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Die Cola-Büchse und ein sterbender Schwan

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Die Cola-Büchse und ein sterbender Schwan

04.01.2008, 19:02 Uhr | T-Online, Jörg Hausmann

Diskussion um eine Cola-Dose (Foto: imago)Diskussion um eine Cola-Dose (Foto: imago)Der italienische Fußball genoss spätestens seit dem Nerven zerfetzenden WM-Halbfinale von 1970 in Deutschland einen verdorbenen Ruf. Landläufig galt im Land des WM-Dritten unter Anhängern des Fußballs die Meinung, auf ehrliche und saubere Art und Weise sei keine Mannschaft aus dem Land des WM-Zweiten in der Lage, zu gewinnen - zumindest nicht gegen Deutschland. Den Beweis führte Inter Mailand am 20. Oktober 1971 auf dem Gladbacher Bökelberg, als gegen die entfesselte Spielfreude der gastgebenden Borussia im Hinspiel der zweiten Runde des Europapokals der Landesmeister nichts half - außer, sich fallen zu lassen.

Foto-Show Volltreffer mit leerer Dose

Gerissenheit fehlt den Deutschen

„Italiener, Spanier, Portugiesen, Franzosen und auch Jugoslawen sind von Haus aus wendiger und gerissener als wir“, hatte der „kicker“ im Sommer 1971 in seinem „Bundesliga-Sonderheft“ als Grund für die sich häufenden Europapokal-Niederlagen der Bundesliga-Vertreter ausgemacht. Und wie gerissen erst Roberto Boninsegna war. 

Nach dem 2:1 gehen bei Boninsegna die Lichter aus

Als Inters Mittelstürmer, der das 4:3 im WM-Halbfinale im Jahr zuvor mit seinem 1:0 nach sieben Minuten eingeleitet hatte, in der 29. Minute nach dem überflüssigen Wurf einer - wohlgemerkt leeren - Cola-Dose wie vom Blitz getroffen zu Boden sank, stand es 2:1 für Mönchengladbach. Nur zwei Minuten nach Boninsegnas Ausgleich zum 1:1 (19.) hatte der Däne Ulrik Le Fevre die Weichen wieder auf Heimsieg gestellt.

Chancenlose Gäste

Die Anfangsphase der Partie hatte bereit gereicht, um Inters Untergang abzusehen. „An diesem Tag hätten wir alles überspielt, egal, was sich uns in den Weg gestellt hätte“, erinnerte sich Netzer beinahe ein Vierteljahrhundert später im Gespräch mit Helmut Böttiger für dessen Biografie „Günter Netzer - Manager und Rebell“. “Die Italiener konnten sich nicht dagegenstemmen. Die haben alles versucht, aber es war aussichtslos.“ Bis zur 29. Minute.

Sport-Experte?

Schalke gleich auch noch weggespült

Boninsegnas blitzschnelle Reaktion auf eine ebenso hirn- wie wahllos abgefeuerte Getränkebüchse sollte alles, was sich jetzt noch an traumhaftem Fußball auf dem grünen Rasen abspielte, zur Makulatur machen. Der europäische Fußballverband UEFA annullierte das Endergebnis von 7:1. Die Tore von Jupp Heynckes (7./44.), Le Fevre (21./34.), Netzer (42./52.) und Klaus-Dieter Sieloff (83./Foulelfmeter) fielen aus der Wertung. Die sieben, die Schalke 04 sich nur drei Tage später in der Bundesliga abholte (7:0), zählten jedoch. 

Ausmaß der Verletzung nie festgestellt

Unerheblich war im Europapokal gewesen, ob Boninsegna tatsächlich so schwer verletzt worden war, um sich wie ein gefallener Soldat von den Sanitätern vom Schlachtfeld tragen zu lassen. „Das war, wie wenn jemand ein kleines Kind am Kopf gestreichelt hätte“, umschrieb es Netzer.

Fort und weg

Sobald der damals 27-jährige Boninsegna auf die Bahre gelegt und in der Gästekabine verschwunden war, wurde diese von innen verriegelt. „Das waren ausgebuffte Profis. Die haben den mit dem Bus nach Hause gebracht“, erinnerte sich Netzer. „So hat niemand feststellen können, ob der wirklich was hatte.“ Erheblich für die Entscheidung der UEFA, ein Entscheidungsspiel auf neutralem Platz anzusetzen, waren die Büchse, ihr Flug aus dem Gladbacher Fan-Block und Boninsegnas Fall. Nicht anders wäre es auch heute. 

Boninsegna im Rückspiel wieder Torschütze

Boninsegna war zum Rückspiel zwei Wochen später im heutigen Giuseppe-Meazza-Stadion wieder fit genug, um bereits nach 13 Minuten auf 2:0 für die Nerazzurri zu erhöhen. Sein Ersatzmann aus dem Hinspiel, Giampiero Ghio, zerstörte nach Wittkamps Anschlusstreffer zum 2:3 in der 89. Minute bereits im Gegenzug die zarten Gladbacher Hoffnungen auf eine gute Ausgangslage für das dritte Aufeinandertreffen drei Wochen darauf in Berlin.

Gladbacher Blessuren

Hartwig Bleidick, den erwähnter Wittkamp in Mailand schon nach 25 Minuten hatte ersetzen müssen, trug seitdem Gips und fiel gleich bis ins neue Kalenderjahr aus. Der im Rückspiel ebenfalls lädierte Verteidiger Berti Vogts fehlte zwei Mal in der Bundesliga, stand aber im Olympiastadion wieder zur Verfügung. 

Munteres Austreten

Die Klasse-Abwehr um die Nationalspieler Giacinto Facchetti und Tarcisio Burgnich war am 1. Dezember 1971 nicht gewillt, sich auf deutschem Boden erneut vorführen zu lassen. Was herauskam, schilderte Böttiger so: „Das Wiederholungsspiel in Berlin war von einer beispiellosen Härte Inters geprägt, die alle Italienvorstellungen des deutschen Urlaubers vollauf bestätigte“.

Und wieder fällt Boninsegna auf

Und wieder mittendrin: Roberto Boninsegna. Der spätere Juventus-Profi trat Abwehrrecke Ludwig („Luggi“) Müller das Schienbein durch, sodass dieser noch in der 88. Minute gegen Hans-Jürgen Wloka ausgetauscht werden musste. Müller spielte nie mehr für die „Mönche“ und gab sein Comeback erst zehn Monate später im Dress von Hertha BSC.

Inter schafft es zum vierten Mal bis ins Finale

Vor diesem Tritt hatte Schiedsrichter John Taylor aus England, 1974 Leiter des WM-Endspiels, nur einen von drei möglichen Elfmetern für die stürmisch anlaufenden Gladbacher verhängt. Inters Kapitän Alessandro Mazzola hatte Dietmar Danner gelegt, Klaus-Dieter Sieloff die große Chance in der 17. Minute aber ausgelassen. Es blieb beim 0:0. Inter Mailand drang wie schon 1964, 1965 und 1967 bis ins Endspiel vor, unterlag dort aber zum zweiten Mal: 0:2 in Rotterdam gegen Ajax Amsterdam.

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