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FC Barcelona: die Wahrheit im Fall Neymar

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Hoffen auf Guardiola  

FC Barcelona: die Wahrheit im Fall Neymar

27.01.2014, 23:26 Uhr | t-online.de

. Der Wechsel von Neymar zum FC Barcelona wirbelt im Nachhinein mächtig Staub auf. (Quelle: imago/PanoramiC)

Der Wechsel von Neymar zum FC Barcelona wirbelt im Nachhinein mächtig Staub auf. (Quelle: imago/PanoramiC)

Von Florian Haupt

Es war eine unpolitische Nacht im Camp Nou. Okay, nach 17 Minuten und 14 Sekunden jeder Halbzeit forderte ein Teil des Publikums wie immer die katalanische Unabhängigkeit ein – der Zeitpunkt schuldet sich dem Jahr 1714, damals verlor Katalonien seine eigenständigen Rechte. Aber das ist inzwischen schon festes Ritual. Beim Heimspiel gegen Malaga jedoch war darüber hinaus die eine oder andere Meinungskundgebung zu den Geschehnissen im Mikrokosmos des FC Barcelona erwartet worden – die Spanien seit Tagen in Atem halten.

Erwarten worden war: eine Reaktion auf die Turbulenzen in der Führungsetage, eine Art Referendum über die Amtsübergabe des zurückgetretenen Präsidenten Sandro Rosell an seinen Vize Josep Maria Bartomeu, ein Fan-Statement zu den dubiosen Verträgen bei der Verpflichtung von Neymar, die Rosell kaschieren wollte. Trotz, Empörung, Solidarität – was auch immer. Nichts von dem passierte.

Wie vernagelt 
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Was sie auch versuchen, der Ball will einfach nicht über die Linie. Video

Barca ist mit einem deutschen Verein nicht vergleichbar

Dass es so ein entspannter, normaler Abend werden würde – eingeschlossen das 3:0 gegen die von Bernd Schuster trainierten Südspanier, der 25. Liga-Heimsieg in Folge –, das hatten nur erfahrene Beobachter geahnt. Über die Klubpolitik, so drückte es einer nach dem Abpfiff aus, reden die Fans unter der Woche in den Bars und Restaurants. Beim Spiel, im Stadion geht es um Fußball. Die Leute können dann sehr kritisch sein: Legendär ist ein Heimspiel unter Trainer Bobby Robson gegen Osasuna, als die Zuschauer ihren Unmut über die eigene Mannschaft mit dem traditionellen Schwenken weißer Taschentücher ausdrückten – beim Stand von 6:0. Von den Rahmenbedingungen des jetzigen Theaters jedoch wollen sie in den 90 Minuten ihre Ruhe haben.

Also ab in die Bars, und da drehen sich die Gespräche auch eine halbe Woche nach dem Rücktritt von Rosell und der Inthronisierung von Bartomeu immer noch um wenig anderes. Wie auch, wo sich die Nachrichtenlage fast stündlich ändert, wo jeder jeden belauert, wo Allianzen geschmiedet und Deals verabredet werden. Der FC Barcelona ist in dieser Hinsicht mit Sportvereinen aus Deutschland nicht vergleichbar – eher mit der SPD, wenn sie gerade mal wieder einen neuen Vorsitzenden braucht.

Cases avanciert zum berühmtesten Apotheker Kataloniens

Ein Deal existiere, hieß es etwa, zwischen dem neuen Präsidenten und dem Mitglied Jordi Cases, das durch eine Anzeige gegen Rosell die ganze Lawine erst ins Rollen gebracht hatte: Cases werde die Klage zurückziehen, der Klub dafür auf Repressalien gegen ihn verzichten. Doch am Montagnachmittag machte der Apotheker aus dem Hinterland Barcelonas einen Rückzieher. So lange der Verein ihm diesen Verzicht nicht schriftlich erkläre, bleibe seine Anzeige wirksam.

Cases musste für diese Erklärung eine Pressekonferenz einberufen, er ist inzwischen der berühmteste Apotheker Kataloniens. Sein Haus in der Ortschaft Olesa de Montserrat wird praktisch rund um die Uhr von Journalisten und Fotografen belagert.

Bartomeu schiebt alles auf Madrid

Ein anderer Akteur ist die MCM Group, die vom Klub noch 100 Millionen Euro Schadensersatz wegen nicht gehaltener Zusagen bei der Vermarktung der Fassade von Barcas Nachwuchsakademie La Masia verlangt. Die Abmachung wurde noch mit Ex-Präsident Joan Laporta getroffen, doch Rosell – von seinem Ex-Boss in tiefster Feindschaft entzweit – wollte nichts von ihr wissen. Natürlich ist die geforderte Summe hoffnungslos übertrieben, aber MCM wittert seine Chance und erklärte, die Klage bei einem Rückzieher von Cases zu übernehmen. Dass der schillernde, wegen eines Finanzskandals zwischenzeitlich inhaftierte Ex-Chef der spanischen Kreditbank Banesto und heutige Anwalt Mario Conde den Fall betreuen soll, steigert den Reiz der Angelegenheit bis ins Absurde.

Um ein wenig abzulenken von so viel Malaise verfolgt Bartomeu eine naheliegende und in Katalonien seit jeher populäre Strategie: er schiebt alles auf Madrid. "Dort fällt es schwer zu verdauen, dass wir Neymar und Messi in Barcelona haben und in den letzten Jahren so dominierten“, sagt Bartomeu. "Was sie auf dem Platz nicht schaffen, versuchen sie an den Schreibtischen zu gewinnen.“

Neymar war gar kein Schnäppchen

Insgesamt hat der Neue, da sind sich die meisten einig, bisher vieles richtig gemacht. Er wirkt ungekünstelt und sympathisch. Die ersten Tore unter seiner Präsidentschaft gegen Malaga feierte er auf natürliche Weise, ohne Staatsmanngehabe, aber auch ohne übertriebene Siegergesten. Und während Rosell zuletzt so auskunftsfreudig war wie ein nordkoreanischer Kriegsminister, förderte "Barto" bei seiner Präsentation die Debattenlust eines Grünen-Parteitags. Zwei Stunden stellte er sich der Presse.

