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Primera Division: Europas heißestes Derby steigt in Sevilla

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Abgrundtiefe Abneigung  

Europas heißestes Derby steigt in Sevilla

25.11.2013, 10:35 Uhr | t-online.de

Primera Division: Europas heißestes Derby steigt in Sevilla. Im Sevilla-Derby ging es hitzig zur Sache. Nach diesem Foul flog Paulao (re.) vom Platz. (Quelle: dpa)

Im Sevilla-Derby ging es hitzig zur Sache. Nach diesem Foul flog Paulao (re.) vom Platz. (Quelle: dpa)

Eine Kolumne von Florian Haupt

Üble Attacke 
Fußballfan schlägt auf Torwart ein

Plötzlich stürmt er auf das Spielfeld und geht auf den Keeper los. Video

Es gibt Spiele, die muss man erlebt haben, um sie zu verstehen. Eine gute Stunde vor Anpfiff weist Rauch den Weg zum Stadion ein paar hundert Meter nördlich der Altstadt. Bengalische Feuer hüllen die Straße in Rot. Tausende Fans schwenken ihren Schals, singen ihre Lieder und jubeln dem einfahrenden Mannschaftsbus zu. WM-Finale? Nicht ganz. Der Tabellen-Elfte der spanischen Liga spielt gegen den Tabellenletzten. Die Sache ist: Beide kommen aus derselben Stadt.

Es ist das einzige, was den Sevilla Club de Fútbol, kurz: Sevilla, und Real Betis Balompié, kurz: Betis, miteinander verbindet. Ansonsten legt man höchsten Wert darauf, nichts miteinander zu tun zu haben und auch nicht ansatzweise in den Verdacht gegenseitiger Sympathie zu geraten. Man könnte auch sagen: Es gibt kaum ein Derby in Europa, das von so abgrundtiefer Abneigung getragen wird.

Wer ist die Nummer eins der Stadt?

Natürlich haben beide auch ihre eigenen Stadien. An diesem Sonntagabend wird im Ramón Sánchez Pizjuan des FC Sevilla gespielt. Es hüpft und schreit, die Lautstärke ist atemberaubend. "Geboren, um Sevilla zu dominieren", steht auf einem riesigen Transparent, das die Sevilla-Fans enthüllen.

Dabei ist in der Hauptstadt Andalusiens eben gerade nicht so recht klar, wer dominiert. Nach Anhängerschaft und Historie sind beide Klubs in etwa gleich groß. Das macht dieses Derby so interessant – und so wichtig. Atletico Madrid kann Real Madrid schlagen und wird doch immer kleiner sein, der FC Barcelona gegen Espanyol verlieren und wird doch immer größer sein. Hier aber entscheidet sich mal wirklich, wer die Nummer Eins der Stadt ist.

Flaschenwurf auf Trainer der negative Höhepunkt

Im Oberrang der anderen Kurve sitzen die Betis-Fans. Auch sie sind im Stadion, das ist durchaus erwähnenswert. Es gab Zeiten, da war das Verhältnis beider Klubs so schlecht, dass der eine den anderen aussperrte. Und die Stimmung so aufgeheizt, dass jedes Derby zum Sicherheitsrisiko wurde.

Mal flogen Messer aufs Spielfeld, mal Böller von einem Block in den anderen. Höhe- bzw. Tiefpunkt war im Jahr 2007 ein Flaschenwurf auf Sevillas Trainer Juande Ramos, der zur vorübergehenden Bewusstlosigkeit des Übungsleiters und zum Abbruch des Spiels führte.

Inzwischen hat sich die Beziehung soweit normalisiert, dass es alle gemeinsam vor dem Anpfiff schaffen, eine Schweigeminute für die Taifunopfer auf den Philippinen einzulegen. Sobald die Partie aber läuft, wird es von einem spektakulären Aggressionslevel getragen. Es spielt keine Rolle, ob die Spieler aus Sevilla kommen oder aus Schweden, ob sie ein Leben lang im Verein sind oder ganz neu. Der Anspannung des Derbys kann sich seit Tagen hier keiner mehr entziehen. Es gab Sondertrainingslager und Geheimnistuerei. Nach schier endlosem Warten, verlängert durch die Länderspielpause, werden sie endlich aufeinander losgelassen.

