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Primera Division: Das erstklassige Märchen des SD Eibar

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Klein, arm - dennoch Achter  

Das erstklassige Märchen der SD Eibar

23.12.2014, 11:15 Uhr | t-online.de

Primera Division: Das erstklassige Märchen des SD Eibar. Eibars Stürmer Mikel Arruabarrena jubelt über einen Treffer. (Quelle: imago/Marca)

Eibars Stürmer Mikel Arruabarrena jubelt über einen Treffer. (Quelle: Marca/imago)

Von Florian Haupt

Es regnete in Strömen, das Spielfeld war voller Pfützen, im Torraum und an den Seitenlinien gar nur noch Matsch – aber all das hinderte die SD Eibar nicht daran, Geschichte zu schreiben. Wieder einmal. Der Klub, der aus der kleinsten Stadt kommt und mit dem kleinsten Etat den Aufstieg in die spanische Primera División schaffte, hört partout nicht auf zu verblüffen. Und an einem Montagabend im Dezember besiegte er die UD Almería mit dem Vereinsrekordergebnis von 5:2.

Hin und wieder mal einen Punkt ermauern – viel mehr hatten die Experten dem Team der Namenlosen aus dem 27.000-Einwohner-Ort in den baskischen Hügeln nicht zugetraut. In die kurze Weihnachtspause ging Eibar allerdings auf Tabellenplatz acht. Fünf Spiele gewonnen, sechs verloren, fünf mal Unentschieden. 19 Tore geschossen, 22 bekommen. Beste baskische Mannschaft vor dem Champions-League-Teilnehmer Athletic Bilbao und dem letztjährigen Champions-League-Teilnehmer Real Sociedad.

Elf Profis im Sommer weg

Nicht nur das Wetter und die Platzverhältnisse im nur gut 5000 Zuschauer fassenden Estadio Ipurua sind manchmal englisch, auch Courage und Leidenschaft erinnern an die romantischen Wurzeln des Fußballs. In Eibar haben sie sich nicht davon entmutigen lassen, im Sommer elf Profis verloren zu haben: so ist das hier jedes Jahr. Auch die nötige Kapitalerweiterung, um überhaupt bei den Großen mitmachen zu dürfen, wurde gestemmt, nach Eibarscher Manier – da der Verein nicht in die Hände von Großinvestoren fallen sollte, wurden nur Kleinanteile ausgegeben. Die SD hat jetzt über 10.000 Aktionäre aus 50 verschiedenen Ländern.

Etliche von ihnen kamen angereist, als Ende August gegen Nachbar Real Sociedad aus dem 50 Kilometer entfernten San Sebastián das Debüt stieg. Auf den Straßen wurde gegrillt und getanzt, der ganze Ort trug die blauroten Vereinsfarben. "Du siehst erstklassig aus, Eibar!", stand auf Plakaten zu lesen – schon bevor Javi Lara kurz vor der Halbzeitpause mit einem der schönsten Treffer der laufenden Saison das Spiel entschied. Fast von Höhe der Torauslinie zirkelte er einen Freistoß ins lange obere Eck. Erstes Spiel, erster Sieg.

Nummer eins der europäischen Wundermannschaften

Torschütze Lara kann durchaus als typischer Eibar-Spieler beschrieben werden. Er ist 29 Jahre alt und hat in seiner Laufbahn schon für elf Vereine gespielt – aber nur eine Saison in den oberen beiden Ligen. Fahrensmänner, anderswo Verkannte, Helden der unteren Klassen und ein paar Jugendspieler: daraus setzt sich der Kader von Eibar im wesentlichen zusammen, das sich in der ersten Saisonhälfte als Nummer Eins unter den europäischen Wundermannschaften positioniert hat; nicht nur, weil es die allergeringsten Ressourcen hat, sondern weil es auch tabellarisch besser dasteht als Sassuolo Calcio (41.000 Einwohner, Platz 12 in Italien), Burnley FC (73.000, Platz 18 in England) oder der SC Paderborn (147.000 Einwohner, Platz 10).

