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Mario Balotelli: Englands neuer Eric Cantona

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England liebt seine Exzentriker

27.01.2012, 11:16 Uhr | t-online.de

Mario Balotelli: Englands neuer Eric Cantona. Mario Balotelli (re.) von Manchester City in Jubelpose à la Eric Cantona.  (Quelle: imago)

Mario Balotelli (re.) von Manchester City in Jubelpose à la Eric Cantona. (Quelle: imago)

Eine Kolumne von Jonny Giovanni

Diese Woche ist es 17 Jahre her, dass der Fußballer Eric Cantona zu weltweiter Berühmtheit gelangte. Es passierte nicht wegen seines Talents, von dem er viel hatte, oder wegen einem seiner Tore, von denen er viele schoss. Nein, Eric Cantona wurde am 25. Januar 1995 zum Helden, weil er austeilte. Erbost über die ausländerfeindlichen Beleidigungen durch einen Fan im Auswärtsspiel bei Crystal Palace flog der französische Star von Manchester United mit beiden Beinen voran in die Ränge – und streckte den verbalen Aggressor nieder: K.o. durch Kung-Fu.

Cantona wurde daraufhin vom Verband für acht Monate aus dem Verkehr gezogen und vom Boulevard zwischenzeitlich zum Kinderschreck verteufelt. Doch bei United-Fans wie auch vielen anderen Menschen gewann er eher an Sympathien, zumal sich der betroffene Fan als einschlägiger Rechtsradikaler herausstellte. Außerdem war Cantona eben Cantona, ein Enfant terrible, aber eines mit großem Herzen. Als er im Oktober 1995 wieder spielen durfte, wurde er stürmisch gefeiert. Und seit er 1997 früh mit 30 Jahren die Karriere beendete, wird er vermisst.

Ein würdiger Nachfolger beim Stadtrivalen?

Da kann es den United-Fans kaum gefallen, dass sich ausgerechnet beim Lokalrivalen Manchester City endlich ein würdiger Nachfolger gefunden hat. Der Rest Englands freilich fühlt sich hervorragend unterhalten von Mario Balotelli und seine Eskapaden. Der überwiegende Rest – bei Harry Redknapp sollte man vorerst besser nicht nachfragen. Tottenhams Trainer verfluchte den Italiener regelrecht, nachdem er am vergangenen Sonntag seine Hacke auf Spurs-Spieler Scott Parker platziert hatte, wobei Redknapps Laune nicht unbedingt durch den Umstand verbessert wurde, dass Balotelli in der fünften Minute der Nachspielzeit auch noch das Siegtor für City schoss.

Ein Stück Genugtuung erfuhr Redknapp erst zwei Tage später – als Balotelli vom Verband nachträglich für vier Spiele gesperrt wurde. Schiedsrichter Webb hatte den Vorfall nicht gesehen. Die Citizens verzichteten auf eine Berufung, bereits am vergangenen Mittwoch beim Aus im Ligacup-Halbfinale gegen Liverpool setzte Balotelli aus.

"Der talentierte Mr. Balotelli"

Es ist nicht das erste Mal. Vor dem Tritt gegen Parker hatte der hoch begabte Stürmer in 18 Monaten bei City schon drei Roten Karten gesehen. Aber ihn nur auf seine Unbeherrschtheit zu reduzieren, wäre ein großer Fehler. Balotelli hat diese Saison zum Beispiel auch schon zwölf Tore geschossen, darunter, wie im Spitzenspiel gegen die Spurs, einige sehr wichtige. Außerdem hat er in den letzten Monaten noch ein paar Schlagzeilen außerhalb des Platzes gemacht: er hat Geld an Obdachlose verschenkt, mit ein paar Freunden sein halbes Haus abgefackelt, und, gerade erst letzte Woche, seinen Bentley vor einer Schule geparkt, um dort aufs Klo zu gehen.

"Why always me?" Diese Frage trug Balotelli auf seinem T-Shirt, als er im Oktober, wenige Tage nach dem Hausbrand, im Derby gegen United sein Trikot lüftete. Subtil, selbstironisch, dadaistisch. So wie Cantona in der Pressekonferenz nach seiner Verurteilung nur einen Satz sagte: "Wenn die Möwen dem Schlepper folgen, dann weil sie glauben, dass Sardinen ins Meer geworfen werden."

