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"Schafft ihn fort, er bringt nur Pech"

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"Schafft ihn fort, er bringt nur Pech"

26.05.2011, 12:47 Uhr | t-online.de

. Brasiliens Albtraum: Die WM-Helden Uruguays von 1950. (Foto: imago)

Brasiliens Albtraum: Die WM-Helden Uruguays von 1950. (Foto: imago)

Von Thomas Tamberg

Für die ausschweifenden Freuden des Lebens hat Uruguay seinen besonderen Platz. Die Punta del Este, das St. Tropez der Neuzeit. Hier mündet der Rio del la Plata in den Atlantik. In der Hauptsaison pumpt sich das 20.000-Seelenstädtchen auf bis zu 400.000 Einwohner auf. Hier verbringt der internationale Jetset seine Ferien. Von Richard Gere und Shakira bis zu Robert de Niro. Zwischen Dezember und März verstopfen protzige Jachten den Hafen und lärmende Massen die Bars und Casinos. Wer in der High Society etwas auf sich hält, hat in Punta del Este ein Luxusapartment. Hier erlitt Diego Maradona im Januar 2000 im Drogenrausch seinen ersten Herzinfarkt.

Teil 1: Uruguay-Porträt: Lebensentscheidung Nacional oder Peñarol?
Teil 2: Uruguay-Porträt: Estadio Centenario - Das Feld der Träume
Teil 3: Uruguay-Porträt: "Schafft ihn fort, er bringt nur Pech"

Das opulente Jetset-Leben vom Badeort der Schönen und Reichen auf der einen Seite und das bescheidene, ruhige Leben im restlichen Land, sind für die toleranten Uruguayos kein Widerspruch. Kein anderer steht so sinnbildlich für diesen Spagat wie José Mujica. Pepé wie ihn jeder ruft, ist der Präsident des Landes. Pepé ist aber eigentlich ein einfacher Rosenzüchter, der eigentlich nichts lieber machen würde, als eben Rosen züchten. Doch wenn Dinge schief laufen, mischt er sich ein. So wie vor über 40 Jahren, als das Land in die Krise rutschte und die Militärdiktatur die Demokratie verdrängen wollte. Da ging der heute 76-Jährige mit seiner jetzigen Frau in den Untergrund und war Mitbegründer der zwischenzeitlich radikalen Stadtguerilla-Bewegung der Tupamaros. Mujica galt der Militärdiktatur als Staatfeind Nummer eins und wanderte für 13 Jahre ins Gefängnis. Nach dem Ende der Diktatur ging er in die Politik, um Uruguay wieder auf den rechten Weg zu bringen. Seit 2010 ist er nun Oberhaupt seines Landes. Vor allem den jungen Menschen in Montevideo hat der "Nelson Mandela Uruguays" seinen Wahlerfolg zu verdanken.

Der "Ex-Terrorist" macht einen guten Job

Mujica, der gerne auch mal in Strickjacke bei offiziellen Anlässen erscheint, setzt den jüngsten ökonomischen Aufwärtstrend Uruguays fort. Ein Wirtschaftswachstum von acht Prozent und eine historisch niedrige Arbeitslosenquote von 5,4 Prozent verdeutlichen, dass das kleine Land längst die Talsohle hinter sich gelassen hat. Man hat den Tourismus für sich entdeckt, ist offen für ausländische Investoren und setzt auf die Hightechindustrie. Alle Schüler des Landes haben einen Laptop bekommen, um sich frühzeitig auf die Anforderungen des 21. Jahrhunderts einzustellen. Uruguay, so verschlafen und unaufgeregt es auch ist, agiert zukunftsorientierter als so manch europäischer Staat. Kein anderes Land in Südamerika ist so internetaffin wie das „warme Herz“ des Kontinents. Ob in Restaurants, Bussen oder auf öffentlichen Plätzen: Fast überall gibt es kostenlose Internetzugänge.

