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So lief das erste WM-Spiel einer deutschen Nationalmannschaft

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Hitzeschlacht vor 80 Jahren  

So lief das erste WM-Spiel einer deutschen Nationalmannschaft

08.06.2014, 12:18 Uhr | sid

So lief das erste WM-Spiel einer deutschen Nationalmannschaft. Die deutschen Spieler Paul Zielinski, Fritz Szepan, Willy Busch und Torhüter Willibald Kreß (v.li.n.re.) gehören 1934 zum deutschen Aufgebot. (Quelle: dpa)

Die deutschen Spieler Paul Zielinski, Fritz Szepan, Willy Busch und Torhüter Willibald Kreß (v.li.n.re.) gehören 1934 zum deutschen Aufgebot. (Quelle: dpa)

Die deutsche Nationalmannschaft tritt am 16. Juni gegen Portugal an und setzt damit eine 80-jährige deutsche WM-Geschichte fort. Am 27. Mai 1934 bestritt die deutsche Auswahl ihr erstes WM-Spiel - mit der jüngsten Elf der Turnier-Geschichte und einer politischen Note.

Es war richtig heiß in Florenz an diesem 27. Mai 1934. Das WM-Achtelfinale im örtlichen Stadio Giovanni Berta zwischen Deutschland und Belgien war eine wahre Hitzeschlacht. Viele der 4000 deutschen Schlachtenbummler unter den nur 8000 Zuschauern - die Italiener verfolgten lieber den Giro - schützten sich mit Mützen gegen die Nachmittagssonne.

Rote hier, weiße da - und in einer Choreographie so platziert, dass der deutsche Block ein Hakenkreuz bildete. 16 Monate zuvor hatten sich die Nationalsozialisten mit ihrem Führer Adolf Hitler die Macht erschlichen; ihrem Totalitarismus musste sich auch der Fußball unterwerfen. Und so schwenkten die deutschen Fans beim Turnier im faschistischen Italien ihre roten Fahnen mit dem Erkennungszeichen des Systems, die Spieler trugen den Reichsadler mit dem Hakenkreuz auf der Brust.

Trainer verteilt Handzettel an Zuschauer

Für Nationaltrainer Otto Nerz, der sich bis 1932 für die SPD engagiert hatte, im Juni 1933 aber in die SA eingetreten war, hatten die Spieler "auch eine politische Mission", wie er ihnen im Dezember 1935 schreiben sollte. Sportlicher Erfolg war da Grundvoraussetzung, das wusste Nerz. Um ihn zu erreichen, scheute der damals 41-Jährige nicht vor unpopulären Maßnahmen zurück.

Im Vorfeld der Endrunde stellte er seine Mannschaft auf das "WM-System" um, das er sich bei Studienreisen nach England abgeschaut hatte. Der große Schalker Fritz Szepan, gelernter Halbstürmer, sollte als zurückgezogener Mittelläufer oder "Stopper" einen dritten Verteidiger geben. Die Presse spottete über das "Weh-System", und Nerz sah sich gezwungen, bei einem Testspiel Handzettel an das Publikum zu verteilen: "Es ergeht an die Zuschauer die Bitte, von draußen Anweisungen wie 'Mittelläufer nach vorne' zu unterlassen, weil dadurch die Spieler nur irritiert werden." Auch sein Assistent Sepp Herberger war gegen die Neuerung - und musste zu Hause bleiben.

Deutsches Team fast ohne Erfahrung

Doch nicht nur das System, auch das Personal hatte Nerz gewechselt. Rekordnationalspieler Richard Hofmann und andere etablierte Kräfte wurden aussortiert, über den Brenner fuhr die bis heute jüngste deutsche WM-Mannschaft, die im Schnitt 23,4 Jahre alt war und 5,8 Länderspiele absolviert hatte. In der Startelf gegen Belgien standen drei Debütanten. Der erfahrenste Akteur, der "schöne Willibald" Kreß im Tor, bestritt sein 14. Länderspiel, Kapitän Szepan sein fünftes.

Nur vier Spieler aus der Elf, die die Qualifikation mit einem 9:1 gegen Luxemburg perfekt gemacht hatten, waren dabei. Die Jungen ließen sich bereitwillig auf Nerz' System ein und nahmen dessen Kasernenhofton "ohne weiter nachzudenken" an, wie Abwehrspieler Sigmund Haringer sagte.

