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Atletico Madrid - der 1. FC Köln Spaniens

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Atletico Madrid - ein Klub, der fast immer enttäuscht

03.04.2012, 23:03 Uhr | t-online.de

Atletico Madrid - der 1. FC Köln Spaniens. Radamel Falcao ist Atlético Madrids Topstürmer. (Quelle: imago)

Radamel Falcao ist Atlético Madrids Topstürmer. (Quelle: imago)

Kolumne von Jonny Giovanni
Der Fußball, jetzt kommt keine Neuigkeit, ist heutzutage hoch professionell. Das bedeutet auch: er ist berechenbarer. Man muss sich beispielsweise schon ziemlich dumm anstellen, um ein Budget dauerhaft nicht auf den Platz zu bringen, sprich: das eigene Potenzial permanent und fulminant zu unterbieten. Möglich ist es gleichwohl, und, mal ehrlich, es tut dem Fußball doch gut, dass es auch Klubs wie den 1. FC Köln gibt. Oder wie Atletico Madrid.

Die Spanier, die am Donnerstag nach Hannover kommen, sind insofern ein herrlicher Anachronismus. Denn sie sind: komplett chaotisch. Jahr für Jahr geht der neunfache Meister und Pokalsieger sowie theoretisch drittgrößte Klub des Landes mit beeindruckendem Personal an den Start. Jahr für Jahr bleibt er spektakulär unter den Erwartungen. Seit 1996, als zum einzigen Mal in den letzten 35 Jahren die Liga gewonnen wurde, hat Atlético das nationale Championat nie besser als auf Rang vier abgeschlossen – jedoch 20 Trainer verschlissen. 

Pleiten, Pech und Pannen

Einen Titel gab es in dieser Zeit, doch der schuldete sich mehr der Europapokal-Arithmetik als irgendwelchen unwiderstehlichen Glanzvorstellungen. 2010 holte Atletico in Hamburg die Europa League, obwohl es von 15 kontinentalen Spielen nur drei gewonnen hatte. Es war eine selten glückliche Stunde inmitten der üblichen Pleiten, Pech und Pannen.

Der Alltag dagegen läuft so wie in dieser Spielzeit: Im Sommer werden hoffnungsvolle Akquisen getätigt, zuletzt etwa Radamel Falcao, der mit der Empfehlung seines Europapokalrekords von 17 Toren aus Porto kam, oder Diego, der von Wolfsburg ausgeliehene Spielmacher. Irgendwann früh in der Saison gelingen dann ein paar gute Spiele, was die Träume gleich ins Nirwana sprießen lässt.

So reiste Atletico nach zweimal 4:0 über Santander und Gijón am fünften Spieltag auf gefühlter Augenhöhe zum FC Barcelona (im Ergebnis gab es, fast schon obligatorisch, ein 0:5). Es folgen Monate der Unzufriedenheit, mit der üblichen Derbyniederlage gegen Real (im Stadtduell ist Atlético seit 1999 sieglos) und apathischen Darbietungen, die irgendwann nur noch so selten von dem eigentlich zu erwartenden Niveau unterbrochen werden, dass die Klubführung all ihren zuvor geäußerten – und wohl sogar ernst gemeinten – Stabilitätssehnsüchten zum Trotz den Trainer entlässt. Diese Saison war es Weihnachten so weit, Gregorio Manzano musste gehen.

Miese Stimmung auch bei den Fans

Immer der gleiche Film, aber warum bloß? Manche glauben an einen Fluch, seit Bayern Münchens Hans-Georg Schwarzenbeck in der 120. Minute des Landesmeisterpokalfinals 1974 einen Weitschuss versenkte und Atletico so die Krönung der Vereinsgeschichte vermasselte. Eine rationalere Erklärung würde wohl bei der Klubübernahme durch den so populistischen wie korrupten Jesús Gil y Gil im Jahre 1987 ansetzen. Einem Mann der fatalen Superlative: 1993/94 brauchte er für eine Saison sechs Trainer.

Gil ist zwar mittlerweile verstorben, doch seine Familie bestimmt bis heute die Geschicke und sein cholerischer Geist lebt fort. Atletico kommt einfach nicht aus seiner Haut, und das bedeutet: Ungeduld, Pöbeleien, schlechte Laune. Auch und vor allem bei den Fans. Von früher Forlán bis jetzt Falcao werden gerade die Leistungsträger bisweilen erbarmungslos ausgepfiffen. Legendär ist der Satz eines Klubkapitäns, der seine Kollegen vor dem Anpfiff folgendermaßen auf das bevorstehende Match einschwörte: "Okay, Jungs, wir spielen jetzt gegen 50.000 Leute da draußen". Atletico, wohl gemerkt, hatte ein Heimspiel.

Wer zu Atletico kommt, wird oft schlechter

In dieser Atmosphäre, beobachtete der aktuelle Geschäftsführer Miguel Ángel Gil Marin, ist es schwer etwas zu erreichen. "Viele Spieler bringen schlechtere Leistungen als erwartet, wenn sie zu Atlético gehen. Der Druck der Fans hinterlässt Spuren. Es ist irgendwie ein psychologisches Problem.“ Im Resultat lebt Atletico in einem dauernden Ausnahmezustand, der es wiederum unmöglich macht, der Mannschaft so etwas wie Konstanz oder eine feste Spielidee zu geben. Es mangelt an einer belastbaren Identität. 

Oder muss man sagen: es mangelte? Auf Manzano nämlich folgte Diego Simeone, und der hat es immerhin geschafft, dass trotz bereits drei Monaten im Amt immer noch viele daran glauben, dass es diesmal anders laufen könnte. Wo sich sein Vorgänger aus Angst vor Pfiffen und weißen Taschentüchern schon gar nicht mehr von der Bank weg traute, wird Simeone von den Fans ausgiebig gefeiert und besungen: Olé, olé, olé – El Cholo Simeone. "El Cholo" ist sein Spitzname, und den Song sangen sie schon im Meisterjahr 1996. Simeone war damals Spieler, mehr: er war Lunge und Herz der Mannschaft.

Führt Simeone den Klub aus dem Tal?

So einer hat natürlich günstigere Startvoraussetzungen, zumal ihm auch noch das Talent zum Volkstribun gegeben ist. Der Argentinier versteht und berührt die Seele der Anhänger besser als jeder Spanier, der hier seit der schrulligen Klubikone Luis Aragonés trainierte. Simeone, 106-facher Nationalspieler und berühmt geworden nicht zuletzt für den von ihm provozierten Platzverweis von David Beckham bei der WM 1998, predigt, was ihn selbst auszeichnete: Intensität und Leidenschaft, Wettkampfhärte und Siegeswille. Tore seiner Elf bejubelt er wie ein Fan, von den Spielern forderte er, Anfeuerungen des Publikums umgehend zu erwidern. Simeone ist volksnah, bisweilen demagogisch – und damit wie maßgeschneidert auf die Bedürfnisse und Neurosen des Arbeiterklubs Atletico. 

Böse Zungen lästern, der Fußball ist auch nicht besser als vorher, aber darauf kommt es vielleicht gar nicht so sehr an. Simeone hat dem Klub wenigstens mal wieder eine schlüssige Vorstellung davon gegeben, was er sein kann und wohl auch sein will. Mit seiner Rhetorik von Kampf und Aggressivität hat er die Fans hinter der Mannschaft geschart. Die Ergebnisse sind auch etwas besser geworden. Vielleicht kommt jetzt ja wirklich der Turnaround. Anderenfalls kommt ganz bestimmt bald der nächste Trainer.

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