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Jubeln, bis der Schiedsrichter kommt

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Sportkolleg - Jubeltypen  

Jubeln, bis der Schiedsrichter kommt

01.04.2008, 13:36 Uhr | Jörg Hausmann, t-online.de

Bayerns van Bommel zeigt die Faust (Foto: imago)Bayerns van Bommel zeigt die Faust (Foto: imago) Mit entblößtem Oberkörper rannte Oliver Bierhoff am 26. Juni 1996 über den Rasen des Londoner Wembley-Stadions: ein Moment völliger Entrückung, vielleicht die Szene der aktiven Laufbahn des heutigen Managers der Nationalmannschaft. Im Jubel über sein „Golden Goal“ und den EM-Titel erlebten Mitspieler und Fans einen ganz und gar nicht reserviert-überlegenen Bierhoff, sondern im Entschlüpfen des Trikots den freien Ausdruck spontaner Emotionalisierung. Zig Variationen, das Glücksgefühl des Erfolgs auszudrücken und zu –leben, begegnen uns im Rahmen des sportlichen Wettkampfs. Das „Sportkolleg“ versucht, sich dem Phänomen der unterschiedlichen Jubeltypen zu nähern.

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Die Turner

So vielfältig die einzelnen Charaktere, so unterhaltsam auch die Bandbreite der Äußerungen im Jubel: Der Familie der Artisten zugehörig sind Kicker wie der frühere mexikanische Weltklassestürmer Hugo Sanchez und Bayern Münchens Miroslav Klose. Sie kultivierten und kultivieren die Kunst des Saltos, wenn ihnen ein eigener Treffer würdig erschien und erscheint, derartig gefeiert zu werden. Gerade in Südamerika ist dieser turnerisch bestens ausgebildete Jubeltyp anzutreffen.

Der Tänzer

Der Afrikaner neigt eher zum gepflegten Tanz, den Kameruns Angriffslegende Roger Milla berühmt machte. Während der WM 1990, als der bereits 42-Jährige „Fußball-Rentner“ dem vermeintlichen Ruhestand wie Phönix aus der Asche entstieg, staunten Millionen Fußball-Anhänger weltweit über Millas nach wie vor vorhandene Geschmeidigkeit, Torgefährlichkeit – und seine Liebe zur Eckfahne.

Der Kletterer

Andere suchen nach Torerfolgen keine gegenständliche, sondern menschliche Nähe, und werden wahlweise von den eigenen Mannschaftskollegen erdrückt oder in den Schwitzkasten genommen oder retten sich gleich in die Nähe der eigenen Fans. Der Pole Marek Lesniak gehörte in den späten 80er und frühen 90er Jahren zu der berühmten Gattung der Zaunkletterer der Bundesliga. Die Architektur der modernen Arenen arbeitet diesem Wesen entgegen, sodass sich der Hautkontakt zwischen Jubelndem und Zujublern nun oft auf das intime Abklatschen nach dem Schlusspfiff reduziert.

Der Unvorsichtige

Dem Trikotauszieher wie dem Zaunkönig eignet eine unabdingbare Unerschrockenheit gegenüber dem Regelbuch. Will heißen: Beide Zuwiderhandlungen ziehen – und da hilft kein Beschwören schiedsrichterlichen Fingerspitzengefühls – automatisch eine Verwarnung nach sich. Diese Vorschrift führt mitunter zu skurrilen Szenen wie dereinst in Cottbus, als Energies Kapitän Christian Beeck vom Zaun gleich in die Katakomben des Stadions der Freundschaft absteigen durfte. In seiner Ekstase hatte der überglückliche Torschütze eine bereits erhaltene Gelbe Karte nicht einkalkuliert. