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So macht Klinsmann die USA zur Fußball-Macht

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WM 2014 - USA  

Klinsmann: Testspiel gegen DFB-Team "wäre toll"

15.09.2011, 11:40 Uhr | t-online.de

So macht Klinsmann die USA zur Fußball-Macht. Jürgen Klinsmann hat als Trainer der US-Nationalmannschaft viel vor. (Quelle: dpa)

Jürgen Klinsmann hat als Trainer der US-Nationalmannschaft viel vor. (Quelle: dpa)

Das Interview führte Thomas Tamberg

Seit dem 29. Juli 2011 ist Jürgen Klinsmann Trainer der US-Nationalmannschaft. Der 47-Jährige soll das Team nicht nur zur WM 2014 nach Brasilien führen, sondern im rund 300 Millionen Einwohner starken Land noch gleichzeitig völlig neue Strukturen schaffen, damit sich der Fußball in den USA endlich durchsetzen kann. Als Markenbotschafter von Hyundai besuchte Klinsmann die Internationale Automobil Ausstellung (IAA) in Frankfurt. Hier sprach der ehemalige deutsche Nationalcoach mit t-online.de über den US-Fußball im Vergleich zum Football und Eishockey, die Unterschiede zwischen einem deutschen und amerikanischen Trainer und über ein Kräftemessen mit dem Team von Joachim Löw.

t-online.de: Herr Klinsmann, endlich - muss man fast schon sagen - sind Sie Nationalcoach der USA. Wie ist es nach über einem Monat im Amt?

Jürgen Klinsmann: Ich bin voller Freude über die neue Aufgabe, weil es das ist, was ich schon vor fünf Jahren machen wollte. Nach der WM 2006 kam ein Engagement nicht zustande und auch nicht nach der letzten WM 2010 in Südafrika. Jetzt haben wir alle Hürden aus dem Weg geräumt. Für mich ist das eine ideale Konstellation. Ich habe die Familie zu Hause und kann im Fußball das Land anführen, mit dem ich mich emotional sehr stark verbunden fühle, weil ich bereits seit 13 Jahren in den USA lebe.

Der US-Verband scheint sich mit Ihnen viel vorgenommen zu haben.

Es ist eine große Aufgabe mit einem breiten Spektrum. Meine Arbeit betrifft ja nicht nur die A-Nationalmannschaft. Mir wurde auch aufgetragen, den gesamten Unterbau umzustrukturieren. Das geht von der Olympia-Mannschaft bis zum U14-Team. Da kommt einiges auf mich zu. Wir stecken schon mitten im Umbruch, aber es wird Zeit brauchen und wir müssen Geduld haben.

Immer wieder wurde versucht, dem Fußball in den USA eine Struktur zu verpassen und ihn zu etablieren, bisher hat es nie geklappt.

Der amerikanische Fußball steht vor einer sehr spannenden Zeit, weil sich jeder die Frage stellt: Wie weit kann es der Fußball in den USA schaffen? Kann er irgendwann mal die großen Fußball-Nationen angreifen? Wahrscheinlich eher nicht, aber er kann Boden gut machen. Die nationale Liga MLS hat sich etabliert und ist finanziell abgesichert. Sie hat nächstes Jahr 19 Mannschaften und wird weiter wachsen. Es gibt große Investoren und in den meisten Städten fußballspezifische Stadien.


In den USA ist organisierter Sport vor allem mit Schulen bzw. Universitäten verknüpft. Das bremste in der Vergangenheit die Entwicklung junger Fußballer kolossal.

Vor drei Jahren wurde damit begonnen, den Unterbau mit den Profiklubs zu verknüpfen. Die Vereine haben jetzt auch Jugendmannschaften und haben somit Zugriff auf den Nachwuchs. Das hat zur Konsequenz, dass ein 18-jähriger Spieler jetzt gleich Profi werden kann. Er verliert somit nicht erst vier wichtige Jahre, weil er erst einmal auf das College gehen muss. Wobei auch der College-Fußball neue Rekorde verzeichnet. Teilweise kommen 5000 bis 7000 Zuschauer zu wichtigen Spielen. Vor zehn Jahren kamen da vielleicht gerade einmal 500.

