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WM 2014: Wie ein Fiebertraum

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Fußball  

Wie ein Fiebertraum

20.06.2014, 10:16 Uhr | dpa

WM 2014: Wie ein Fiebertraum. Die Farben der Seleção sind allgegenwärtig.

Die Farben der Seleção sind allgegenwärtig. Foto: Jeon Heon-Kyun. (Quelle: dpa)

Manaus (dpa) - Aus der dampfenden Küche werden unablässig Frango, Carne und Peixe ausgespuckt. Es ist laut, es ist grell, es ist WM. Das Rei do Churrasco ist an diesem Nachmittag in Gelb, Grün und Blau gehüllt, die Farben der Seleção.

Wie sehr die Menschen in Manaus die Weltmeisterschaft, aber vor allem den Fußball und ihre Mannschaft lieben, erlebt man hautnah in einem dieser Grilllokale, wo Unmengen Huhn, Fleisch, Fisch, Bier und Caipirinha verputzt und geschluckt werden. Es ist das Auftaktspiel, Brasilien gegen Kroatien. Jede Aktion des fünfmaligen Weltmeisters wird mit Seufzen, Stöhnen, Schreien und Jubeln begleitet. Am Ende siegt der Gastgeber mit 3:1. "Das ist der Wahnsinn", hyperventiliert eine ältere Frau mit Cowboyhut.

In den Restaurants, Bars und Kiosken ist das Erregungspotenzial während der WM besonders hoch, auf dem Wasser kaum spürbar. Träge pflügt das Schiff dem Horizont entgegen. Es hat Zeit, viel Zeit. Der Weg zum Encontro das Aguas, dem Aufeinandertreffen von Rio Solimões und Rio Negro, liegt nur wenige Kilometer vom Hafen in Manaus entfernt. Es ist ein Naturphänomen vor der Küste der Metropole mit ihren rund 1,9 Millionen Einwohnern. Denn der bräunlich-gelbe Rio Solimões und der dunkel-teerige Rio Negro fließen fast schüchtern nebeneinander her, ehe sie sich zum mächtigen Amazonas vermischen. An diesem Mittag, während die Fußball-WM in Brasilien immer mehr Fahrt aufnimmt, darf die Tropensauna, die sonst für ihre drückende Hitze und hohe Luftfeuchtigkeit bekannt ist, erst mal durchlüften. Wolken verhängen die Sonne, Regen trommelt auf das Deck.

Manaus hat sie, diese bizarren, modrig wirkenden Schauplätze. Einer dieser unwirklich scheinenden Orte ist das Teatro Amazonas, das zu den Hochzeiten des Kautschukbooms in Manaus eingepflanzt wurde. 15 Jahre dauerte das kühne Projekt von der Idee bis zur Verwirklichung, am Silvesterabend 1896 wurde die Oper dann eingeweiht. "Das Haus hat die viertbeste Akustik der Welt", erzählt ein Fremdenführer während des Spaziergangs durch das prachtvoll ausgestattete Gebäude. "Luciano Pavarotti meinte allerdings, die Akustik sei nicht die viertbeste", fährt er mit einer kleinen Kunstpause fort, ehe er stolz verkündet: "Seiner Meinung nach haben wir die zweitbeste nach der Scala."

Der Genuss klassischer Musik war für Manaus ein verwegener Traum, der Wirklichkeit wurde. Davon zeugen die zahlreichen mit Kautschuk überzogenen Pflastersteine vor dem Haus, die die Herrschaften vor dem Klappern der Pferdehufe schützen sollten. Erstmals bekam das Publikum im Januar 1897 eine Oper zu hören, Amilcare Ponchiellis "La Gioconda" tönte durch die neobarocke Haupthalle.

Mit ihren rund 700 samtbezogenen Sitzen, den üppigen Lüstern und den eleganten Holzvertäfelungen wirkt das Haus aus der Zeit gefallen, als ob sich der gesamte Amazonas gegen die Moderne wehren würde. Wie Zeit klingt, bekommt man bei jedem Schritt im ersten Stock zu spüren, wo das Parkett so schön knirscht. Es sind keine gewöhnlichen Bretter, die hier abwechselnd in heller und dunkler Färbung verlegt wurden. Die Latten spiegeln das Nebeneinanderherfließen von Rio Negro und Rio Solimões wider; auch der Bühnenvorhang greift dieses Motiv auf.

Zeugen einer aufregenden Vergangenheit gibt es unterhalb der Logen, wo kleine Schilder mit den Namen von Wolfgang Amadeus Mozart, Ludwig van Beethoven und weiteren Komponisten hängen. Deutsche haben hier Spuren hinterlassen. Zum Beispiel Christoph Schlingensief, der im wohl ungewöhnlichsten Opernhaus der Welt 2007 Richards Wagners "Der fliegende Holländer" inszenierte. Eine Art Fiebertraum mit Sambatänzerinnen und Hohepriestern.

