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Fußball  

Der Fußball als Spielball der Politik

15.06.2014, 15:14 Uhr | dpa

Der Fußball als Spielball der Politik. Bundeskanzlerin Angela Merkel gibt gern den obersten deutschen Fußballfan.

Bundeskanzlerin Angela Merkel gibt gern den obersten deutschen Fußballfan. Foto: Rainer Jensen. (Quelle: dpa)

Berlin (dpa) - Die Präsidentin schweigt lieber. Statt Glanz für das eigene Ansehen muss Dilma Rousseff diese, ihre Fußball-WM fürchten. Eine Weltmeisterschaft hat immer auch eine politische Dimension, aber in Brasilien ist es anders. Nicht die Politik, das Volk nutzt die WM als Bühne.

Die Menschen protestieren gegen soziale Missstände und hohe Kosten. Rousseff hält dem entgegen, dass von 2010 bis 2013 212 Mal mehr Geld in Gesundheit und Bildung als in die WM-Stadien investiert worden.

Aus Angst vor einem gellenden Pfeifkonzert wurde die WM nicht durch eine Rede Rousseffs offiziell eröffnet, sondern von Kindern, die drei Friedenstauben in den Himmel von São Paulo steigen ließen.

Da hat es Angela Merkel einfacher. Seit der WM 2006 ist die Kanzlerin Dauergast bei der Nationalelf, bis hin zu einem Kabinenbesuch und Handschlag mit einem halbnackten Mesut Özil. Rund um ihren Besuch des ersten WM-Spiels gegen Portugal ist ein Besuchsprogramm gestrickt worden. Damit es nicht so aussieht, als sei es eine Lustreise, um sich im Glanze von Jogi Löws Elf zu sonnen. Neben einem Treffen mit Rousseff ist ein Programmpunkt der Besuch des Benediktiner-Klosters São Bento "mit anschließender musikalischer Darbietung des Jugendorchesters Neojiba", so Regierungssprecher Steffen Seibert.

Begleitet wird Merkel unter anderem von SPD-Fraktionschef Thomas Oppermann und Linken-Fraktionsvize Dietmar Bartsch. Schon Helmut Kohl und Gerhard Schröder nutzten die WM als Bühne, um sich als oberste Fans in Szene zu setzen. Besonders emsig ging es im Jahr 2002 zu, als der Bundestagswahlkampf zum letzten Mal mit einer Weltmeisterschaft - damals in Japan und Südkorea - zusammenfiel. Herausforderer Edmund Stoiber (CSU) zeigte sich beim Finale gegen Brasilien Arm in Arm mit Fußball-Legende Pelé.

Kanzler Gerhard Schröder (SPD) - früher Mittelstürmer beim TuS Talle im Lippischen (Spitzname: "Acker") - ließ einen ungewöhnlichen "Brief des Bundeskanzlers an die Bürgerinnen und Bürger zur Fußball-WM" verbreiten. "Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger, ich weiß nicht, ob Sie mit Fußball etwas am Hut haben oder nicht. Ich jedenfalls gehöre zu denjenigen, die sich für diesen Sport richtig begeistern können", schrieb Schröder kurz vor dem WM-Achtelfinale gegen Paraguay (1:0).

SPD-Wahlkampfleiter Matthias Machnig meinte damals: "Eine positive Grundstimmung, die ein gutes Abschneiden auslösen würde, ist sicherlich nicht schlecht für die Wahl am 22. September." So galt es für alle Parteien lieb Kind zu machen beim Wähler. Angesichts der frühen Übertragungszeiten war ein beliebter Vorschlag, Gleitzeit an den Arbeitsplätzen einzuführen, um ein Mitfiebern zu ermöglichen.

Messbar in konkretem politischem Nutzen ist das kaum. Aber gerade in Lateinamerika ist der Fußball immer wieder instrumentalisiert worden - die letzte WM in Südamerika ist zugleich die umstrittenste bis heute, auch weil der argentinische WM-Triumph im Ruch steht, erkauft worden zu sein. Denn die seit 1976 herrschende Militärjunta um Jorge Videla brauchte dringend gute Stimmung angesichts von Repression, Folter und tausenden Toten, darunter auch die Deutsche Elisabeth Käsemann.

Damals gab es kein Halbfinale, sondern zwei Final-Gruppen, die beiden Ersten zogen in das Finale ein. Um das noch zu schaffen, musste Argentinien mit vier Toren Unterschied gegen Peru gewinnen, am Ende war es ein 6:0. Ein Mitglied der Militärregierung sagte vor einigen Jahren im persönlichen Gespräch in Buenos Aires, dass die Partie verschoben worden sei, bis heute fehlt aber ein eindeutiger Beweis.

Das Motto des Turniers lautete: "La fiesta de todos" (Das Fest von allen). Das Volk sollte sich hinter der Junta versammeln. Und die amerikanische PR-Agentur Burson & Marsteller war für 1,1 Millionen Dollar beauftragt worden, das Image der Militärregierung im Ausland zu verbessern. Doch statt der erwarteten 50 000 Gäste waren zum Turnierbeginn nur knapp 7000 Touristen sowie 2400 ausländische Journalisten eingetroffen. Entscheidender war ohnehin, durch TV-Übertragungen und möglichst positive Berichterstattung der ausländischen Journalisten dem negativen Bild von Folter und Unterdrückung entgegenzuwirken.

Die FIFA und der DFB betonten die Trennung von Sport und Politik. Und mehrere Nationalkicker gaben sich denn auch betont unpolitisch. So meinte Manfred Kaltz: "Ich fahr da hin, um Fußball zu spielen, nichts sonst. Belasten tut mich das nicht, dass dort gefoltert wird." Heinz Flohe umschrieb seine Gefühlslage so: "Ein gutes Gefühl hat man natürlich nicht, wenn man vom Militär ins Hotel geleitet wird und die ham' ne Kanone im Anschlag. Aber wenn das sein muss, muss das sein."

Geholfen hat der Aufwand der Junta übrigens kaum. Sie verlor an Rückhalt und brach den Krieg um die Falklandinseln gegen die Briten vom Zaun. 1983 war sie am Ende. Raúl Alfonsín wurde demokratisch gewählter Präsident - und angeführt von Diego Maradona wurde man drei Jahre später wieder Weltmeister - diesmal half die "Hand Gottes".

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