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Wer zieht wen über den Tisch?  

Neymar-Deal entwickelt sich zum Kriminalstück

21.02.2014, 10:11 Uhr | Thomas Tamberg, t-online.de

Neymar-Deal entwickelt sich zum Kriminalstück. Wer hat sich beim Transfer von Neymar die Taschen voll gemacht? Das wird jetzt vor Gericht geklärt. (Quelle: imago/LOSPORT)

Wer hat sich beim Transfer von Neymar die Taschen voll gemacht? Das wird jetzt vor Gericht geklärt. (Quelle: LOSPORT/imago)

Von Thomas Tamberg

Der Neymar-Wechsel vom FC Santos zum FC Barcelona wird die internationale Fußballszene noch lange in Atem halten. Die Offenlegung der Modalitäten eines absoluten Top-Transfers ist ein Novum in der Fußballgeschichte und kostete Sandro Rosell bereits seinen Posten als Präsident des FC Barcelona. Nachdem bereits in Brasilien juristische Schritte geprüft werden, hat nun auch in Spanien die Staatsanwaltschaft Nägel mit Köpfen gemacht. "Es gibt derzeit genügend Indizien, um Ermittlungen über ein mögliches Steuervergehen des FC Barcelona einzuleiten", erklärte Ermittlungsrichter Pablo Ruz. Nach Ansicht der Anklagebehörde sollen in den Jahren 2011 und 2013 insgesamt 38 Millionen Euro gezahlt worden sein, die beim Finanzamt nicht deklariert worden sein sollen. Es bestehe der Verdacht, dass die Steuerbehörden dabei um 9,1 Millionen Euro betrogen worden seien, begründete die Staatsanwaltschaft ihr Gesuch. Man darf gespannt sein, was die Ermittlungen noch alles zu Tage fördern.   

Helmut Richter ist Spielerberater und spezialisiert auf internationale Transfers. Im aktuell erschienenen Buch "Traumberuf Fussballprofi - Der harte Weg vom Bolzplatz in die Bundesliga" beschreibt er detailliert die teilweise dubiose Vorgehensweise bei Transfers aus Südamerika. Für T-Online.de hat er sich die Geldflüsse im Zuge des Neymar-Wechsels noch einmal ganz genau angeschaut und stellte ein "außergewöhnlich raffiniertes Vertragswerk" fest, für das sich offenbar "viele Anwälte jede Menge Zeit genommen haben". Es sei gut möglich, gibt der 52-Jährige zu bedenken, "dass der Staatsanwalt die Ermittlungen auf Vorteilsnahme und Betrug ausweiten wird."

Die Zahlen aus dem Neymar-Vertrag

Hier noch einmal kurz die Fakten: 86,2 Millionen Euro hat der Deal nach Angaben des neuen Barcelona-Präsidenten Maria Bartomeu gekostet. (Vorgänger Rosell sprach stets von 57,1 Millionen). Allerdings bekam Neymars Ex-Klub Santos nur 17,1 Millionen offizielle Transferentschädigung. Der Rest soll angeblich wie folgt verteilt worden sein: 40 Millionen Euro flossen als "Entschädigung" an die Firma N&N, die den Eltern des Spielers gehört. Zehn Millionen gab es als Bonus für die Vertragsunterzeichnung, 2,7 Millionen als Kommission für die Vertragsunterzeichnung an seinen Agenten, der zufälligerweise auch der Vater des Spielers ist.

Vier Millionen gab es für einen Vermarktungsvertrag, 2,5 Millionen gingen an die Stiftung von Neymar und weitere zwei Millionen Euro erhielt Papa Neymar dafür, dass er drei Talente von Santos in den nächsten Jahren beobachtet, für deren Vorkaufsrechte noch 7,9 Millionen an den Klub überwiesen wurden. Macht unter dem Strich: 25 Millionen für Santos, 61,2 Millionen an Familie Neymar.

Transferrechte verhökert

Um zu verstehen, warum sich Menschen diese diffuse Aufgliederung der Geldflüsse ausgedacht haben, muss man wissen, dass die Supermarktkette Sonda 40 Prozent der Transferrechte an Neymar besitzt und der Investmentfond Teisa fünf Prozent. Was in Deutschland unmöglich wäre, ist in Südamerika keine Seltenheit. "Klubs, die in eine finanzielle Schieflage gekommen sind, können kurzfristig zu Geld kommen, indem sie Teile der Transferrechte ihrer größten Talente verkaufen", sagt Richter.

