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Italien: Gegnerische Fans huldigen den Trainer von AS Rom

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Der böhmische Maestro ist zurück

13.09.2012, 08:01 Uhr | t-online.de

Italien: Gegnerische Fans huldigen den Trainer von AS Rom. Zdenek Zeman - der böhmische Magier - steht für schönen und sauberen Fußball. (Quelle: imago)

Zdenek Zeman - der böhmische Magier - steht für schönen und sauberen Fußball. (Quelle: imago)

Eine Kolumne von Johnny Giovanni

"Geehrt sei Zeman: Ikone des sauberen Fußballs": Dieses Plakat hing beim letzten Spieltag der Serie A in Mailands San Siro. Die Blauschwarzen von Inter hatten ein Heimspiel, die Fans hatten das Transparent mitgebracht, aber es galt nicht einem der Ihren, nicht mal einem, der irgendwann mal bei ihnen gewesen wäre. Es galt dem Trainer des Gegners von der AS Roma: Zdenek Zeman.

Im italienischen Fußball mehr noch als anderswo ist so etwas eine kleine Sensation. Unnachgiebig, bösartig und nicht selten gewalttätig werden dort für gewöhnlich die Feindschaften zwischen den Anhängern zelebriert – mit wenigen Ausnahmen. Inter und Roma gehört nicht dazu, die Mailänder sympathisieren vielmehr mit dem anderen Hauptstadtklub Lazio, den wiederum mit der AS eine der heftigsten Rivalitäten des Planeten Fußball verbindet. In einer einzigen Angelegenheit herrscht Einigkeit unter fußballbegeisterten Römern: Zeman. Dem huldigen beide Lager.

Ein ketterauchender Schleifer

Ganz offensichtlich muss es sich bei diesem Mann also um jemanden Besonderen handeln. Zeman, 65-jähriger Italo-Tscheche, ist tatsächlich sehr besonders. Er spricht wenig, singt dafür aber gern selbstgedichtete Lieder vor sich hin. Er raucht Kette. Er ist bekannt für sommerliche Schleiferei à la Felix Magath, aber gleichzeitig anerkannter Prophet des schönes Spiels. Aber vor allem ist Zeman: wieder da. 

13 Jahre nach seinem Abschied von der Roma hat er sie im Sommer wieder übernommen. Und nach einem überzeugenden 3:1 in besagtem Spiel bei Inter hofft nun halb Italien, dass es vielleicht doch noch mal mit einer Meisterschaft klappt für "Il Boemo", den "Böhmen". So nennen sie ihn alle.

Zeman steht für Offensiv-Spektakel

Um Zemans immense Popularität zu verstehen, muss man ihn gegen die Fußball-Kultur seines Landes schneiden. Sein Land bedeutet: Italien. Dessen Staatsbürger ist er seit knapp vier Jahrzehnten. 1968 war Zeman auf Besuch bei einem Onkel in Sizilien, als er von der Niederschlagung des Prager Frühlings erfuhr. Er blieb, studierte Sport, entwickelte seine fußball-taktische Lehre und verbrachte in Italien, abgesehen von kurzen Abstechern nach Istanbul und Belgrad, seine komplette Trainerlaufbahn.

Dem weiten Publikum bekannt wurde er zwischen 1989 und 1994 mit dem "Foggia der Wunder". Diese bestanden aus zunächst zwei Aufstiegen und dann drei sorgenfreien Saisons in der Serie A, damals mit Abstand die stärkste Liga der Welt. Mit größtenteils namenlosen Spielern ließ Zeman im goldenen Zeitalter des Catenaccio einen tollkühnen Offensivfußball spielen, sein 4-3-3-System, das bei Ballbesitz zu einer Art 2-3-5 wurde, passte damals ungefähr so gut in die italienische Kicker-Landschaft wie ein Wolkenkratzer nach Venedig. Auch später mit Lazio (1994 –97) und in der ersten Roma-Amtszeit (97 –99) ging das logischerweise häufig auf Kosten der Defensive, weshalb er nie besser als Zweiter wurde (1995 mit Lazio).

Für Zeman zählt mehr als das Resultat

Zeman focht das nicht an, er war immer überzeugt davon, dass der Fußball mehr zu geben hat als Resultate. Seine große Anhängerschar bestätigte ihn darin, es gibt Lieder und Filme aus den Neunziger Jahren der "Zemanlandia". Doch der Mann ist mehr als Kult oder ein Maverick, der einfach von einer Nische des Andersseins profitiert. Zdenek Zeman hat außerordentliches Rückgrat. Seine Homepage verkündet sein Credo: "Die große Popularität des Fußballs in aller Welt kommt daher, dass sich auf jedem Markplatz in jedem Winkel der Welt ein Kind mit dem Ball an den Füßen vergnügt, aber heutzutage ist der Fußball immer mehr Industrie und immer weniger Spiel."

