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Die größten WM-Aufreger für die Brasilianer

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Die größten WM-Aufreger  

Was die Brasilianer auf die Palme bringt

12.06.2014, 10:52 Uhr | t-online.de

Die größten WM-Aufreger für die Brasilianer. Demonstranten zünden eine brasilianische Flagge an. Auch wenn die Proteste gegen die WM nicht mehr so groß sind wie 2013 - die Wut bleibt. (Quelle: dpa)

Demonstranten zünden eine brasilianische Flagge an. Auch wenn die Proteste gegen die WM nicht mehr so groß sind wie 2013 - die Wut bleibt. (Quelle: dpa)

Sie sind die wahrscheinlich größten Fußballfans des Planeten - trotzdem sprechen sich viele Millionen von Brasilianern gegen die Fußballweltmeisterschaft aus. Wie passt das zusammen?

WM-Botschafter Ronaldo schämt sich für die Versprechen, die die Regierung den Menschen für die WM gemacht hat - und die nie eingehalten wurden. Weltmeister Romario bezeichnet die Veranstaltung als "den größten Raubüberfall in der Geschichte Brasiliens". Und die Regierung bietet 157.000 Sicherheitskräfte auf, die die Proteste gegen sich, die Fifa, die Großkonzerne und ihr gemeinsames Riesenprojekt niederschlagen könnten.

Einige Gründe der Wut sind offensichtlich: Die WM kostet Milliarden von Euro, und das in einem Land, in dem 70 Millionen Menschen über 25 keinen Schulabschluss haben, Patienten jahrelang auf dringend notwendige Operationen warten und Millionen von Menschen stundenlang zur Arbeit brauchen, weil die viel zu engen Straßen verstopft sind. Die Geschichte des Widerstands gegen die WM ist auch die Geschichte eines Wirtschaftsbooms, der die Masse der Brasilianer nie erreicht hat, bevor er wieder abebbte – das Großereignis und ihr Veranstalter, die FIFA, taugen aber auch zu gut als Hassobjekt für eine Bevölkerung, die genug von Korruption, Misswirtschaft, Geldverschwendung und den Lügen der Politiker hat.

Allerdings sind die Proteste viel kleiner als noch vor einem Jahr während der WM-Generalprobe, dem Confederations Cup. Damals gingen in den großen Städten Zehntausende auf die Straße und zeigten der ganzen Welt, was sie von der Weltmeisterschaft hielten . "Damals war die Mittelschicht auf der Straße, heute sind es vor allem die Armen – und die beiden Schichten haben ganz andere Probleme", sagt Martin Curi im Gespräch mit t-online.de. Der Anthropologe und Buchautor von "Brasilien – Land des Fußballs" rechnet zwar nicht mit Massenprotesten während der WM – doch der Zorn der Bevölkerung ist ungebrochen.  

Diesen Zorn hält Curi für berechtigt - aber auch für irrational: "Die Brasilianer haben eine naive Vorstellung von einem modernen Land“, sagt der Wissenschaftler, der zur Zeit in Brasilien wohnt, "als sie die WM bekommen haben, haben sie gesagt: In wenigen Jahren sind wir auf Augenhöhe mit Deutschland und Frankreich. Das wurde auch von der Politik entsprechend befeuert. Vor einem Jahr hat man dann festgestellt, das klappt nicht mehr. Da brach für viele eine Welt zusammen. Das war natürlich von vorneherein utopisch."

Aber worüber ärgern sich die Menschen ganz konkret? Das sind acht der größten WM-Aufreger für die Brasilianer:

1. Der Weiße Elefant von Manaus

Präsidentin Dilma Rousseff hatte versprochen, die zwölf WM-Stadien mit privatem Geld zu bauen. Jetzt stellt sich heraus, dass sie fast ausschließlich vom Steuerzahler finanziert werden. Besonders im Brennpunkt steht die Arena der Urwaldstadt Manaus. Sie ist so abgelegen, dass sie mit dem Auto praktisch nicht zu erreichen ist.