Das gab es freilich bei der ersten Nachkriegs-WM 1950 nicht. 20 Jahre nach Uruguays WM-Triumph im eigenen Land war die FIFA-Weltmeisterschaft erneut auf dem südamerikanischen Kontinent zu Gast. Wie bei der kommenden WM 2014 hieß der Gastgeber damals Brasilien. Das Team vom Zuckerhut galt als unschlagbar. Entsprechend euphorisch und siegessicher strömten weit über 200.000 Zuschauer ins total überfüllte Maracana-Stadion von Rio de Janeiro. Im letzten Spiel der WM, die damals noch komplett im Gruppenmodus ausgetragene wurde, hätte Brasilien gegen Uruguay ein Remis zum Titel gereicht. Niemand dachte auch nur im Entferntesten daran, das kleine Nachbarland könnte dem Gastgeber gefährlich werden. Der 1:0 Führungstreffer Brasiliens zwei Minuten nach der Pause leitete endgültig die große WM-Party ein.

Der Wahnsinn nimmt seinen Lauf

Doch Juan Alberto Schiaffino (66.) und Alcides Edgardo Ghiggia (79.) drehten urplötzlich die Partie. Uruguay war wie aus dem Nichts zum zweiten Mal Weltmeister. Während die Spieler ohne Ehrung in die Kabinen flüchteten, spielten sich auf den Rängen des größten Stadions der Welt Tragödien ab. Mindestens vier Menschen starben – drei an Herzversagen; einer stürzte sich von der Tribüne in den Tod. Die anderen verließen wie in Trance das Stadion. Die befürchtete Katastrophe blieb aus, aber ganz Brasilien trug wochenlang Trauer. Bis dahin spielte Brasiliens Nationalmannschaft stets in Weiß. Seitdem lief die Selecao nie mehr in dieser Trikotfarbe auf und wechselte zu Gelb-Blau.

Wie sehr dieser Schmerz bei den Brasilianern verankert ist, unterstreicht folgende Begebenheit. Als Moacyr Barbosa, der 1950 für Brasilien im Tor stand und dem eine Mitschuld beim 1:2 zugeschrieben wurde, 1994, also über 40 Jahre danach, im Rahmen eines WM-Qualifikationsspiels zwischen Brasilien und Uruguay den damaligen Torhüter Taffarel besuchen wollte, wurde ihm durch Nationalcoach Carlos Alberto Parreira jeglicher Kontakt verboten. Ein brasilianischer Fußballfunktionär soll ihn mit den Worten „Schafft ihn fort, er bringt nur Pech“ des Stadions verwiesen haben.

Wiederholt sich Geschichte?

64 Jahre nach der Niederlage gegen Uruguay wird Brasilien wieder eine WM ausrichten. Wieder wird für den fünfmaligen Champion nur der Titelgewinn in Frage kommen. Und wieder wird das Maracana-Stadion der Endspielort sein. Selbst wenn die Elf des Teufels persönlich der Finalgegner sein wird, nackte Angst wird dem großen Titelfavoriten nur das kleine Uruguay einflößen.

Das kleine verschlafene Land am Rio de la Plata, dass sich im Fußball immer wieder urplötzlich zur Weltmacht aufschwingen kann. Auch wenn die ganz großen Erfolge bereits lange zurückliegen (Olympiasieger 1924 und 1928, Weltmeister 1930 und 1950), der vierte Platz bei der WM 2010 in Südafrika zeigt, dass mit Uruguay auch zukünftig zu rechnen ist. Zu groß ist einfach die Leidenschaft für den Fußball. Brasilien weiß, wovon die Rede ist.

Teil 1: Uruguay-Porträt: Lebensentscheidung Nacional oder Peñarol?
Teil 2: Uruguay-Porträt: Estadio Centenario - Das Feld der Träume
Teil 3: Uruguay-Porträt: "Schafft ihn fort, er bringt nur Pech"

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