Startseite
Sie sind hier: Home > Sport > Fussball > Fußball international >

UD Levante ärgert Real Madrid und FC Barcelona

...
t-online.de ist ein Angebot der Ströer Content Group

Das Levantiner Märchen geht weiter

27.10.2011, 14:04 Uhr | t-online.de

UD Levante ärgert Real Madrid und FC Barcelona. Die Spieler von UD Levante feiern den Sieg gegen Real Sociedad im Ciudad de Valencia Stadion. (Quelle: Reuters)

Die Spieler von UD Levante feiern den Sieg gegen Real Sociedad im Ciudad de Valencia Stadion. (Quelle: Reuters)

Eine Kolumne von Jonny Giovanni

17 Sekunden vor Schluss gab es noch einmal Freistoß für Levante. Der Ball lag etwa 25 Meter vom Tor entfernt, Real Sociedad stellte eine vielbeinige Mauer in den Weg, dennoch probierte es der eingewechselte Rubén Súarez direkt, flach, ein Verzweiflungsschuss, nach allen Gewohnheiten des Fußballs ohne Chance auf Erfolg. Bloß - was zählen Gewohnheiten in diesem verrückten Herbst von UD Levante in Spaniens Primera Division?

In Spanien verläuft die Saison bislang nach einem Drehbuch, das ein Hollywoodautor schreiben würde, wenn er den Auftrag für einen Sportfilm bekäme. Man nehme einen mittellosen Klub von Verlierern, lasse ihn eine überalterte Truppe anderswo Gescheiterter zusammenstellen und diese von einem namenlosen Halbprofi trainieren. Man unterziehe diese Fusion dem Spott der Konkurrenz und dem Mitleid der Öffentlichkeit. Und dann lasse man sie gewinnen, ein Spiel, das nächste, gegen kleinere Gegner und gegen die Mächtigen und Berühmten. "Against all odds", wie sie das in Hollywood nennen würden: Gegen alle Wahrscheinlichkeit.

Fussball - Videos 
Exklusiv! Einen Tag unterwegs mit Real Madrid

So sieht ein 18-Stunden-Tag bei den Königlichen aus. Video

Levante, der Favoriten-Schreck

Und so zischte der Freistoß von Rubén Suárez noch ins Netz. 3:2 (0:1) gegen die Basken aus San Sebastián, wieder ein Spiel gewonnen, schon das siebte nacheinander. Noch ein Spieltag mehr als Tabellenerster, vor Real Madrid, vor dem FC Barcelona. Klubs, deren Etats 20 Mal so hoch sind. Die in einem Sommer mehr Geld für Neuzugänge ausgaben als man selbst in der kompletten Vereinsgeschichte. Wo ein einziger Star doppelt so viel verdient wie bei einem selbst der ganze Kader. 210.000 Euro investierte Levante vor der Saison in neue Spieler. Es waren die ersten Transferausgaben seit der Saison 2007/2008.

Umstrittener Pokalsieg liegt 74 Jahre zurück

An deren Ende war der kleinere Klub aus Valencia, den dort vor allem die Leute aus den Hafenvororten unterstützen, in die zweite Liga abgestiegen – seinem traditionellen Habitat. 39 Spielzeiten hat Levante in der zweiten Liga verbracht plus zwölf in der dritten und zweiundzwanzig in der vierten, aber nur sieben in der ersten.

Einziger Titelgewinn war 1937 mitten im spanischen Bürgerkrieg der Pokal der Republik, den zwar das spanische Parlament, nicht aber der spanische Fußballverband anerkennt – dort hält man sich lieber an die franquistische Tradition, die nach dem Sieg der königstreuen Militärs den Wettbewerb aus den Geschichtsbüchern strich. Eine traurige Episode, die gleichwohl zur Underdog-Identität des Klubs passt: Da gewinnt man mal was, und dann wird es einem von der Obrigkeit genommen.

Das Konzept Wundertüte funktioniert

2008 jedenfalls stieg der Klub nicht nur ab, er war auch komplett pleite und hatte kaum noch Spieler. Da begann er mit der Politik, die er bis heute verfolgt – so weit man das Politik nennen kann. Denn letztlich besteht sie darin, zu warten, bis die anderen Vereine im Sommer ihre Kader aufgefüllt haben – und dann zu nehmen, was noch übrig ist. Dass so in der zweiten Liga die Klasse gehalten werden konnte, war schon ein Erfolg. Dass im nächsten Jahr der Wiederaufstieg gelang, ein Wunder. Dass vorige Saison der Abstieg vermieden werden konnte, ein weiteres Wunder. Der Sturm an die Tabellenspitze jetzt außerhalb von allem, was der europäische Fußball gekannt hat.