Der Bau hat inzwischen 220 Millionen Euro verschlungen und vier Arbeiter das Leben gekostet. Es ist ein "Weißer Elefant", ein Ding, das keiner braucht, ein Wegwerf-Stadion für nur vier Spiele: Niemand weiß, wer die 42.300 Plätze nach dem Sommer füllen soll. Die Stadt verfügt über keinen großen Verein, zu den Spitzenspielen der lokalen Mannschaften kommen höchstens 1500 Zuschauer. Für sie steht jetzt eine "biomorphe Struktur" des deutschen Architektenbüros bmp im Dschungel. Die Einwohner nennen ihn Früchtekorb und sagen: "Wir brauchen hier keine Schönheit, wir brauchen Schulen und Krankenhäuser."

2. Dilma Rousseff und die teuerste WM aller Zeiten

Über allem steht das nationale Credo: "Alle Politiker sind korrupt." Das unterstellen sie jetzt auch bei den Riesenausgaben für die WM. Sie kostet die Brasilianer bisher über acht Milliarden Euro. Zum Vergleich: Die Weltmeisterschaft 2006 hat die Deutschen geschätzte 5,5 Milliarden gekostet. Auch hier wurde jahrelang behauptet, die Veranstaltung würde sich selbst finanzieren. Alles Lüge.

Dabei ist die WM in Brasilien nicht nur ein Sportereignis, sie ist auch Wahlkampf: Am 5. Oktober stimmen die Brasilianer über ihr Staatsoberhaupt ab. Für die Zukunft der Präsidentin könnte entscheidend sein, wie sich die Wähler beim größten Sportereignis des Planeten vertreten fühlen. In den Umfragen steht Rousseff noch gut da – doch ein Zornausbruch wie vor einem Jahr würde sie vermutlich den Posten kosten.

3. Die Zwangsräumungen

Es wird geschätzt, dass 170.000 Brasilianer von Zwangsumsiedlungen für die WM oder die Olympischen Spiele bedroht sind. Ein Beispiel: Vila Autodromo, das gallische Dorf in Rio de Janeiro. Gegen die kleine Armensiedlung hatten sich die mächtigen Baukonzerne und die Politik schon lange verschworen: Ihnen ist das Viertel, in dem vor Jahrzehnten Arme auf ungenutztem Land ansiedelten, ein Dorn im Auge. Es liegt nur durch eine breite Straße von einem Reichenviertel getrennt – typisch für Rio.

Lange sollte es zugunsten eines Busbahnhofs verschwinden, der mal wieder im reichen Süden Rios gebaut werden soll, obwohl der arme Norden die Infrastruktur viel besser gebrauchen könnte. Natürlich rieben sich auch Bauentwickler die Hände, wenn sie an den wertvollen Grund dachten, der nur von ein paar Hundert armen Menschen bewohnt wurde.  Zu WM und Olympia sollte der Schandfleck nun endgültig verschwinden – doch die circa 3000 Einwohner gingen auf die Barrikaden und weigerten sich, in die Wohnungen weit außerhalb des Zentrums zu ziehen, die ihnen der Staat anbot. Ihre Kampagne fand nicht nur überall in Brasilien, sondern auch in aller Welt Unterstützer. Nach jahrelangem Kampf darf das gallische Dorf jetzt bleiben.

4. Die FIFA

Der Weltfußballverband wird von Menschen auf der ganzen Welt als geldgieriges Monster wahrgenommen, das sich nicht dem Fußball verpflichtet fühlt, sondern nur der Vermarktung. Die FIFA ist offiziell eine gemeinnützige Organisation, die aber an der WM in Brasilien bis zu eine Milliarde Dollar verdient. Für die Kosten zahlt sie keinen Cent: Sie hat der brasilianischen Regierung eine Vereinbarung aufgezwungen, die sie von allen Steuern entbindet.

"Die FIFA ist hier zum Hassobjekt geworden. Für den Brasilianer ist der Fußball brasilianisch. Die FIFA ist der Eindringling, der das Land überfällt, ausnimmt und alles bestimmt", sagt Curi. Das Aussehen der Stadien zum Beispiel würde für Brasilien als unpassend empfunden, aber so vom Weltverband diktiert: "Man soll die Stadien zahlen, kann aber nicht mitbestimmen. Für die Brasilianer ist das eine Beleidigung." Im Zentrum der Wut steht das WM-Gesetz, das der Fußballverband den brasilianischen Politikern aufgedrückt hat.

