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FIFA: Vorhang auf zum großen Geschacher um die WM

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Wen interessieren schon Regeln?

30.11.2010, 15:48 Uhr | t-online, t-online.de

FIFA: Vorhang auf zum großen Geschacher um die WM. Der WM-Pokal vor dem Finale 2010. (Foto: imago)

Der WM-Pokal vor dem Finale 2010. (Foto: imago)

Eine Kolumne von Jonny Giovanni

"Absolut primitiv und skurril" – was auch das Urteil des amerikanischen Außenministeriums über einen deutschen Politiker sein könnte, verlautete kürzlich von Wjatscheslaw Koloskow aus Moskau über die Bemühungen seiner englischen Funktionärskollegen. Minister Alexej Sorokin unterstrich außerdem "Verbrechensproblem" und "Jugendalkoholismus" in den Straßen Londons. Wer sich nun angesichts solcher Sprüche sorgenvoll im Kalten Krieg zurückwähnt, sei allerdings beruhigt. Es geht nur um Fußball. Eigentlich. (Lesen Sie hier Porträts über die Bewerber mit Foto-Shows).

Denn um genau zu sein geht es um die Ausrichtung der Weltmeisterschaft. Und weil diese in den Träumen der Visionäre mittlerweile dem Auszug ins Gelobte Land gleich kommt, ist so ziemlich jedes Mittel recht, um die eigene Kandidatur zu stärken und die der Gegner zu diskreditierten. Zwar untersagen es die Richtlinien des Bewerbungsverfahrens, so schlecht über Rivalen zu sprechen wie der Ehrenpräsident des russischen Fußballverbandes über Englands Unternehmung, aber mal ehrlich: Wen interessieren in der Welt der Fußballfunktionäre schon Regeln?

Schlechtere Chancen für England?

Nicht jedenfalls die beiden Exekutivmitglieder, die vor der Abstimmung am Donnerstag über die Weltmeisterschaften 2018 und 2022 aus dem Verkehr gezogen wurden. Reynald Temarii aus Tahiti und Amos Adamu aus Nigeria hatten sich von zwei als Geschäftsmänner getarnten Journalisten der "Sunday Times" ihre Stimme abkaufen lassen – selbst die gegenüber Verfehlungen ihrer Familienmitglieder rührend dickhäutige FIFA konnte da nicht mehr anders, als sie zu sperren. Dafür werden den Engländern jetzt umso schlechtere Chancen eingeräumt: Ihre investigative Presse ist das Letzte, was Granden wie Ricardo Teixeira (Brasilien), Issa Hayatou (Kamerun) oder Nicolas Léoz (Paraguay) gebrauchen können. Alle drei Exekutivmitglieder haben, wie zu Wochenanfang publik wurde, kräftig Schmiergelder von der ehemaligen FIFA-Vermarktungsagentur ISL/ISMM kassiert.

Es dürfte spannend zu beobachten sein, wer am Donnerstag aus dem ursprünglich 24-köpfigen Komitee überhaupt noch an der – natürlich geheimen – Abstimmung teilnehmen darf. Schon jetzt steht fest, dass das Gezerre um die Weltmeisterschaften 2018 und 2022 alles in den Schatten stellt, was von früheren Turniervergaben bekannt war.

Boykott in frühen WM-Tagen

Historisch gesehen liefen diese sogar zumeist überraschend friedlich ab. In den Geburtsjahren der WM gab es nur 1938 ein ernstes Problem: Nachdem die Premiere 1930 in Uruguay stattgefunden hatte und die zweite Ausgabe 1934 in Italien, war den Südamerikanern suggeriert worden, nun seien wieder sie an der Reihe. Als dann aber Frankreich den Zuschlag erhielt, boykottierten Argentinien und Uruguay die Veranstaltung. Als Reaktion führte die FIFA ein Rotationssystem ein. Bis 2002 fand die WM immer abwechselnd in Europa und Süd- oder Mittel-/Nordamerika statt.

Dann wanderte das Turnier erstmals nach Asien, und damit begann auch das große Geschacher. Für 2002 hatten Japan und Südkorea ursprünglich getrennte Kandidaturen eingereicht. Südkorea galt als Favorit, was dem damaligen Fifa-Boss Joao Havelange überhaupt nicht gefiel, er hatte sich den Japanern versprochen. Über Nacht wurde in den Hinterzimmern von Zürich ein überraschender Deal geschmiedet. Die beiden rivalisierenden Nationen erklärten sich auf einmal bereit, das Turnier gemeinsam auszutragen.

Die ominöse 13. Stimme

Mit dem Interesse neuer Kontinente und der dadurch nötigen Erweiterung der Zweier-Rotation wurden die Verhältnisse unübersichtlicher, wie sich bei der nächsten Vergabe zeigen sollte. Die Entscheidung fiel nach dem Ausscheiden Englands in der Stichwahl zwischen Südafrika und Deutschland, wobei nach kontinentalen Blöcken abgestimmt wurde. Deutschland verfügte über die acht Stimmen Europas und, nach punktgenau getimten Investitionen der deutschen Industrie in den betroffenen Ländern, die vier aus Asien. Die nötige 13. Stimme jedoch fehlte, denn bei einem Patt würde das Votum von FIFA-Chef Sepp Blatter den Ausschlag zugunsten Südafrikas geben. Die Rettung kam in Gestalt einer Enthaltung des ozeanischen Vertreters Charlie Dempsey – der eigentlich von seiner Konföderation zur Unterstützung Südafrikas verpflichtet worden war. Die genauen Umstände des plötzlichen Rückzugs des einst nach Neuseeland emigrierten und vor zwei Jahren verstorbenen Schotten sind bis heute ungeklärt. Dempsey selbst sprach nebulös von "nicht tolerierbarem Druck durch einflussreiche europäische Interessengruppen".

Um die WM 2010 dann endlich nach Afrika zu bekommen, führte die FIFA ein neues Rotationsprinzip ein, das alle Kontinente umfasste. Inzwischen hat sie es deutlich eingeschränkt. So wird nach nur zweimaligem Aussetzen – Südafrika 2010 und Brasilien 2014 – bereits das Turnier 2018 wieder in Europa stattfinden, neben England und Russland stehen die Gemeinschaftskandidaturen von Spanien und Portugal sowie Belgien und den Niederlanden zur Auswahl. Für 2022 bewerben sich neben Japan, Südkorea, Australien und Katar aus der asiatischen Konföderation auch die USA aus dem Nord-/Mittelamerikaverbund.

Kritik von Franz Beckenbauer

Dass beide Turniere am Donnerstag auf einmal vergeben werden, betrachten viele Mitglieder der Weltfußballregierung, darunter Franz Beckenbauer, mittlerweile als großen Fehler. Denn dadurch wurde Absprachen zwischen den Bewerbern Tür und Tor geöffnet. So bestätigte Katars Exekutivmitglied Mohamed Bin Hammam, dass sich sein Land und Spanien gegenseitig die Stimmen zuschanzen werden. Auch das ist zwar nach den Vorschriften eigentlich verboten. Aber wie gesagt, wen kümmern bei der FIFA schon die Regeln?

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