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"Nicht mal meiner Frau durfte ich sagen, wo wir sind"

Nerz galt als Disziplinfanatiker, seine Ernährungsvorschriften muten aus heutiger Sicht seltsam an. Im Trainingslager in Cernobbio am Comer See war nach dem Morgenkaffee nur ein Glas Obstsaft erlaubt. Erst als Szepan maulte, gestattete Nerz ein zweites. In der Halbzeitpause wurden warme Milch und Zitronen gereicht. Und die genaue Lage des deutschen Quartiers im Hotel Mira Lago wurde so geheim gehalten, dass Ersatztorwart Hans Jakob unkte: "Nicht mal meiner Frau durfte ich sagen, wo wir sind."

Doch Nerz erlaubte auch Ausflüge ins Strandbad von Sorrent, Bilder zeigen die Spieler in damals modischen Badeanzügen. Für die Kicker, allesamt Amateure, war es eine Art Urlaub vom Alltag. Fünf Reichsmark gab's am Tag, das entsprach dem Durchschnittsverdienst. Fünf Mann aus dem erweiterten 22er-Kader spielten bei Fortuna Düsseldorf, dem Meister von 1933, andere bei Union Hamborn, VfL Benrath oder Victoria Hamburg.

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"Ed" Conen erzielt einen Hattrick

Mit ihrer Ausgeh-Uniform hatte die Delegation etwas von einem Marinekorps. Zu Hause fieberten die Anhänger erstmals live mit, der Radioapparat "Volksempfänger" - eines der wichtigsten Propagandainstrumente der nationalsozialistischen Machthaber - machte es möglich. Deutschland litt sehr in Florenz, das 1:0 durch Stanislaus Kobierski in der 25. Minute war schmeichelhaft. Nach 45 Minuten lag Nerz' Fohlenelf 1:2 zurück. Der Coach zeigte jetzt seine väterliche Seite. "Es kann nichts passieren, weil ihr die Besseren seid", sagte er den Spielern in der Pause.

Debütant Otto Siffling glich bald aus (49.), und der Dreierpack des erst 19 Jahre alten Edmund "Ed" Conen brachte dem Favoriten den Sieg. Keiner glaubte aber an diesem Abend, dass diese junge Mannschaft die WM als Dritter abschließen würde. Nach dem 3:2 im Spiel um Platz drei gegen das "Wunderteam" aus Österreich schrieb der "Völkische Beobachter" von einem Erfolg, "der in erster Linie dem durch den Nationalsozialismus geschaffenen neuen deutschen Lebensgefühl ... zuzuschreiben ist". Noch am Abend traf ein Glückwunsch-Telegramm von Reichssportführer Hans von Tschammer und Osten ein.

Janes' wortkarges Interview geht in die Geschichte ein

Düsseldorfs Paul Janes fasste die WM nach der Rückkehr in einem legendären Interview so zusammen: "Herr Janes, Sie waren mit der Nationelelf in Italien?" - "Ja." - "Sind Sie mit dem Abschneiden zufrieden?" - "Ja." - "Hätten Sie Weltmeister werden können?" - "Nein." - "Der dritte Platz tut es auch?" - "Ja." - "Wie war es in Italien?" - "Warm."

Das erste deutsche WM-Spiel in der Statistik: Deutschland: Kreß (Dresdner SC/14. Länderspiel) - Haringer (Bayern München/9), Schwartz (Victoria Hamburg/1) - Janes (Fortuna Düsseldorf/6), Szepan (Schalke 04/5), Zielinski (Union Hamborn/1) - Lehner (Schwaben Augsburg/4), Hohmann (VfL Benrath/8), Conen (FV Saarbrücken/2), Siffling (Waldhof Mannheim/1), Kobierski (Fortuna Düsseldorf/13). - Trainer: Nerz Tore: 1:0 Kobierski (25. Minute), 1:1 Vorhoof (32.), 1:2 Vorhoof (43.), 2:2 Siffling (49.), 3:2 Conen (66.), 4:2 Conen (70.), 5:2 Conen (87.)  

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