Ballesteros, der "ausrangierte Preisboxer"

Sergio Ballesteros, der Kapitän, ist seit 2008 dabei. Bei Levante landete er auf dieselbe Weise wie seine Verteidiger-Kollegen Juanfran und del Horno oder Mittelfeldmann Farinós, die vielleicht geläufigsten Namen im Kader, alle drei haben vor vielen Jahren mal Länderspiele für Spanien gemacht. Die Spieler waren anderswo aussortiert worden, sie übernahmen selbst die Initiative und riefen bei Levante an, weil sie wussten, dass die Tür dort offen steht und weil sie noch nicht aufhören wollten mit dem Fußball.

Ballesteros ist heute 36, er sieht eher aus wie ein ausrangierter Preisboxer als wie ein Profifußballer dieser Zeit. Aber er ist das Herz, die Legende und der Archetyp dieser Mannschaft. Allein Abwehr und Torwart kommen zusammen auf 170 Jahre, die Stammelf hat einen Altersschnitt locker jenseits der 30. Das Levantiner Märchen ist keines von jungen Himmelsstürmern, sondern ein Seniorenrührstück. Ein Haufen von Silver Agern schlägt dem Jugendkult ein imposantes Schnippchen, denn er ist uneitel, solidarisch, kampfbereit und er besitzt die Intelligenz des Alters.

Das "JIM-Team" setzt auf Konterfußball

"JIM-Team" wird Levante in Spanien genannt, nach den Initialen von Trainer Juan Igancio Martínez, einem Autodidakten, der neben seinem Vertreterjob vor allem Jugend- und Amateurmannschaften trainierte, ehe er im Sommer überraschend zum Erstligatrainer bestellt wurde. Das "JIM-Team" setzt auf Konter, weil es weiß, dass es nicht die Qualität hat, zu dominieren.

Und es setzt auf Konfrontation, weil es weiß, dass der Gegner besser nicht in den Rhythmus finden sollte. Die Spiele werden dadurch abgehackt und durch isolierte Aktionen entschieden. Es ist ein Stil, wie er in der Bundesliga zum traditionellen Inventar zählt, in Spanien aber eher unerprobt ist und daher viele Gegner überrumpelt.

Sieben Siege in Folge sprechen Bände - Mourinho staunt

Selbst José Mourinho musste vor ein paar Wochen zugeben, dass sein großes Real Madrid mit diesem Fußball nicht zurecht kam. Das war, nachdem sein Luxusteam im kleinen, trotz eines Fassungsvermögens von nur 25.000 Zuschauern selten vollen, aber hitzigen Estadio Ciudad de Valencia mit 0:1 verloren hatte.

Was damals als höchst peinlich galt und in eine mittlere Staatskrise bei Real mündete, wirkt im Nachhinein gar nicht mehr so sensationell – es war der Startschuss für die unfassliche Serie von den sieben Siegen, während der Levante sich in einen derartigen Rausch steigerte, dass es dabei durchaus auch sehenswerten Fußball produzierte. Weniger am vergangenen Mittwoch bei dem glücklichen Sieg gegen Real Sociedad, als hinten zweimal das Gebälk rettete und vorn die wenigen Chancen verwandelt wurden.

Xavi Torres lenkt das Mittelfeld

Aber etwa beim Heimspiel zuvor, einem 3:0-Sieg gegen den Scheichklub aus Málaga. Der hat im Sommer bekanntlich groß aufgerüstet, für 58 Millionen Euro. Da war keine Verwendung für einen Spieler wie Xavi Torres, der im zweiten Jahr nacheinander nach Levante verliehen ist. Um den Mittelfeldstrategen im direkten Duell mit Málaga einsetzen zu können, hätte Levante nach einem Vertragspassus 50.000 Euro an die Andalusier zahlen müssen. Trotz der starken Leistungen von Torres ließ man den Spieler auf der Bank. 50.000 Euro sind viel Geld in Levante. Nach wie vor.


Liebe Leser, bitte melden Sie sich an, um diesen Artikel kommentieren zu können. Mehr Informationen.
Neue Kommentare laden
Leserbrief schreiben

Für Kritik oder Anregungen füllen Sie bitte die nachfolgenden Felder aus. Damit wir antworten können, geben Sie bitte Ihre Adresse an.

Name
E-Mail
Betreff
Nachricht

Wählen Sie aus dem Pull-Down-Menü Ihren gewünschten Ansprechpartner aus. Vielen Dank für Ihre Mitteilung.

Artikel versenden

Empfänger

Absender

Name
Name
E-Mail
E-Mail
Anzeige
Video des Tages
Anzeige

Shopping
tchibo.deOTTObonprix.deESPRITC&ACECILzalando.dedouglas.deKlingel.de
Sport von A bis Z

Anzeige
shopping-portal