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Jose Mourinho: Nach dem Adrenalinrausch folgt der große Kater

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Nach dem Adrenalinrausch Mourinho folgt der große Kater

02.03.2012, 12:42 Uhr | sid

Jose Mourinho: Nach dem Adrenalinrausch folgt der große Kater. José Mourinho gilt als der aktuell erfolgreichste Trainer im Profi-Fußball. (Quelle: imago)

José Mourinho gilt als der aktuell erfolgreichste Trainer im Profi-Fußball. (Quelle: imago)

Eine Kolumne von Jonny Giovanni

Bekanntermaßen ist José Mourinho ein begnadeter Motivator und Manipulator. Wie kein anderer Trainer kann er das Feuer in seinen Spielern entfachen. Sie zu seinen Verbündeten machen, Intensität und Gefühle in ihnen wecken, die sie nicht einmal selbst kannten. Seine Mannschaften wähnen sich auf einer Mission, und daher haben sie in der Regel auch so viel Erfolg. Bloß: Was passiert eigentlich, wenn der Mann weg ist?

Dann geht es drunter und drüber, wie ein Blick auf die Landkarte des europäischen Fußballs zeigt, die momentan zwei große Brandherde ausweist: London, genauer gesagt: Chelsea, und Mailand, präziser: die Internazionale. Die dortigen Trainer, André Villas-Boas und Claudio Ranieri, führen bei sämtlichen Wettbüros die Quoten für die nächsten Entlassungen an – jede Partie könnte ihre letzte sein. So sicher ist sich die Branche über ihr baldiges Ende, dass Villas-Boas schon als Nachfolger Ranieris in Mailand gehandelt wird.

Materazzi vergießt Tränen

Chelsea und Inter, natürlich, sind Mourinhos Ex-Klubs. An beiden Orten wird er immer noch verehrt, von den Fankurven, den Medien, den Spielern. Beide Klubs haben unter ihm goldene Zeiten erlebt. Und beide kämpfen immer noch mit seinem Erbe.

Mailand verließ Mourinho 2010 direkt nach dem Champions-League-Sieg, auf den der Klub seit 44 Jahren gewartet hatte. Im Parkhaus des Finalstadions Santiago Bernabéu, Mourinhos künftigem Arbeitsort, kam es zu einer rührigen, tränenerfüllten Umarmung mit Marco Materazzi, dem alten Haudegen aus der Verteidigung. Er hatte unter Mourinho kaum gespielt, dennoch: Ein hartes, volltätowiertes Mannsbild weinte wie ein Kind, es mochte sich ein Leben ohne „Mou“ nicht vorstellen. Das Bild war in seiner Symbolkraft  kaum zu überbieten – und in der Tat: für Inter kündigte es traurige Zeiten an.

Inter ist mittlerweile untrainierbar

Ranieri ist bereits der vierte Trainer seit jenem Sommerabend. Der forsche Rafael Benítez scheiterte nach einem halben Jahr beim Versuch der Veränderung, der konziliante Leonardo sah nach einem weiteren halben Jahr keine Perspektive mehr. Gian Piero Gasperini überlebte zu Beginn dieser Saison nur fünf Spiele, und Ranieri hat nach anfänglichem Erfolg mittlerweile historische Negativrekorde zu verantworten. Inter hat seit acht Spielen nicht mehr gewonnen, seit 471 Minuten kein Tor mehr geschossen und die letzten fünf Partien allesamt verloren. Die Mannschaft wirkt angestrengt und orientierungslos.

Es ist immer noch die Mannschaft Mourinhos: Torwart Julio Cesar, die Verteidigungsreihe Maicon, Lúcio, Samuel, Chivu, das Mittefeld Zanetti, Cambiasso, Stankovic, Sneijder. Aber in ihr lodert nicht mehr das Feuer aus den Mourinho-Tagen. Sie glaubt nicht mehr, sie strahlt nur Leere aus, körperliche, geistige, seelische Leere.

Mourinho hat mit Ex-Spielern noch Kontakt

Mourinho, das ist ein Adrenalinrausch, und wenn er weg ist, kommt der Kater. Nicht wenige behaupten, dass Mourinho den Entzug noch erschwert, weil er seine Ex-Spieler nicht loslässt, sie nicht freigibt von seinem Einfluss, für neue Aufgaben unter neuen Trainern. Portos Präsident Pinto da Costa deutete zuletzt an, dass Mou seine ehemaligen Spieler immer noch aus der Ferne manipuliert, er sprach von regelmäßigen SMS. Der Mann muss es wissen, in Porto ging Mourinhos Stern in den Jahren 2003 und 2004 auf.

Da Costa erwähnte das in Zusammenhang mit dem Schicksal von André Villas Boas, dem Chelsea-Trainer. Beim Londoner Klub, wo Mourinho 2007 gefeuert wurde, hatte sich Roman Abramowitsch etwas Besonderes ausgedacht, nachdem Avram Grant, Luiz Felipe Scolari und Carlo Ancelotti an der Hinterlassenschaft Mourinhos gescheitert waren. Abramowitsch überwies 15 Millionen Euro nach Porto, um den Teufel mit dem Beelzebub auszutreiben – er kaufte Villas-Boas, einen ehemaligen Weggefährten Mourinhos bei Porto, Chelsea und Inter, der in seiner ersten Saison als Porto-Cheftrainer eine exakte Duplik von Mourinhos erster Spielzeit fabriziert hatte, mit Meisterschaft, Pokal und Uefa-Cup.

Fußstapfen für Nachfolger zu groß

Doch an diesem Punkt enden die Parallelen. Während Mourinho damals ein Chelsea ohne größere Altlasten vorfand, hat sich Villas-Boas mit einer Riege alternder Stars auseinander zu setzen, die allesamt von Mourinho geformt wurden. John Terry, Frank Lampard, Didier Drogba, Petr Cech, Mickael Essien – oder Ashley Cole. Der warf seinem Trainer anlässlich der jüngsten Champions-League-Pleite in Neapel wenig freundliche Worte an den Kopf, sinngemäß: "Wir wollen gewinnen, aber mit deinen Taktiken können wir das nicht."

Im Fußball ist vieles Psychologie und Einbildung: wer nicht an eine Taktik glauben will, dem bringt sie auch keinen Erfolg. In Porto hatte Villas-Boas das Glück, mit einer neuen Generation arbeiten zu können. Bei Chelsea jedoch stehen die Spieler offenbar immer noch so sehr unter dem Bann Mourinhos, dass sie sich nicht auf etwas wirklich Neues einzulassen bereit sind. Dabei wäre genau das vonnöten, um wieder Erfolg zu haben. Denn selbst wenn jemand Mourinho kopierte – ein Plagiat ist nie so gut wie das Original.

Teurer Adrenalinrausch

Außerdem funktioniert auch Mourinho nicht endlos, auch unter ihm muss eine Mannschaft irgendwann für den Adrenalinrausch bezahlen. Er selbst hat das erkannt, deshalb zieht er alle paar Jahre weiter. Aber es ist ihm, der eine persönliche Presseabteilung unterhält und jedes Wort, jeden Schritt, jede SMS genau abwägt, schon ganz Recht, dass es viele andere nicht erkannt haben und ihn weiter in einem Maße glorifizieren, das jedem Nachfolger, Nach-Nachfolger oder Nach-Nach-Nachfolger die Arbeit praktisch unmöglich macht.  

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