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Im Klub der Super-Egos

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Im Klub der Super-Egos

30.11.2011, 10:13 Uhr | Spiegel Online

. Dauerfehde: Der Streit zwischen Louis van Gaal und Johan Cruyff reicht bis in die 70er Jahre zurück. (Fotos: imago)

Dauerfehde: Der Streit zwischen Louis van Gaal und Johan Cruyff reicht bis in die 70er Jahre zurück. (Fotos: imago)

Von Peter Ahrens

Ajax Amsterdam ist der größte Traditionsverein der Niederlande. In diesen Wochen jedoch geht es nur noch am Rande ums Sportliche. Der Machtkampf zwischen den Ajax-Ikonen Johan Cruyff und Louis van Gaal hat den Klub tief gespalten.

Als ein schlaksiger 17-Jähriger namens Johan Cruyff 1964 in der ersten Mannschaft von Ajax Amsterdam auftauchte, hat er als erstes seinen älteren Mitspielern erklärt, wie und wohin sie auf dem Spielfeld zu laufen haben. Schließlich wusste der Teenie schon damals besser als alle anderen, wie sein Sport funktionierte. Cruyff ist mittlerweile 64 Jahre alt, seinen Absolutheitsanspruch hat er sich bewahrt.

Duell der Ajax-Ikonen: Ausgang ist völlig offen

In diesen Wochen hat Cruyff wieder allerhand zu erläutern, wie es nach seinen Vorstellungen zu gehen habe. "König Johan", wie er in den Niederlanden genannt wird, ist tief verstrickt in einen Machtkampf um seinen Heimatverein Ajax. Ein Machtkampf, der seit 14 Tagen die Niederlande in Atem hält und es auf Seite eins aller großen Tageszeitungen geschafft hat.

Auf der einen Seite Cruyff, der Halbgott des Oranje-Fußballs und Aufsichtsratsmitglied im Verein. Auf der anderen Seite der frühere Bayern-Trainer Louis van Gaal, ebenfalls Ajax-Ikone, seit er den Verein 1995 zum bisher letzten großen internationalen Triumph geführt hat: dem Gewinn der Champions League. Der Ausgang dieses Duells ist völlig offen.

Seit der Berufung van Gaals zum neuen Generaldirektor des Klubs durch den Aufsichtsrat ohne Willen und Billigung Cruyffs geht es bei Ajax nur noch am Rande um Sport. Stattdessen traktieren sich beide Lager mit Vorwürfen, Klageankündigungen, Beleidigungen.

Verfeindete Führungsgremien legen sich gegenseitig lahm

Die niederländische Öffentlichkeit verfolgt mit Faszination, wie sich die verfeindeten Führungsgremien des Klubs gegenseitig systematisch handlungsunfähig machen. Neuester Akt in der Ajax-Seifenoper: Die Mitgliederversammlung des Vereins hat nach stundenlanger Beratung entschieden, den gesamten Aufsichtsrat zum Rückzug aufzufordern.

Vier der fünf Aufsichtsratsmitglieder weigerten sich zunächst, der Entscheidung zu folgen. Nur Cruyff erklärte sich offenbar bereit, sein Amt zur Verfügung zu stellen - unter der Bedingung, dass die mit ihm verfeindeten Aufsichtsratskollegen Steven ten Have, Edgar Davids, Paul Römer und Marjan Olfers das Gleiche tun. Nach der Versammlung demonstrierten Ajax-Fans, die auf Seiten von Cruyff stehen, vor der Amsterdam Arena. Einige trugen sein berühmtes Trikot mit der Nummer 14.

Eher friert die Hölle zu

Dass die beiden Super-Egos van Gaal und Cruyff je zusammenarbeiten würden, gilt im Nachbarland als unwahrscheinlicher, als "dass die Hölle zufriert", wie das "Algemeen Dagblad" schreibt. Beide sind sich seit vielen Jahren spinnefeind. Beide haben in den siebziger Jahren bei Ajax zusammen gespielt, in den Jahren, in denen sich im Klub alles nur um den genialen Spielmacher Cruyff drehte. Niemand hat damals den Spieler van Gaal wahrgenommen, der sich daraufhin frustriert bei Kleinvereinen wie Royal Antwerpen, Telstar Velsen oder Sparta Rotterdam verdingte.

