letztlich nur das Werkzeug seines aggressiven Spielplans.

Aufstellung wirft Fragezeichen auf

Laut einer Internetumfrage der Zeitung "As" gaben von 160.000 Teilnehmern bloß 9% Khedira die Schuld an der Pleite in Levante. Für 64% hatte sie Mourinho mit seiner kuriosen Aufstellung und Taktik, in deren Zuge sein neuer Lieblingsspieler Fábio Coentrão drei verschiedene Positionen bekleidete, Flügelstürmer, Mittelfeldsechser und Außenverteidiger. Mit dem portugiesischen Landsmann, zu Saisonbeginn von Benfica Lissabon eingekauft, teilt Mourinho denselben Berater, ebenso wie mit Ronaldo, Pepe, Ricardo Carvalho und Ángel Di María. Auch die beiden letzteren sind in aller Regel gesetzt – selbst wenn sie, wie momentan, außer Form sind. 

Die Portugalisierung des spanischen Heiligtums Real Madrid hat Mourinho manche Sympathien in den klubnahen Medien gekostet, ebenso wie die Befürchtung, die trotzige Anti-Haltung der Spieler gegenüber Barcelona zerstöre den Frieden in der Nationalmannschaft. Immer mehr der zahlreichen Kolumnisten in den Sportblättern kritisieren den Trainer deutlich. In den Zeitungen stand unter anderem zu lesen, dass seit Mourinhos Amtsübernahme bei Real "die Pöbeleien häufiger sind als die großen Spiele" oder dass "ein nicht atembares Klima" um den Klub herrsche. 

Mourinho ist der König der Königlichen

In einer der zahlreichen Radiodebatten meldete sich außerdem Reals Ex-Trainer Bernd Schuster zu Wort. Er verwies auf den obersten Dienstherrn des ganzen Schlamassels, Florentino Pérez: "Der Präsident riskiert alles, indem er Mourinho so viel Macht gegeben hat." Tatsächlich hat nie zuvor ein Trainer bei Real Madrid eine derartige Position genossen wie Mourinho. Seit der Entlassung seines innerbetrieblichen Rivalen, Ex-Sportdirektor Jorge Valdano, sind sämtliche sportlichen Belange des Klubs mit seinem Willen gleichgeschaltet. 

Nach der schlimmen Nullnummer in Santander ging Pérez sogleich in die Kabine. Er habe die Spieler aufbauen wollen, hieß es. Oder wollte er sie noch mal motivieren? Der eilige Besuch entgegen sonstiger Gewohnheit zeigt vor allem, wie ernst es bereits steht. Senkt die mächtige Sportpresse erst mal den Daumen, ist es bislang noch um jeden Trainer bei Madrid früher oder später geschehen gewesen. Aber vielleicht hielte Pérez das ausnahmsweise noch aus. Verabschieden sich aber die Spieler aus dem Projekt, bleibt im Fußball immer nur die Trainerentlassung.

Erste Rebellion unter den Spielern? 

So schwach, geradezu depressiv, wie sich Real in Santander präsentierte, ist eine stille Rebellion der Profis gegen die turbulente, intensive, aber eben auch aufreibende Diktatur Mourinhos nicht mehr völlig auszuschließen. Das Fernsehen zeigte zuletzt Bilder vom Levante-Spiel, wo es scheint, als ob einige Ersatzspieler die Anordnung, sich aufzuwärmen, ignorieren. Vielleicht haben die Profis ja tatsächlich genug von Planet Mourinho. Vielleicht wollen sie einfach zurück in die Wirklichkeit.


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