Es gab ja auch viel zu bereden. Und zu erklären. Und einzugestehen, auch wenn das so deutlich keiner sagen wollte. Die Öffentlichkeit lernte, dass der Transfer des zum Superstar des Weltfußballs auserkorenen Neymar nicht 57,1 Millionen Euro gekostet hat, wie der Klub monatelang behauptet hatte, sondern 86,2 Millionen Euro (ohne Gehalt und Erfolgsprämien). Das vermeintliche Schnäppchen ist damit der drittteuerste Fußballer der Geschichte, nach Gareth Bale (91 Millionen laut Real Madrid, 101 Millionen laut seinem Agenten) und Cristiano Ronaldo (94 Millionen). Und mit ziemlicher Sicherheit derjenige, bei dem die größten Handgelder geflossen sind. Denn nur 17,1 der 86,2 Millionen gingen als Ablöse an Neymars Ex-Klub Santos, der Rest über diverse Kanäle und Stiftungen in die Taschen der Familie von Neymar.

Bartomeus' Wort ist nicht genug

Ob das bloß teuer oder auch originell ist, sei dahingestellt. Sportdirektor Andoni Zubizarreta findet, Barcelona habe der Konkurrenz mit der detaillierten Offenlegung der Modalitäten einen Wissensvorsprung verschafft. "Wir haben viele Spuren verraten. Ich wüsste auch gern, wie unsere Rivalen arbeiten.“ Viel appetitlicher werden deren Konstruktionen nicht sein, nichts fürchtet die Branche mehr als Transparenz. Folglich versicherten Sportdirektor und Präsident der besorgten Mannschaft umgehend, dass sich so ein "Spektakel“ (Zubizarreta) nicht wiederholen werde.

Möglichst schnell zurück zum Business as usual, das ist Bartomeus Ziel. Aber schon am Montag, seinem ersten Werktag im Amt, zeigte sich, dass das kaum funktionieren wird. Zum einen brüskiert ihn der Rückzieher von Cases, denn er selbst hatte dem aufmüpfigen Mitglied sein Wort gegeben, dass es keine Repressalien gegen ihn geben werde – was diesem offenkundig nicht genügte. Ein Hinweis darauf, wie groß sein Misstrauen in die Aufrichtigkeit Bartomeus sein muss.

Brisante Details über den Deal

Zum zweiten kommen immer neue Details über die Deals mit Neymar auf den Markt. Zum Beispiel jenes, dass es sich bei dem "Sitz“ der Firma N&N, auf deren Konten der Verein allein 40 Millionen Euro überwies, um ein leerstehendes Haus in der Nähe von Santos handelt – keine Tür, keine Angestellten, nicht mal Klingel oder Briefkasten. Die Firma gehört je zur Hälfte Neymars Eltern und wurde wenige Wochen vor Unterzeichnung des betreffenden Teilvertrags mit Barca gegründet.

Die Ermittlungen der Justiz werden auch dann – von Amts wegen – weitergehen, wenn Cases seine Anzeige zurückziehen sollte. Bartomeu selbst hat einen Teil der Verträge mit Neymar unterschrieben. So bald kommt das Thema nicht vom Tisch.

Tür für Guardiola geöffnet

Zumal sich Rosell, Bartomeu und ihr Direktorium in den letzten Jahren viel zu sehr als Saubermänner geriert haben, um jetzt einfach zur Tagesordnung übergehen zu können. Oder um sich nicht ausreichend Feinde geschaffen zu haben. Laporta, gegen dessen Amtsführung sogar juristische Maßnahmen eingeleitet wurden, forderte denn auch sogleich Neuwahlen: Bartomeu sei nicht ausreichend legitimiert.  Der neue Präsident hingegen will nicht nur die Wahlperiode bis 2016 beenden, sondern verkündete auch jetzt schon, danach für weitere sechs Jahre zu kandidieren.

Anders als sein Vorgänger umarmt Bartomeu jedoch auch die Gegenseite, zumindest partiell – nach dem Prinzip: Teile und Herrsche. Mit Laporta wird es garantiert keine Versöhnung geben, dafür verblüffte der 50-Jährige mit seinen Avancen an die von Rosell ähnlich vernachlässigten Klubikonen Johan Cruyff und Pep Guardiola. Cruyff, der die von Laporta verliehene Ehrenpräsidentschaft gerade noch rechtzeitig zurückgab, ehe Rosell sie ihm entziehen konnte, und der das Camp Nou seit Jahren meidet, soll zumindest als Legende geschätzt werden: "Ich respektiere ihn sehr, und wir müssen mit ihm reden“, so Bartomeu. Für Guardiola öffnete er sogar die Vordertür: "Für Guardiola ist bei Barca noch viel zu tun. Ich hoffe, dass er, wenn seine Etappe bei Bayern zu Ende ist, wieder daran denkt, wie er Barca helfen kann.“ 

Solche Sätze kommen an bei den Mitgliedern. Vor allem aber, das wissen alle, braucht Bartomeu guten Fußball und Titel, will er die unruhigen ersten Monate im Amt überleben und eine eigene Ära starten. So besonders der FC Barcelona auch sein mag, mit der Wahrheit ist es dasselbe wie immer im Fußball: sie liegt auf dem Platz. 

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