Beide sind sich viel später auch beim FC Barcelona regelmäßig über den Weg gelaufen. Cruyff, erfolgreich sowohl als Spieler und Trainer bei Barcelona, war Vorgänger van Gaals bei Barça und bei den Katalanen noch immer omnipräsent. Es heißt, auch Cruyff sei damals mit schuld daran gewesen, dass sein Landsmann nach drei Jahren gehen musste.

Die neue Qualität des Louis van Gaal

Auch beim Abgang van Gaals als Nationalcoach, der 2001 die Qualifikation für die WM 2002 verpasste, hatte Cruyff mit seiner Wirkungsmacht Anteil. Seit Jahr und Tag schreibt er jeden Montag eine einflussreiche Kolumne in der größten Boulevardzeitung des Landes, dem "Telegraaf". Schon damals krittelte Cruyff mit Verve am Kurs des Rivalen herum.

Van Gaal, wie Cruyff gebürtiger Amsterdamer, hat als Trainer bei Bayern München nachhaltig bewiesen, wie sehr er polarisiert, wie schwierig er im persönlichen Umgang ist, wie unmöglich es ihm ist, die eigenen Eitelkeiten zurückzuhalten. Dass er es allerdings schafft, einen ganzen Klub zu spalten, ohne überhaupt anwesend zu sein, das ist auch für den streitbaren 60-Jährigen eine neue Qualität.

Van Gaal oder Cruyff: Wem sollen die Fans die Treue halten?

Die Ajax-Anhänger sind zerrissen: Wem sollen sie die Treue halten? Dem anerkannten Fußballfachmann van Gaal oder Cruyff, dem Giganten des niederländischen Fußballs, einem, der in Holland als Lichtgestalt noch heller strahlt als Franz Beckenbauer in Deutschland. Cruyff, dem in den Niederlanden Lieder und Gedichte gewidmet wurden ("Und Vincent sah das Korn / Und Einstein sah die Zahl / Und Zeppelin den Zeppelin / Und Johan sah den Ball").

Cruyff ist der Schöpfer des Mythos vom niederländischen Offensivspiel, er hat dem FC Barcelona das System beschert, mit dem der Klub bis heute seine überragenden Triumphe feiert. Cruyff ist Oranje. Es ist kein Zufall, dass mit diesem Wort sowohl die Nationalmannschaft als auch das Königshaus tituliert werden.

Von Tag zu Tag haben sich beide Lager mehr verschanzt, die Gräben zwischen der Cruyff- und der van-Gaal-Fraktion sind immer tiefer geworden. Cruyff weiß eine ganze Gruppe ehemaliger Klassespieler hinter sich, die mittlerweile bei Ajax arbeiten: Ronald de Boer, Dennis Bergkamp, Marc Overmars - pikantermaßen alles Spieler, die von dem Trainer van Gaal in den neunziger Jahren zur Weltklasse geführt wurden.

Trainer Frank de Boer ist hin- und hergerissen

Und mittendrin steht der aktuelle Ajax-Coach Frank de Boer, Ronalds Zwillingsbruder, der sich sowohl Cruyff als auch van Gaal verbunden fühlt und den schönen Satz gesagt hat: "Ich komme mir vor wie ein Vater, der sich zwischen Sohn und Tochter entscheiden soll. Ich kann das nicht."

Am kommenden Mittwoch spielt Ajax Amsterdam in der abschließenden Vorrundenpartie der Champions League gegen Real Madrid. Die Aussichten, sich fürs Achtelfinale der Königsklasse zu qualifizieren, sind so gut wie seit fast zehn Jahren nicht mehr. Johan Cruyff und Louis van Gaal haben allerdings im Moment wichtigeres zu tun, als sich darauf zu konzentrieren.

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