Der Verfall ist jedoch auch im Teatro Amazonas allgegenwärtig. Das feuchte Klima und die Termiten haben dem Gebäude zugesetzt, immer wieder muss renoviert werden. Diesem irrwitzigen Projekt im Dschungel hat Regisseur Werner Herzog mit seinem Meisterwerk "Fitzcarraldo" ein Denkmal gesetzt. In dem Film verfolgt der Abenteurer Brian Sweeney Fitzgerald wie besessen die Idee, im peruanischen Dschungel ein Opernhaus nach dem Vorbild des Teatro Amazonas zu errichten und den Sänger Enrico Caruso für einen Auftritt zu engagieren. Es ist eine Geschichte des Wagemuts, eine Geschichte der Unterwerfung der Natur. Am Ende jedoch ist es für "Fitzcarraldo", wie Sweeney von den Indios genannt wird, eine Geschichte des Scheiterns.

Das Milliardengeschäft WM steht hingegen für Aufbruch, aber auch für Gier und Verdrängung. Nicht nur in der Arena da Amazônia sucht man während der Endrunden-Begegnungen vergebens nach typischen brasilianischen Snacks. Keine Coxinhas, keine Bolinhos de Bacalhau, stattdessen Burger und Hotdogs. Nur Partner des mächtigen Weltverbandes FIFA, also die Lizenznehmer, sind im Geschäft. So läuft es - Folklore ist nur im Rahmenprogramm willkommen.

Die Arena, für einen dreistelligen Millionenbetrag errichtet, ist eine Augenweide, ein Fußballraumschiff. Deutsche Architekten haben das einem Strohkorb nachempfundene Stadion für mehr als 40 000 Zuschauer konzipiert. Wie auch beim Teatro Amazonas wurden Tonnen Material auf dem Wasserweg eingeschifft. Vier Menschen kamen während des Baus ums Leben. Das Publikum bekommt vier WM-Gruppenspiele geboten, doch einen Profiverein gibt es mitten im Regenwald nicht. "Wir sollten das Stadion künftig als Zwischenlösung nutzen, um von hier aus Straftäter in Gefängnisse zu verteilen", schlug Richter Sabino Marques angesichts überfüllter Gefängnisse vor. Die Idee ging um die Welt.

Die Welt von Ronaldo ist der brüchige Asphalt von Manaus. Die WM zu Gast am Amazonas, dieses Erlebnis genießt der Taxifahrer, auch wenn er sich kein Ticket leisten kann. "Es ist toll, sie hier zu haben", sagt Ronaldo stolz. Was ihn weniger begeistert, sind die Dauerprobleme im Land: "Wir brauchen Geld für Schulen und Krankenhäuser." Kein Wunder, dass sich die sozial abgehängten Brasilianer mit Protesten Luft verschaffen.

Die Endrunde ist eine Riesenshow, das erste WM-Spiel am Amazonas mitreißend. England und Italien liefern sich unter dem Himmelszelt von Manaus eine Partie, wie sie sich die Organisatoren nicht hätten farbenprächtiger ausmalen können. "Es war ein unglaubliches Spiel, eine Partie für die Ewigkeit", schwelgte Italiens Trainer Cesare Prandelli danach. Mario Balotelli gelingt der Siegtreffer, Wayne Rooney fast nichts.

Khalid und Rita freut das. Das Paar aus Detroit - er ursprünglich aus dem Libanon, sie aus Italien -, hat Tickets für die drei Gruppenspiele des viermaligen Weltmeisters. Nassgeschwitzt schlürfen sie am Hotelpool ihr Wasser. Diese Reise wollten sie sich unbedingt gönnen. Knapp drei Wochen Brasilien, Manaus, Rio de Janeiro, Recife und Natal. Auch über die Sicherheitsprobleme haben sich die Mittvierziger intensiv ausgetauscht, gerade wurde ein deutscher Journalist in Manaus ausgeraubt. "Aber wenn du aus Detroit kommst, bist du einiges gewohnt", meint Rita gelassen. Die abgewirtschaftete Motor City hat eine der höchsten Kriminalitätsraten der USA, Manaus ist ohne Zweifel eine der gefährlichsten Großstädte Brasiliens. Von 2001 bis 2011 stieg die Zahl der Morde in dem riesigen Bundesstaat um 181 Prozent. 2001 waren es 366, zehn Jahre später 1029.

Die Waschküche ist jedoch auch ein wichtiger Wirtschaftsfaktor für das Land. Denn die Sonderzone sieht für Unternehmen je nach Warenart komplette Befreiungen von verschiedenen Bundes-, Regional- und Lokalsteuern vor. Hunderte Firmen haben sich hier angesiedelt, um von den Fiskalvorteilen zu profitieren. Auch die WM soll die Wirtschaft in Manaus anschieben. "Das hoffen wir alle", sagt Taxifahrer Ronaldo und schlängelt seinen Wagen durch die Straßen von Manaus.

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