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WM-Ticketskandal als Schlagabtausch

10.07.2014, 22:10 Uhr | dpa

WM-Ticketskandal als Schlagabtausch. Ray Whelan (l) war zwischenzeitlich festgenommen worden.

Ray Whelan (l) war zwischenzeitlich festgenommen worden. Foto: Ramires Ferreira. (Quelle: dpa)

Rio de Janeiro (dpa) - Der WM-Ticketskandal entwickelt sich zu einem ungewöhnlichen Kräftemessen zwischen den brasilianischen Behörden und der Maschinerie rund um den einflussreichen FIFA-Partner Match AG.

Mit erstaunlicher Vehemenz kritisierte die Vermarktungsfirma aus der Schweiz am Mittwochabend den Umgang der Polizei von Rio de Janeiro mit ihrem unter Betrugsverdacht stehenden Topmanager Ray Whelan. Die vorläufige Festnahme des Briten wurde in einer Pressemitteilung als "willkürlich und illegal" bezeichnet.

Fast schon ehrabschneidend für die Ermittlungsbehörden war die weitere Match-Behauptung: "Der 18. Polizeibezirk von Rio macht Annahmen ohne eine saubere Untersuchung und mit einem minimalen Verständnis, wie das System zum Verkauf von Ticket- und Hospitality-Paketen wirklich funktioniert." Mit diesem Vorwurf attackiert der einflussreiche Wirtschaftspartner Match Services des Fußball-Weltverbands in einer Weise die Sicherheitsbehörden im WM-Gastgeberland, die die FIFA nicht unberührt lassen kann.

Sportminister Aldo Rebelo wies die Anschuldigungen am Donnerstag umgehend zurück und betonte die Rechtsstaatlichkeit und Gewaltenteilung in Brasilien. "Es wurde kein Beweis präsentiert, dass die Ermittlungen über oder unter der legalen Grenze waren. Die Gerichte haben die Aufgabe, die Dinge zu bewerten. Ich weiß nicht, warum diese Firma sagt, die Polizei habe illegal gehandelt", betonte Rebelo bei einer FIFA-Pressekonferenz im Maracanã-Stadion.

Wenige Stunden später legte Match Services mit einer merkwürdig anmutenden Pressemitteilung von Co-Firmenchef Jamie Byrom nach, in der einerseits der Vorwurf wiederholt wurde, die Polizei in Rio habe das Ticket-Verkaufsprinzip nicht verstanden. Der Mexikaner empfahl den Beamten die Lektüre der Informationen hierzu auf der FIFA-Homepage. Andererseits wurden die Kooperation im Kampf gegen Schwarzmarkthandel mit anderen Polizeieinheiten hervorgehoben und namentlich ein Dutzend Beamte aus mehreren WM-Spielorten fast schon überschwänglich gelobt.

Und die FIFA? Bislang hat sich der Weltverband aus den Ermittlungen so gut es eben ging herausgehalten, Kommentare mit Verweis auf laufende Ermittlungen abgelehnt. Diese Strategie wurde am Donnerstag fortgesetzt. Doch nun droht ein dauerhafter Schatten auf die WM zu fallen - nicht auf den sportlichen Wettbewerb, der von den Machenschaften um die VIP-Pakete unberührt bleibt, aber auf die FIFA als Turnierveranstalter allemal.

Wie sensibel die brasilianischen Gastgeber auf eine Bevormundung durch die in Brasilien keinesfalls wohlwollend verfolgte FIFA reagieren, war deutlich geworden, als Generalsekretär Jérôme Valcke im Laufe der schleppenden Stadion-Bauphase den Brasilianern in einem unüberlegten Moment einen Tritt in den Allerwertesten verpassen wollte. Nun wird von Geschäftsfreunden von FIFA-Chef Joseph Blatter die staatliche Autorität attackiert. Das dürfte vielen am Zuckerhut kurz vor dem großen Finale kaum gefallen - wie die Rebelo-Reaktion schon zeigte.

Ob die FIFA für die Zukunft lernt, ist fraglich. Verträge mit Match sind bis 2022 unterzeichnet. Wieder einmal ist es nach dem Debakel mit der Pleite- und Bestechungsfirma ISL zum Jahrtausendwechsel der Vertriebspartner für die Exklusivpakete, der den Weltverband mit in Verruf bringt. Durch die Ermittlungen, egal welchen Ausgang sie nehmen werden, wird ein System offenbar, das auf maximalen Gewinn ausgerichtet und weit entfernt ist von der fröhlichen Party der zigtausenden Fans aus den WM-Ländern in und außerhalb der Stadien.

Für den einfachen Fan bleibt hängen, dass die FIFA sich mit einer Firma eingelassen hat, die im Dunstkreis der Fußball-Mächtigen Geschäfte treibt - auch mit dubiosen Figuren wie dem Algerier Lamine Fofana, einem der schon in der Vorwoche festgenommenen elf Verdächtigen.

Match-Manager Whelan wurde von seinen Chefs von jedem Vorwurf reingewaschen. Wen wundert's, ist doch Co-Firmenboss Enrique Byrom mit Whelans Schwester verheiratet. Nach einer Nacht in Polizeigewahrsam kam der 64-jährige Brite wieder frei. Jetzt will er mit den Behörden kooperieren und so seine Unschuld beweisen. Um Schaden von der FIFA und der WM abzuwenden, gab Whelan seine WM-Akkreditierung ab.

Der Furor der Ticketvertreiber richtet sich gegen die Polizei, weil diese Originalmitschnitte eines vermeintlich belastenden Telefonats zwischen Whelan und Fofana an die Medien weitergereicht haben soll. Unter anderem sendete "TV Globo" exklusiv Teile davon.

Whelan habe lediglich versucht, ein nicht verkauftes Ticketkontingent von Match Hospitality zu regulären Bedingungen zu veräußern. Dass Match Hospitality den möglichen Käufer Fofana für Geschäfte gesperrt habe, sei Whelan nicht bekanntgewesen, hieß es von dem Unternehmen.

Fofana ist Chef der Firma Atlanta Sportif Management, mit der Match Services mehrere Ticketdeals abschloss. Die Polizei hatte 900 Telefonate zwischen Fofana und Whelan seit WM-Beginn registriert. Die FIFA hatte ihre Telefonliste mit den Daten von Whelan den Behörden zur Verfügung gestellt.

Die Polícia Civil (Kriminalpolizei) ging auf dpa-Anfrage nicht direkt auf die Kritik ein. Die Pressestelle wies lediglich darauf hin, dass der ermittelnde Beamte Fábio Barucke den Untersuchungsbericht über das illegale Ticketsystem am Mittwoch der Staatsanwaltschaft übergeben habe. Zugleich habe er gegen zwölf Personen Anzeige erstattet wegen der Vergehen des illegalen Tickethandels und der kriminellen Vereinigung. Nach lokalen Medienangaben hat die Staatsanwaltschaft fünf Tage Zeit, um zu entscheiden, ob sie Anklage erhebt oder nicht.

In Whelans Suite im Copacabana Palace waren bei seiner Festnahme unter anderem 83 Tickets, ein Computer und persönliche Unterlagen beschlagnahmt worden. Die Eintrittskarten seien in der Mehrzahl von vergangenen Spielen und zu Erinnerungszwecken aufgehoben worden, hieß es von Match Services. Nach Polizeiangaben sollen durch illegale Ticket-Schiebereien pro Spiel bis zu zwei Millionen Reais (666 000 Euro) umgesetzt worden sein.

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