Bacca sorgt für Jubel-Stürme

Gleich mit dem ersten seriösen Angriff geht Sevilla 1:0 in Führung, ein langer Ball wird von Mittelstürmer Bacca gekonnt verwertet. Der Jubel ist so orkanartig, dass er sogar die obligatorische Stampfmusik aus den Lautsprechern übertönt. Und Sevillas Spieler wie Bacca oder Regisseur Ivan Rakitic sind jetzt erst so aufgepumpt, dass sie bei Betis’ Wiederanstoß zu früh in die gegnerische Hälfte sprinten.

Es dauert etwa 15 Minuten, bis es zum ersten Mal hässlich wird. "El otro Fußball", der andere Fußball, wie man in Spanien sagt, hat in diesem Derby meistens einen großen Auftritt: Provokationen, Tätlichkeiten, Schauspielerei. In drei aufeinanderfolgenden Szenen reklamieren Spieler von Sevilla einen gezielten Hieb aufs Knie, einen absichtlichen Schlag ins Gesicht und einen gewollten Stoß in den Rücken.

Plastikflaschen von der Tribüne

Als dann umgekehrt ein Gäste-Akteur zu Boden geht, regnet es beim folgenden Freistoß Plastikflaschen von den Tribünen. Sevilla führt, es versucht zu kontrollieren, aber dieses Spiel entzieht sich der reinen Taktik-Lehre, dafür ist einfach zu viel Passion im Spiel. Gewalt folgt auf Gewalt, es scheint nur eine Frage der Zeit, bis jemand durchdreht.

Derjenige ist dann Betis-Verteidiger Paulao, der Reyes von hinten gemeingefährlich in die Beine tritt, was auch die rote Karte legitimiert hätte, aber der in dem ganzen Durcheinander bewundernswert kühle Schiedsrichter Estrada Fernandez belässt es bei Gelb-Rot. Traurig und langsam, fast gebrochen schleicht der dunkelhäutige Abwehrspieler vom Platz und lehnt seinen Kopf an die Reservebank.

Affenlaute aus dem Publikum

Begleitet wird sein Abgang von Affenlauten aus dem Publikum. Es ist der Punkt, an dem Derbyfolklore aufhört und Rassismus beginnt: dass die Rufe überwiegend aus der eigenen Kurve kommen, sollte Betis mindestens so zu denken geben wie der letzte Tabellenplatz.

Umso stärker ist das Zeichen, als Sevillas dunkelhäutiger Spieler Mbia aus dem anschließenden Freistoß das 2:0 köpft. Der Mittelfeldspieler dreht eine Ehrenrunde über den Platz, die erneuten Affenlaute gehen im Jubel unter, und Betis hat das Spiel schon so gut wie verloren. Die Emotionen fährt das weiter hoch. Betis’ Assistent muss wegen Protestierens auf die Tribüne, nach der nächsten Grätsche werden Nasenstüber ausgetauscht, dann ist Halbzeit. Zur Pausenfüllung tritt ein Schmalzpopsänger auf, was nach 45 Minuten Heavy Metal ein kleines bisschen absurd wirkt.

Andererseits ist Sevillas Anhang ja durchaus in der Stimmung für große Gefühle. Voller Inbrunst schmettert er seine unzähligen Lieder. In der gesamten zweiten Hälfte geht es nur noch darum, wie deutlich das Debakel des Nachbarn ausfallen wird. Guten Fußball gibt es dabei auch vermehrt zu sehen, das 3:0 ist sowohl in der Vorarbeit von Bacca als auch in der Vollendung von Vitolo von dandyhafter Eleganz. Zeit für die Olé-Rufe bei jeder Ballstafette, und von denen gibt es jetzt viele.

Oder für lustvolle Schmähgesänge in Richtung Betis, in die hinein Iborra kurz vor Schluss das 4:0 köpft. Ein letztes Mal wird jetzt auf Starkstrom geschaltet: Fünf Tore werden in Spanien "manita" genannt, das "Händchen" – für jeden Finger einen. Sie gelten nach allgemeinem Dafürhalten als vollendete Demütigung. Also fighten die Spieler noch einmal, als gelte es einen Rückstand auszugleichen, und die Zuschauer pfeifen, als der Stadionsprecher nur zwei Minuten Nachspielzeit ansagt.

Es bleibt beim 4:0. Hingebungsvoll wird die Vereinshymne gesungen, ein rauschender Abend geht zu Ende, die Machtverhältnisse sind geklärt, die Saison nun Sevillas Freund. Im Mittelkreis bilden die Spieler einen Kreis und hüpfen. Als wären sie Weltmeister.

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