"Fußball hat sich in die Fänge der Apotheker begeben"

So reden viele – danach handeln die wenigsten. Zeman tat es oft, am deutlichsten 1998, als er mit einem Zeitungsinterview die bis heute einzige ernsthafte Auseinandersetzung mit Doping im Fußball heraufbeschwor. "Der Fußball hat sich in die Fänge der Apotheker begeben", sagte er und wunderte sich öffentlich über den plötzlichen Muskelzuwachs der Juventus-Stars Alessandro del Piero und Gianluca Vialli. Diese überzogen ihn mit Klagen, Vialli nannte ihn einen "Terroristen", Juves Ex-Trainer Marcello Lippi einen "Nestbeschmutzer", Juve-Strippenzieher Luciano Moggi versuchte ihn zu diskreditieren ("der braucht mal einen mit dem Knüppel"). Staatsanwaltschaft und Politik jedoch hörten dem Böhmen zu. Zemans Interview führte zu Ermittlungen, zum gerichtsfesten Nachweis von Epo-Doping bei Juventus zwischen 1994 und 1998 sowie letztlich mit zum Erlass eines italienischen Antidopinggesetzes.

Beinahe wäre es dem Fußball-System trotzdem gelungen, Zeman auszusondern. Ein Jahr später wurde er in Rom entlassen. Weil seine Teams immer in winterliche Ergebniskrisen verfielen, aber auch, weil er schlichtweg zu unbequem und gegen die später im Manipulationsskandal offengelegte Moggi-Connection nichts zu machen war. Oder lag es nicht auch an Zemans Äußerungen, dass die Roma so oft von den Schiedsrichtern zu benachteiligt werden schien? "Ich vermute, dass wir dafür bezahlen müssen", mutmaßte Klubchef Franco Sensi damals.

Die drei besten Fußballer? "Totti, Totti, Totti"

Nach einer gescheiterten Anstellung in Neapel schien Zemans Stern verglüht. Ein Jahrzehnt lang tingelte er durch die Provinz, erst vorige Saison machte er plötzlich wieder Furore: Mit dem klassischen Zeman-Fußball, mit vielen Gegentoren, aber noch mehr eigenen Toren, führte er Außenseiter Pescara zum Aufstieg in die Serie A. Und als sie bei der Roma, inzwischen in amerikanischer Eigentümerschaft, nach dem gescheiterten Experiment einer Barça-Kopie mit Luis Enrique einen neuen Trainer brauchten, riefen sie diesmal lieber ein Original zurück: Zeman.

"Er ist wie immer – er raucht viel und spricht wenig", sagt der ewige Roma-Kapitän Francesco Totti, den mit Zeman seit dessen erster Amtszeit eine fußballerische Liebesbeziehung verbindet. "Totti, Totti, Totti", sagte Zeman einmal gefragt nach den drei besten Fußballern der Serie A. Die Präsenz des quasi unkündbaren Volkstribuns im Kader empfindet er nicht als Ballast wie die meisten seiner Vorgänger. Für ihn ist das ein Geschenk. Bei beeindruckenden 3:1 in San Siro dirigierte der bald 36-jährige Totti die ansonsten mutig verjüngte Truppe wie zu seinen besten Zeiten.

"Ich respektiere zum Gewinnen nur gern die Regeln"

Die Gazetten schrieben danach jedoch ausnahmsweise weniger von ihm, als vom "böhmischen Magier" und dem "böhmischem Maestro". Dessen Mannschaft attackierte wie eh und je, selbst bei Inter, selbst als sie schon in Führung lag. Mit einigen taktischen Nuancen, etwa der vollen Freiheit für den formal als Flügelstürmer aufgebotenen Totti, zeigte Zeman den Hauch von Pragmatismus, der früher vielleicht manchmal fehlte. Nach Spielschluss machte denn auch Inter-Präsident Massimo Moratti, über die Jahre einer der anderen eher Aufrechten im Calcio und daher Zeman schon immer zugeneigt, seine Aufwartung: "Ich hoffe, Zemans Lektion hilft auch uns".

Die Moden haben sich geändert, Zeman gilt nicht mehr als Außenseiter, sondern als Wegweiser für einen Fußball, den inzwischen auch in Italien fast alle spielen wollen. Passenderweise wird seine Roma, mit Totti und de Rossi, mit den Neu-Nationalstürmern Destro und Osvaldo, für durchaus titelfähig gehalten. Sie müsste dafür allerdings Zemans historischen Gegenspieler Juventus stürzen, der mit seinem Starrsinn in der Affäre um den wegen Manipulationsverdacht gesperrten Trainer Antonio Conte erstaunlich schnell wieder von den salbungsvollen Versprechen nach Ende der Moggi-Ära in die Rolle des Bösewichts zurückgefunden hat. Angesichts dieser Konstellation sind Zeman die neutralen Sympathien gewisser denn je. Der Scudetto wäre die passende Krönung einer außergewöhnlichen Trainerkarriere und bei aller Romantik hätte der Hauptdarsteller natürlich auch nichts dagegen. "Es ist nicht so, dass ich nicht gern gewinne", hat er einmal gesagt. "Ich respektiere zum Gewinnen nur gern die Regeln."

 

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