Als Architekt der erstaunlichen Stabilität der Mannschaft auch in der ersten Liga gilt wie immer in solchen Fällen der Trainer. Gaizka Garitano hat früher selbst für Eibar gespielt und trainiert den Verein nun in der dritten Saison – in den ersten beiden ist er jeweils aufgestiegen. "Garitano ist der Schlüssel", sagt Torwart Xabi Irureta, der seit sechs Jahren im Verein spielt und seinerseits zu den Erfolgsgaranten gehört. Der 39-jährige Coach hat seinen Leuten auch den Gedanken ausgetrieben, dass sie irgendwelche Komplexe haben müssten, nur weil etwa das gesamte Budget ihres Vereins mit 15 Millionen Euro nicht einmal die Hälfte eines Bruttojahresgehalts von Cristiano Ronaldo oder Lionel Messi beträgt. "Wir wollen gegen jede Mannschaft auf Augenhöhe spielen", erklärte der Trainer vor der Saison.

Zebrastreifen in den Vereinsfarben

Und das ist Eibar wirklich gelungen: beim unglücklichen 1:2 bei Meister Atlético Madrid, beim 0:3 in Barcelona, wo es lange 0:0 stand – und ja, auch an dem Tag, als Real Madrid in die Stadt kam. Das kleine Dorf und sein kleines Stadion mit den zwei Wohntürmen an der Gegengeraden, von deren Balkonen aus die Bewohner gratis zuschauen, war zu diesem Zeitpunkt fast schon landesbekannte Fußballfolklore, aber für den Champions-League-Sieger setzte man noch mal einen drauf. Die Zebrastreifen wurden in den Vereinsfarben gestrichen, eine 100 Kilogramm schwere Torte für 2400 Portionen angefertigt: ebenfalls blau-rot, mit weißem Baiser ("merengue") und dem Versprechen: "Wir werden ‚los merengues’ fressen." So wird auch Real Madrid genannt.

Am Ende stand dann zwar ein 0:4, aber "das entsprach nicht dem Spielverlauf", wie Garitano zurecht anmerkte – drei der vier madrilenischen Treffer waren zumindest zweifelhaft. Aber dass "die Schiedsrichter eher für Madrid pfeifen als für uns" (Irureta) gehört halt auch zu den Lektionen der Erstklassigkeit. Die Basken verdauten sie schnell und feierten am nächsten Spieltag dafür eben einen Auswärtssieg.

Trainer ärgern die Klischees

Die Mehrheit der Saisonsiege gelangen auswärts, was für spielerische Klasse spricht und damit gegen die Schablone vom Rebellenfußball der tapferen Kämpfer vom Berg. Garitano mag über solche Stereotypen sowieso nur lachen: "Es amüsiert mich", sagte er in einem Interview mit der Zeitung "El País": "Wenn wir auswärts spielen, werden wir in der Lokalpresse immer definiert als eine Mannschaft voller großer, kräftiger Typen, die kampfstark sind und viel Wert auf Standardsituationen legen. Und dann stellt sich heraus, dass sie uns noch nie spielen sehen haben."

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Geht es um Eibar, findet der Trainer, "funktionieren die Klischees hervorragend". Er kann sich darüber schon auch aufregen: "Unser Platz zum Beispiel, der ist ganz normal groß und nicht der kleinste in der Primera División – wie es immer heißt, um zu unterstreichen, was für einen Spielstil wir angeblich pflegen: den eines permanent mit Schlamm bedeckten Felsblocks, der nur über Standards angreift".

Märchen noch lange nicht zu Ende

Englischer Fußball, würden das andere nennen, aber die SD Eibar kann wirklich viel mehr als hoch und weit, sie kann auch schnell am Boden kombinieren, wie nicht zuletzt das 5:2 gegen Almería demonstrierte. Es war der Abend, an dem endgültig klar wurde, dass dieses baskische Dorf nicht gekommen ist, um nur mal dabei zu sein, ehrfürchtig alles aufzusaugen und sich dann wieder brav in die zweite Liga zu verabschieden. Der Abend, der zeigte, dass das Märchen von Eibar noch lange nicht zu Ende ist.

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