Aber eine Struktur wie in Europa mit einem Unterbau aus 2. Liga, einer 3. Liga, Regionalligen usw. ist in den USA kaum vorstellbar.  

Es gibt auch eine 2. Liga, die sogenannte A-League bzw. Division 1. Aber sie ist noch nicht angebunden an die MLS. Außerdem gibt es bei allen Profimannschaften eine Reservemannschaft, um den jungen Spielern Spielpraxis zu geben. Aber die Größe des Landes ist einfach eine wahnsinnige Herausforderung. Das gilt vor allem für die Nachwuchsmannschaften. Hier kann man Konzepte nur umsetzen, wenn man regionalbezogen arbeitet. Überall gibt es Jugendfußballverbände, die nur auf dem Blatt Papier mit dem US-Mutterverband verbunden sind, aber nicht in der Praxis. Ich versuche Brücken zu den einzelnen Institutionen zu bauen, damit wir gemeinsam den Fußball nach vorne treiben.

Wäre bei soviel Reformbedarf nicht eine andere Position als die des Trainers für Sie besser geeignet? Schließlich braucht man für Reformen Zeit und der Job des Trainers unterliegt den Launen des Tagesgeschäfts. 

Ja, schon. Aber die Amerikaner haben einen anderen Blick auf den Trainer als die Deutschen. In Amerika wird der Trainer ähnlich wie in England gesehen. In Deutschland dagegen gibt es den Cheftrainer, der immer auf dem Platz stehen muss und am besten auch noch die Hütchen aufstellen soll. Er soll für alles rund um die Mannschaft verantwortlich sein. Und dann gibt es obendrein noch einen Sportdirektor und einen Manager. Die amerikanische bzw. englische Auffassung vom Trainerjob ist anders.

Inwiefern?

Der Trainer in den USA oder England ist verantwortlich für den Gesamtbereich Fußball. Er muss wirklich viel delegieren und Verantwortung übergeben an Leute, von denen er überzeugt ist. So wie ich es auch bei der Nationalmannschaft getan habe. Ich habe Verantwortung an Jogi Löw übergeben, an Mark Verstegen, an einen Sport-Psychologen und für wiederum andere Bereiche an Oliver Bierhoff.

Also ist der Trainerjob in den USA nicht so ergebnisabhängig wie in Deutschland?

Nein, weil auch der Prozess gesehen wird. Aber natürlich gibt es auch klare Zielvorgaben. Die lauten: für die WM 2014 qualifizieren und dort die Gruppenphase überstehen. Davor müssen wir bis zum nächsten Sommer eine schlagkräftige Truppe für die WM-Qualifikation finden. Es geht wahrscheinlich gegen Gegner wie Jamaika, Haiti oder Honduras. Das sind Spiele, in denen wir an die Grenzen gehen müssen, weil gerade bei den mittelamerikanischen Ländern sehr viel Emotion in die Spiele gegen die USA reingelegt werden. Ich glaube aber, dass es machbar ist, parallel zum Entwicklungsprozess auch die Ergebnisse einzufahren, die von einem Land wie den USA gefordert werden. In zwei, drei Jahren werden wir eine richtig schlagkräftige Truppe haben. Das ist die eine Aufgabe meines Jobs. 

Und die andere?

Andererseits wird erwartet, dass wir den Fußball in den USA so strukturieren, dass wir in naher Zeit mit den großen Fußball-Nationen wettbewerbsfähig werden. Ich habe in den letzten 13 Jahren in Amerika die Gesamtstrukturen kennen gelernt. Ich bin ständig mit Leuten in Verbindung, die im Jugendfußball arbeiten. Und meine Kinder spielen selbst Fußball, in einem System, bei dem noch vieles verbesserungsfähig ist. Ich weiß, wo es hapert. Aber die Amerikaner sind neugierig auf den Fußball, weil sie auch sehen, dass es der globale Sport ist.