Skandale in Frankreich und Italien

Die Botschaft war jeweils die gleiche – sowohl Balotelli als auch Cantona gerierten sich als Opfer einer sensationsgierigen Presse. Dabei wissen beide ja in Wirklichkeit nur besonders gut, wie man diese bedient. Und sie wissen auch, dass ihre Taten nur oberflächlich zum Skandal erhoben werden, an sich aber: bewundert werden.

England liebt schließlich nichts mehr als Exzentriker, deshalb ist es die Heimat von Miss Marple und Winston Churchill, der Royals und der Popkultur. Warum unangepasste Typen auf der Insel mehr geschätzt werden als anderswo, mögen Ethnologen erklären. Fest steht: Cantona war in Frankreich unverstanden, Balotelli in Italien. Erst in England ließ man sie so sein, wie sie wollen. Und erst dort blühten beide groß auf.

In Manchester nach wie vor unsterblich

Cantona wollte bereits seine Karriere beenden, ehe er mit 25 die Kanalseite wechselte. Er war zwar Nationalspieler, aber an bereits sechs Stationen in Frankreich hatte er sich mit so ziemlich jeder verfügbaren Autorität angelegt – und war regelmäßig verzweifelt. Zuletzt hatte er bei Nimes gekündigt, nach einer typischen Cantona-Geschichte. Nachdem er einen Ball nach dem Schiedsrichter geworfen hatte, wollte ihn die Disziplinarkommission für einen Monat sperren. Daraufhin nannte er jedes Mitglied des Tribunals einzeln einen Idioten; und die Strafe wurde verdoppelt.

In England führte er zunächst Leeds United zum Meistertitel, danach wechselte er nach Manchester und legte dort maßgeblich die Grundlagen für den heutigen United-Mythos. Als er kam, wartete der Klub von Trainer Alex Ferguson seit 25 Jahren auf die Meisterschaft. Als er fünf Jahre später ging, hatte United in jeder seiner Saisons den Titel gewonnen – außer in jener, als er wegen seiner Karate-Einlage aussetzen musste. Die Fans verehrten sein Anderssein – und Cantona schätzte ihre Toleranz. Bei großen Länderturnieren hält er bis heute zu England, nicht zu Frankreich.

Rassistische Beleidigungen gegen den Stürmerstar

Auch Balotelli wäre vielleicht besser gleich als Engländer geboren worden – dann wären ihm zumindest viele rassistische Anfeindungen erspart geblieben, unter denen er in Italien litt. Sein großes Temperament wurde dadurch immer noch zusätzlich provoziert. In Italien galt Balotelli am Ende als nicht sozialisierbar, nur sein ehemaliger Inter-Trainer Roberto Mancini glaubte noch an ihn und holte ihn 2010 zu City.

Das Potenzial, einer der fünf besten Spieler der Welt zu sein, bescheinigt ihm Mancini. Bis er sportlich auf eine Stufe mit Cantona gestellt werden könnte, ist es allerdings noch ein weiter Weg. Auch in seinen Eskapaden hat er mit seinen gerade erst 21 Jahren noch keine so klare Linie, wie sie Cantona kennzeichnet.

Exzentriker mit besonderen Merkmalen

Während der sich, soweit dann doch Franzose, gern als Kulturmensch inszeniert, tatsächlich über beachtliches Schauspieltalent verfügt (u.a. "Looking for Eric") und immer wieder mit der Politik flirtet (zuletzt als er sich in einer PR-Aktion zugunsten der Obdachlosenhilfe für ein paar Stunden zum französischen Präsidentschaftskandidaten erklärte), sendet Balotelli eher widersprüchliche Botschaften. Mal beschenkt er die Unterprivilegierten, dann lässt er sich von der Camorra durch Neapel führen. Mal kümmert er sich rührend um ein Problemkind, dann wirft er mit Dartpfeilen auf Juniorenspieler.

Andererseits ist Unberechenbarkeit ja wohl Ehrensache für Exzentriker. Sonst wären sie ja genauso langweilig wie alle anderen. Und Langeweile gilt es zu verhindern, deshalb hat Cantona auch schon mit 30 die Fußballschuhe an den Nagel gehängt. "Ich liebte das Spiel, aber ich wollte nicht länger früh ins Bett gehen, nicht mit meinen Freunden ausgehen, nicht trinken, nicht die ganzen andere Dinge tun, die ich am Leben mag."

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