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Turniertrainer Löw muss liefern - Sport gegen WM-Stress

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Fußball  

Turniertrainer Löw muss liefern - Sport gegen WM-Stress

15.06.2014, 11:11 Uhr | dpa

Salvador da Bahia (dpa) - Kurz nach Sonnenaufgang findet auch Joachim Löw am Strand vor dem Campo Bahia Zeit für ein wenig Zerstreuung. Die Fußball-WM vereinnahmt den Bundestrainer völlig.

Der 54-Jährige grübelt bis zuletzt über Systeme, Personal und Strategien für das wegweisende Schlüsselspiel in Salvador da Bahia gegen Portugal. Am Montag beginnt für Löw sein viertes Turnier als Chef - Ausgang und Verlauf werden über die inzwischen achtjährige Ära des zehnten deutschen Nationaltrainers urteilen.

Die Strandläufe sind ein Kraftquell für die prall gefüllten Tage mit Trainingseinheiten, Sitzungen, Videostudium und vielen Gesprächen, die er mit seinem Trainerstab, der Mannschaft, den Medizinern und Fitnesstrainern sowie dem Logistik-Team um Manager Oliver Bierhoff führen muss. "Für mich persönlich ist gerade am frühen Morgen eine gute Gelegenheit, ein bisschen Sport zu machen, das tut mir gut. Das ist für mich ein guter Ausgleich und ein guter Auftakt in den Tag", schilderte Löw. Er könne dabei abschalten: "Ich begebe mich da nicht in eine Welt, in der ich nur an Cristiano Ronaldo denke."

Über "Jogis Welt" ist in den ersten Tagen in Brasilien viel geschrieben und noch mehr spekuliert worden. Erkennbar ist, dass Löw bei seiner vierten Titelmission radikaler seinen eigenen Weg verfolgt, dass er einsamere Entscheidungen trifft und vor allem kein gesteigertes Bedürfnis mehr verspürt, jeden einzelnen seiner Schritte öffentlich zu erklären, geschweige denn zu verteidigen.

"Ich als Trainer sollte nicht schauen, was viele sogenannte Bundestrainer schreiben und sagen, welche Meinung sie haben", sagte Löw bei seiner einzigen Pressekonferenz im WM-Stammquartier in Santo André vor dem Portugal-Spiel. "Ich bin jetzt schon bei dem einen oder anderen Turnier dabei gewesen. Ich kenne ja auch manche Diskussionen, das wiederholt sich immer wieder", bemerkte er fatalistisch.

Löw meint die immer wiederkehrenden Debatten um das Camp, die 23 Spieler oder um falsche und richtige Neuner im Sturm. "Es ist mir klar, dass es unterschiedliche Meinungen gibt zur Kaderauswahl, zu Aufstellungen, zur taktischen Ausrichtung." Für sich selbst hat er beschlossen, "sich einfach davon ein bisschen freizumachen". Löw weiß, dass er in Brasilien liefern muss, mehr als Finale (EM 2008) oder Halbfinale (WM 2010, EM 2012). Unterhaltsamer Fußball und souveräne Qualifikationen sind auf Dauer kein Ersatz für Titel, wenn der letzte mittlerweile schon 18 Jahre zurückliegt. Vier Turniere ohne Cup-Gewinn wurden noch keinem Nationalcoach zugestanden.

Der Halbfinal-K.o. gegen Italien bei der Europameisterschaft 2012, als Löw taktisch und personell danebenlangte, das aber lange nicht einsehen mochte, hat ihn einiges an Kredit gekostet. Löw spürt die Verengung der öffentlichen Sicht auf eine Erfolgsverpflichtung, "alles ist unheimlich sensibel geworden" - auch ihm gegenüber.

Ihm gerade in Südamerika, wo noch keine Mannschaft aus Europa den WM-Pokal gewinnen konnte, den Triumph aufzulegen, irritiert ihn dennoch. "Wenn man sagt, Deutschland ist jetzt mal wieder dran, damit kann ich nichts anfangen." Bei einem Vorrunden-K.o. könnte er noch verstehen, dass sich "die ganze Kritik auf den Trainer fokussiert".