Wird es dem Fußball irgendwann einmal gelingen, die Sportart Nummer eins in den USA zu werden?

Das glaube ich zwar nicht, aber er wird einen hohen Stellwert erreichen. In den USA leben 300 Millionen Menschen, da ist genügend Platz für alle Sportarten. Die am schnellsten wachsende Bevölkerung sind die Hispanics, die ihre Wurzeln in Süd- bzw. Mittelamerika haben. Vor allem Mexikaner. Diese Bevölkerungsgruppe ist in den USA mittlerweile 50 Millionen Einwohner stark. Und bei ihnen existiert nur Fußball. Somit ist jeder Sechste automatisch ein geborener Fußball-Freak. Du kannst den Fußball nicht mehr stoppen, er hat es schon geschafft in den USA.

Aber wird er jemals mit dem europäischen Spitzen-Level vergleichbar sein?

Mit Sicherheit nicht in den nächsten zehn oder 15 Jahren. Dafür sind die anderen amerikanischen Sportarten einfach zu groß. Die 80 bis 90.000 Zuschauer großen Stadien werden vom American Football gefüllt. Die 40 bis 50.000 fassenden Stadien werden vom Baseball gefüllt. Die Stadien um die 20 bis 30.000 aber bereits vom Fußball. Das ist schon einmal super. Die Infrastruktur wurde in den letzten zehn Jahren revolutioniert.

Mit welcher Sportart steht der Fußball auf einer Stufe?

Ich glaube, dass der Fußball in den USA gerade das Eishockey angreift und um die Sportart Nummer vier konkurriert. Football, Baseball, Basketball sind einfach aufgrund ihrer Geschichte und Tradition zu weit weg. Das leben die Amerikaner auch aus. Das ist Teil ihrer Kultur.

Es wartet also noch jede Menge Arbeit auf Sie. Das reicht ja wohl für die nächsten zehn Jahre. Können Sie sich eine so lange Amtszeit vorstellen?

Das weiß ich nicht. Das hängt auch viel von der WM 2014 in Brasilien ab. Ob es dort gut geht, ob jeder happy ist. Ich möchte immer, dass alle Seiten zufrieden sind. Für mich ist die Konstellation allerdings ideal. Ich bin nahe bei der Familie. Das Fußball-Leistungszentrum ist 30 Minuten von zu Hause weg. Das passt jetzt alles optimal. Für mich ist es wichtig, dass der Verband und auch die fußballinteressierten Leute sehen, dass wir Dinge anpacken, um weiterzukommen. Wenn diese dann in drei Jahren ein positives Echo geben, dann steht einer langfristigen Arbeit nichts im Wege. Aber wenn der Erfolg nicht da ist, bin ich der Erste, der sagt, ich verabschiede mich und mache Platz für den Nächsten. 

Wird es vor der WM 2014 ein Freundschaftsspiel gegen Deutschland geben?

Ja, das wäre schön. Nächsten Sommer wird es nicht gehen, weil wir die WM-Qualifikation spielen und unsere Freundschaftsspiele in Amerika austragen werden. Da wollen wir nicht die weite Strecke nach Europa reisen. Und die deutsche Nationalmannschaft wird in Europa für die EM proben. Aber vielleicht gibt es ein Jahr darauf einen Termin. Das wäre toll.

Wer wird dann gewinnen?

(lacht) Ich habe schon mit Oliver Bierhoff darüber geflachst. Für uns wäre es ein Lern-Freundschaftsspiel und die Deutschen müssten dann zeigen, was sie drauf haben. Aber im Ernst: Sie wären sicherlich der hohe Favorit, das wissen wir schon.

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