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Sami Khedira und die Spanier – ein Missverständnis

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Ungeliebter Real-Profi  

Khedira und die Spanier – ein Missverständnis

13.11.2013, 10:44 Uhr | t-online.de

Sami Khedira und die Spanier – ein Missverständnis. Sami Khedira lässt sich von der Kritik nicht kleinkriegen. (Quelle: imago/Miguelez Sports)

Sami Khedira lässt sich von der Kritik nicht kleinkriegen. (Quelle: Miguelez Sports/imago)

Eine Kolumne von Florian Haupt

Kürzlich war Carlo Ancelotti in einer spanischen Radiosendung zu Gast, er wurde zu diesem und jenem befragt, irgendwann also auch zu Sami Khedira. Und Ancelotti, der einen guten Tag hatte, sagte mit der feinen Ironie, die ihn an solchen Tagen auszeichnet: "Womöglich sind ja alle Trainer verrückt."

Die Frage war, warum der deutsche Mittelfeldspieler von Real Madrid zwar nach fast jedem Spiel in der Öffentlichkeit kritisiert, von seinen Trainern aber doch immer wieder aufgeboten wird. Wie es sein kann, dass Fans und Medien in Khedira so wenig sehen, Trainer aber so viel? Egal, ob sie Joachim Löw heißen, José Mourinho oder eben jetzt Carlo Ancelotti.

Auch bei guten Leistungen schlecht bewertet

Khedira muss harte Urteile erdulden, vorigen Monat klagte er dem heimischen "kicker": "Selbst wenn ich gute Leistungen abrufe, werden die schlecht bewertet." Er erklärt sich das mit drei Faktoren: "Ich bin kein Spanier, habe nicht viel Geld gekostet und bin ein Mourinho-Schüler." Ist es das wirklich? Für Mesut Özil galt das auch alles. Und den haben sie geliebt.

Offenbar gibt es da also ein gegenseitiges Problem: Khedira versteht die Spanier nicht. Und die verstehen ihn nicht.

Ein Blick auf die Noten von Spaniens größter Sportzeitung "Marca": Dort kommt Khedira nach dem ersten Saisondrittel in der landesüblichen Skala von 1 (sehr schlecht) bis 10 (sehr gut) auf einen Durchschnittswert von 5,2. Alle anderen Real-Profis bewegen sich zwischen 5,9 und 7. Wer nur diese Noten sieht, der muss also denken: Khedira drückt das Niveau der Mannschaft erschreckend nach unten.

Genau das finden viele auch. Er sei weder gut im Angreifen noch im Verteidigen. Er könne nur rennen und kämpfen. Und immer wieder: Ein Mittelfeldspieler von Real Madrid müsse mehr anbieten.

Vergiftetes Lob der Presse

Gelingt ihm etwas unzweifelhaft Gutes, wie zum Beispiel ein Tor, wird das eher überrascht registriert. "Alles lief so geschmiert, dass sogar Khedira sich frei machte", schrieb "Marca“ über Madrids 5:1 am Wochenende gegen Real Sociedad, zu dem der Deutsche einen Treffer beisteuerte – den ersten eines anderen Spielers nach 15 in Serie des Angriffsdreiecks aus Bale, Benzema und Cristiano (Ronaldo), genannt BBC.

In dessen Sog wird der ganzen Elf seit einigen Spielen eine klare Steigerung zugestanden, Khedira inklusive. Aber in seinem Fall hat auch dieses Lob etwas Vergiftetes. Khedira zeige sich nämlich deshalb verbessert, so heißt es, weil er seit der Rückkehr des verletzten Xabi Alonso von sämtlichen Pflichten in der Spieleröffnung entbunden wurde – und sich ganz auf seine Talente konzentrieren könne, eben: Rennen, Pressen, Kämpfen.

Vermeintlich hölzerner Stil

In der Tat fällt Khedira just in dem Bereich ab, der im Land der Xavis und Iniestas als Einmaleins jedes Mittelfeldspielers gilt: Annehmen, gucken, passen, in einer Bewegung, immer präzise weiterspielen und immer die richtige Option wählen. Das sieht bei ihm schon etwas hölzerner aus. Dabei ist es wohl gar nicht mal so, dass er per se unbrauchbar wäre für ein gepflegtes Aufbauspiel. Es wurde von ihm in den letzten Jahren einfach nicht verlangt. In Mourinhos Soldatenfußball sollte sich Khedira weniger an der Spieleröffnung beteiligen als permanent den Zweikampf suchen – hohe Bälle jagen, Abpraller kontrollieren, das Gegenpressing beginnen.

Mourinho imponierten vor allem seine Physis und seine defensive Intelligenz. Er funktionierte den in der Nationalelf – siehe etwa EM 2012 – durchaus mehr als bloß rennenden und kämpfenden Khedira zu einem reinen Trainerspieler um. Der Deutsche wurde sein Mann für die unsichtbare Arbeit, der große Räume kontrollierte, Lücken hinter aufrückenden Außenverteidigern schloss, Balleroberungen der Mitspieler ermöglichte. Ancelotti schätzt diese Vorzüge ebenfalls; weil es der Italiener dazu gern etwas offensiver hat, soll Khedira den kreativen Tätigkeiten unter ihm aber nicht mehr ganz abschwören müssen.

Khedira als Variante von Gattuso

Ancelotti hat wild experimentiert, bevor er seit der Rückkehr von Alonso die ideale Mittelfeldformation für sein 4-3-3 gefunden zu haben scheint. Khedira ist da fest eingeplant, und womöglich wird die Arbeitsteilung ähnlich gut funktionieren wie früher in Ancelottis Ära beim AC Milan: mit einem Quarterback (Pirlo bzw. Alonso), einem Allrounder (Seedorf bzw. Modric) und einem Fighter. Der Gattuso wäre dann Khedira; allerdings in einer sachlicheren, weniger furiosen Version.

Ancelotti wollte den Deutschen nicht abgeben

Ancelotti ist derart überzeugt von Khedira, dass er sich im Sommer – anders als bei Özil – sogar gegen den Willen von Florentino Pérez durchgesetzt haben soll, um ihn zu behalten. Der Präsident wollte den zweiten Deutschen angeblich gleich mit verkaufen, weil es ihm letztlich nicht viel anders geht als den vielen Kritikern: er weiß nicht so recht, wofür Khedira gut ist, weil der selten etwas macht, das besonders auffällt; selbst die Defensivstatistiken führen meist Andere an.

Die Debatte geht quer durch Klub und Medien, in denen sich schon auch ein paar Befürworter äußern. Und weil es Fußball ist, weil es dort eben nicht nur richtig und falsch gibt, und nicht nur unterschiedliche Meinungen, sondern auch unterschiedliche Strategien, haben alle irgendwo ein bisschen recht. In Tiki-Taka-Land wird einer wie Sami Khedira so schnell nicht zum Fanliebling taugen. Aber vielleicht wird er sich unter Ancelotti ja bald als der komplette Mittelfeldspieler zeigen können, der er sein kann.

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