5. Das WM-Gesetz

Das "Lei Geral de Copa" ist ein Schlag für den brasilianischen Nationalstolz: "Zum Beispiel schließen ab dem 12. Juni alle staatlichen Einrichtungen – rechtzeitig zum Beginn der WM. Alles macht zu, die Schulen, die Bibliotheken und die Universitäten." Für Curi der Grund: "Man will die Pendler aus der Stadt haben und den Verkehr beruhigen." Damit die Journalisten und Besucher das beschönigte Rio sehen, komfortabel durch Sao Paulo fahren können. Ohne die stundenlangen Staus und die Luftverschmutzung, unter der die Brasilianer im Alltag leiden. Willkommen in der FIFA-Kunstwelt, die sie Brasilien nennen.

6. Die Phantom-Schnellbahn

Es gibt keine Hoffnung der Brasilianer, die so herb enttäuscht worden ist, wie die auf eine funktionierende Infrastruktur. Mit der WM würden Riesensummen investiert, so könnte jedermann von dem Ereignis profitieren – glaubten die normalen Bürger. Denn das Verkehrschaos macht fast alle Brasilianer gleich: Nur die Superreichen können den Monsterstaus entgehen, indem sie mit dem Hubschrauber zur Arbeit fliegen.

Neue Straßen, neue Flughafen-Terminals, das Juwel in der WM-Infrastruktur-Krone sollte die Schnellbahn von Rio nach Sao Paulo werden. Die neue "Trem-Bala" würde die 500 Kilometer zwischen den Super-Metropolen in Rekordzeit überwinden. Zur WM sei die neue Bahn in Betrieb, zu den Olympischen Spielen zwei Jahre später endgültig fertig, hatte Staatspräsidentin Rousseff noch 2009 geprotzt. Der große Schuss krepierte noch im Rohr: In drei Gebotsrunden fand sich dann aber kein einziges Unternehmen, dass das 15-Milliarden-Projekt angehen wollte. Superzug adeu.

7. Die Krankenhäuser nach Fifa-Standard

Ein WM-Werbevideo hatte im Jahr 2007 versprochen, die Patienten würden zur WM in neuen Krankenhäusern behandelt – ein Versprechen, das die Brasilianer sehr ernst nahmen, müssen sie doch in einem maroden Gesundheitssystem ständig um eine ordentliche Behandlung kämpfen. Doch sie warteten vergebens – stattdessen schossen die Kosten für die WM-Stadion in exorbitante Höhen, "weil die Fifa-Standards erfüllt werden müssen", wie die Regierung ständig betonte.

Das Stadion in der Hauptstadt Brasilia kostet inzwischen schon 420 Millionen Euro – und es sei noch nicht zu überblicken, wie viele Rechnungen noch eintrudelten, sagt der zuständige Beamte. Einige Experten sprechen schon von 600 Millionen Euro. Zum Vergleich: Selbst die Allianz-Arena in München hat nur 340 Millionen Euro gekostet – bei dem weit höheren Lohnniveau in Deutschland. Den Brasilianern platzte der Kragen. Eine der häufigsten Parolen bei den Protesten gegen die Fußball WM ist die sarkastische Forderung nach "Krankenhäusern mit Fifa-Standard".

8. Die Brutalität der Polizei

Die Polizei ist aus dem Militär hervorgegangen und die Polizisten verhalten sich wie Soldaten – vor allem bei den zunächst friedlichen Demos, die zuerst einmal ein positives Zeichen der Demokratie und freien Meinungsäußerung gewesen seien. "Ich war selbst in einer der Demos. Es ist sofort Tränengas in der Luft, dann fliegen die Knüppel", beschreibt Curi. Die Haltung der Polizei sei mit der deutschen nicht vergleichbar, über Deeskalation wird in Brasilien wohl nur gelacht. "Schon bei der normalen Verkehrskontrolle kommen die Polizisten mit gezogener Waffe auf einen zu, die friert einem das Blut." Die Polizei sei nicht der Freund und Helfer, man gehe ihr eher aus dem Weg, um nicht zum Opfer zu werden, beschreibt Curi.

Auch die Zusammenarbeit mit den ausländischen Kollegen, die im Rahmen der WM stattfindet, werde nichts ändern: "Die haben vor allem mit den Franzosen Übungsseminare gemacht, das passt, die haben auch einen Hau-Drauf-Stil."

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