Einer, der mit diesen Praktiken nichts anfangen kann, ist Christian Heidel. "In Südamerika fallen Sie vom Glauben ab", sagt der Manager von Mainz 05 ebenfalls im Buch "Traumberuf Fussballprofi". "Da kommen die Berater und sagen: 'Ich habe einen tollen Spieler. Der gehört zu 80 Prozent dem Klub und zu 20 Prozent gehört er mir.' Und dann verhandeln Sie also mit 20 Prozent. Das ist dann der große Fußzeh. Da herrschen teilweise ganz schlimme Sitten." Aus diesem Grund verzichtet Heidel mittlerweile lieber gänzlich auf Transfers aus Südamerika.

Supermarktkette ist sauer

Dort ist man bei den Firmen Sonda und Teisa derzeit mächtig sauer. Nur auf wen, dass weiß man eben noch nicht so genau. Obwohl das Gesamtvolumen des Transfers über 86 Millionen Euro betrug, sind im Vertrag offiziell nur 17,1 Millionen als Ablösesumme an den FC Santos deklariert. Nur an dieser vergleichsweise geringen Summe sollen die beiden Firmen prozentual beteiligt werden. "Sie fühlen sich schlichtweg über den Tisch gezogen", sagt Richter. Kein Wunder, dass die beiden Unternehmen längst rechtliche Schritte eingeleitet haben. 

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Als "größten Witz" bezeichnet der erfahrene Spielerberater allerdings die 7,9 Millionen Euro für die Vorkaufsrechte an drei vermeintlichen Santos-Talenten. "So viel Geld für drei unbekannte Nachwuchsspieler?", fragt er sich, "das schreit zum Himmel, dass hier künstlich die Transfersumme gedrückt werden sollte."  

Firma von Neymars Eltern steht im Mittelpunkt

Besonders raffiniert ist auch die Gründung der Firma N&N (Neymar&Nadin), eine erwiesenermaßen reine Briefkastenfirma, durch die Eltern des Barca-Stars. Hierhin floss mit 40 Millionen Euro der größte Batzen der Gesamtsumme. Diese Firma dürfte besonders in den Blickpunkt der Ermittler rücken. Wäre dieses Geld als Transfersumme an den FC Santos überwiesen worden, hätten die Beteiligungsfirmen Sonda und Teisa weitere 18 Millionen Euro erhalten. Geld, das sich möglicherweise unter den verschiedensten Akteuren, die irgendwie in diesen Deal involviert sind, auch anders aufteilen lässt.

Die Wahrscheinlichkeit ist nämlich sehr groß, dass der Neymar-Clan von diesem Geld eine stattliche Millionen-Summe an Personen im Umfeld des FC Santos abgeben musste. Klub-Besitzer, Präsidenten, Trainer, Sportdirektor, Sportchef, Scouts, diverse Zwischenhändler: die Liste der potentiellen Mitverdiener ist in Brasilien traditionell sehr lang. "In Südamerika ist es nicht unüblich, dass auch Vertreter des abgebenden Vereins am Transfer mitverdienen, damit sie ihre Zustimmung für einen Wechsel geben", sagt Richter. "Es sind nicht immer nur die Berater die bösen Buben in diesem Spiel, sondern gerne auch mal Funktionäre."

Welche Rolle spielt Rosell?

Apropos Funktionäre. Welche Rolle der zurückgetretene Ex-Barca-Präsident Rosell bei diesem Deal gespielt hat, dürfte ebenfalls hoch interessant sein. Bereits vor einem Jahr wurde der ehemalige Nike-Manager in einer anderen Sache in Brasilien wegen Betrugs angeklagt. Staatsanwälte in São Paulo werfen ihm vor, mit seiner Vermarktungsfirma Ailanto die Ausrichtung des Länderspiels zwischen Brasilien und Portugal illegal zugesprochen bekommen zu haben.

Offenbar ahnte man bereits beim Einfädeln des Neymar-Wechsels, dass es Probleme geben könnte. Um etwaigen Regressansprüchen aus dem Weg zu gehen, soll ein Passus in den Vertrag eingebaut worden sein, der sämtliche Gerichtskosten und zukünftige Beteiligungszahlungen dem FC Barcelona aufs Auge drückt.

Spieler und Vereine sind dennoch fein raus

Warum sich Barca auf so etwas eingelassen haben könnte, kann sich Richter nur dadurch erklären, "dass man das Gesamtvolumen des Transfers aus Sicht der Spanier gerne etwas kleiner darstellen wollte".

Dass aber extra für den Transfer zu dem katalanischen Spitzenklub die Firma N&N gegründet wurde, bei der alle Fäden zusammenlaufen, könnte aus Sicht Richters noch einen ganz anderen Grund haben. "Die FIFA kann Vereine sanktionieren und Spieler sperren, doch die sind bei diesem Konstrukt fein raus und mit dem Spieler Neymar kann weiter Geld verdient werden. Einer Privatfirma kann der Weltverband nicht viel anhaben."

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