Sein Vertrag ist bis zur EM 2016 in Frankreich verlängert worden. Es wirkt wie eine Absichtserklärung, die dem Verband und Löw selbst allzu aufgeregte Debatten in Brasilien ersparen soll. Trotzdem werden schon Nachfolgeszenarien diskutiert. Der Name des bisherigen Mainzer Bundesliga-Trainers Thomas Tuchel ist nur einer, der dabei fällt.

Änderungen wird es nach Brasilien ohnehin geben. Löws Assistent Hansi Flick steigt zum DFB-Sportdirektor auf, einige langjährige Betreuer werden aus dem Team hinter dem Team ausscheiden. Noch aber steht Löw am Schaltpult. Mit 2,20 Punkten als Länderspielschnitt ist der Freiburger der punktbeste Nationaltrainer, vor Berti Vogts, Jupp Derwall und Helmut Schön. Mehr Länderspiele als er (105) haben nur Sepp Herberger (167) und Schön (139) auf der Bank gesessen - alle Genannten holten aber mit der Nationalmannschaft mindestens einen Titel.

Löw bezeichnet sich selbst als Turniertrainer, auch wenn ihm der letzte Schritt bislang nicht gelingen wollte. Dass Brasilien sein finaler Versuch sein könnte, ist für ihn jetzt nicht von Belang. Alles oder nichts! Kurz vor dem Startschuss wirkte er jedenfalls erstaunlich entspannt, selbst beim Aufstellen der Hütchen auf dem Trainingsplatz scherzte er noch kurz mit den zusehenden Reportern. "Meine Gemütsverfassung ist sehr gut", versicherte er. "Ich fühle mich hervorragend, ausgeglichen, konzentriert und fokussiert." Löw ist im Innersten immer ein Fußballlehrer geblieben. Er kann wunderbar dozieren über das große Ganze. Er kann sogar eine Reservistenrolle für Stars wie Bastian Schweinsteiger oder Miroslav Klose wortgewaltig als Chance verkaufen. Bankdrücker sind jetzt "Spezialkräfte".

Sein "gutes WM-Gefühl" speist der Bundestrainer aber vor allem aus seiner wochenlangen Arbeit mit seiner Mannschaft. "Manchmal habe ich lange Phasen, wo ich unzufrieden bin, weil ich die Spieler nicht habe und nicht mit ihnen arbeiten kann." Jetzt habe er aber "viel Feuer" auf dem Trainingsplatz gespürt: "Wenn ich mit den Spielern arbeiten kann, hebt das meine Laune."

Löw fühlt sich startklar. Und er ist überzeugt, dass sich seine Vorstellungen mit denen der Fans daheim decken. "Ich freue mich, wenn wir gewinnen, wie die ganze Nation. Unser Ziel ist es, guten Fußball zu spielen und unsere Fans zufriedenzustellen", sagte er.

Auch Angela Merkel ist wie die meisten ihrer 80 Millionen Mitbürger "natürlich auch Fan" der deutschen Mannschaft. Die Bundeskanzlerin wird gegen Portugal in der Arena Fonte Nova auf der Tribüne live mitfiebern. Merkel tauscht sich immer wieder aus mit Löw, aber nicht über Fußball-Strategien. "Das ist nicht die Art unserer Gespräche", verriet Merkel vor dem Turnierstart, eine Zielvorgabe vermied sie. Jeder weiß aber: Auch sie würde Löw am liebsten im Sommer als Weltmeister im Kanzleramt empfangen.

Joachim Löw ist der punktbeste deutsche Fußball-Nationaltrainer. Ein Titelgewinn jedoch fehlt ihm noch vor dem Start in sein viertes Turnier als verantwortlicher Bundestrainer:

TrainerSpSUNTorePunkteschnitt
Joachim Löw105711915262:1012,20
Berti Vogts102662412206:862,18
Jupp Derwall67441211144:602,15
Helmut Schön139873121292:1072,10
Jürgen Klinsmann34208681:432,00
Otto Nerz70421018192:1131,94
Rudi Völler53301013109:571,89
Sepp Herberger167942746435:2501,85
Franz Beckenbauer66342012107:611,85
Erich Ribbeck24106842:311,50

Anm.: Spiele, die im Elfmeterschießen entschieden wurden, sind
     als Unentschieden gewertet.

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