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Nationalmannschaft: Wie 2012 Bundestrainer Joachim Löw veränderte

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Das verrückte Jahr des Joachim Löw

28.12.2012, 10:40 Uhr | t-online.de

Nationalmannschaft: Wie 2012 Bundestrainer Joachim Löw veränderte. Nachdenklicher Blick: Bundestrainer Joachim Löw (Quelle: dpa)

Nachdenklicher Blick: Bundestrainer Joachim Löw (Quelle: dpa)

Eine Kolumne von Jonny Giovanni

"Das Amt verändert den Menschen mehr als der Mensch das Amt", sagte Joschka Fischer einmal. Dieser Satz des ehemaligen Außenministers gilt natürlich auch für den Posten, der gern als der zweitwichtigste des Landes nach dem des Bundeskanzlers bezeichnet wird. Am Bundestrainer ließ er sich dieses Jahr sogar auf das Vortrefflichste bestätigen.  

Es war eines der turbulentesten Länderspieljahre der DFB-Geschichte. Nach eher harmlosem Beginn, einem 1:2-Testspiel gegen Frankreich, kündete später ein 3:5 in der Schweiz davon, dass Abwehrschwächen im weiteren Verlauf noch eine gewisse Rolle spielen würden. Nach vier EM-Siegen am Stück fühlten sich Mannschaft und Nation trotzdem für ein paar Tage wie Europameister, ehe sie der zuvor und danach reichlich unaufällige Mario Balotelli einschlägig in die Realität zurückbeförderte. Es folgte eine wütende Aufarbeitung, und als alles dann doch mal auszutrudeln schien, wurde aus einem vermeintlich langweiligen Qualifikationskick ein Jahrhundertereignis: das 4:4 nach 4:0-Führung gegen Schweden.

Leiter des nationalen Heiligtums

Mittendrin der Bundes-Jogi – alias der "nette Herr Löw". Den Beinamen hatte er beim VfB Stuttgart bekommen, er haftete ihm an wie klebrige Soße, auch nach seinen mehr und weniger erfolgreichen Stationen in der Türkei und Österreich. Als Jürgen Klinsmann ihn 2004 aus der Versenkung holte und zu seinem Assistenten machte, hätte wohl kaum einer gedacht, dass Joachim Löw einmal acht Jahre lang das nationale Heiligtum anleiten würde.

Der Rückgriff auf die Vergangenheit ist wichtig, um zu verstehen, was dieses Jahr mit Löw passiert ist. Der Bundestrainer war mit den Wellen der Ereignisse, vorsichtig gesagt, etwas überfordert. Einer wie er, der mangels exponierter Spieler- oder Klubtrainerkarriere das Rampenlicht nicht quasi mit der Muttermilch aufgesogen hat, fremdelt vielleicht immer ein bisschen mehr mit der Branchenhysterie. Bei Löw kommt noch eine geradezu heilige Ernsthaftigkeit dazu, die verhindert, dass er auch einfach mal etwas weglächelt. Plus eine gewisse Unfähigkeit, gelassen mit den eigenen Schwächen umzugehen.

Bisher kein guter Stratege

In diesem verrückten Jahr der Nationalelf zeigte sich deutlich wie nie zuvor, was Löw kann und was er nicht so gut kann. Er ist ein exzellenter Trainer, der eine Mannschaft komponieren und ihre eine so attraktive wie prinzipiell erfolgreiche Spielidee vermitteln kann. Aber er hat Probleme im Coaching – den Details der Schlachtenführung, die in der Endphase von Turnieren in der Regel den Ausschlag geben: eine besondere Ansprache, eine kluge Auswechslung, eine entscheidende Umstellung. Er ist ein guter Ideologe des Fußballs, aber zumindest bislang hat er sich selten als guter Stratege erwiesen.

Löw weiß das, und deshalb überkam ihn vor dem Halbfinale gegen Italien das, was sein spanischer Kollege Vicente del Bosque mal als "Trainerattacke" bezeichnet hat: Er wollte das Spiel nicht einfach bloß gewinnen, der Sieg sollte vor allem und unmissverständlich die Handschrift des Trainers tragen. Geschmeichelt von den Elogen aus der Heimat, die ihn zu diesem Zeitpunkt als neue deutsche Überfigur feierten, tappte er in die Falle der Selbstüberschätzung und ersann einen Matchplan, der auch heute, ein halbes Jahr später, nur als irrwitzig bezeichnet werden kann – und bekanntlich grandios nach hinten los ging.

Der "nette Herr Löw" war zurück

Über Nacht wurde er auf dem Boulevard so vom Helden zum Deppen. Genüsslich wurde in der alten Wunde gerührt, dass es der Mannschaft an Hierarchie und Leitwölfen fehle – womit man, auch ohne es auszusprechen, wieder beim "netten Herrn Löw" war. So simplifiziert solche Kritiken sein mögen, sie treffen einen nicht ganz falschen Kern. Auch die Personalführung gehört nicht zu Löws Stärken. Ihm fehlt die natürliche Autorität.

Foto-Serie mit 14 Bildern

Dafür hat sich dieser an sich grundsympathische Trainer in den letzten Jahren eine gewisse Eitelkeit angewöhnt, und daher wollte er – nächster Fehler – die Dinge nicht einfach auf sich beruhen lassen, als er zum ersten Länderspiel nach der EM seinen selbstverordneten Maulkorb abnahm. In einem rund 20-minütigen Monolog wies er seine Gegner zurecht. Sachlich hatte er dabei in vielem Recht, und kurzfristig mag das auch einen positiven Effekt aufs Team gehabt haben – aber es zeugte nicht gerade von Souveränität.

Einmal harter Hund

Wie sehr Löw die Vorwürfe in Wirklichkeit treffen, zeigte dann ein völlig misslungener Auftritt im Oktober. Vor dem Spiel in Irland wollte er – entgegen seines Charakters – den harten Hund gegenüber der eigenen Mannschaft markieren. Fatalerweise griff er sich dafür aber ausgerechnet deren schwächstes Mitglied heraus und kanzelte den von der Öffentlichkeit sowieso schon angeschossenen Marcel Schmelzer ab. Löw hatte Glück, dass dieser sich im Spiel davon nicht beeinträchtigen ließ, und dass die Medien ihn damit halbwegs davon kommen ließen. Und er hatte immerhin die Größe, sich später zu entschuldigen.

Vielleicht war diese Entschuldigung ein guter Anfang, auf dem Weg noch ein ganz großer Trainer zu werden. Löw sollte sich nicht verstellen und er sollte vor allem schnellstens der Eitelkeits-Falle entkommen. Um eine Nationalelf gibt es auch so schon genug Hysterie, es nehmen sich sowieso schon alle wichtig genug. Einer wie del Bosque weiß das, er sieht seine Rolle vor allem darin, dieses ganze Ballyhoo zu "entdramatisieren", wie er gerne sagt. Der Mann ist nicht umsonst Welt- und Europameister.

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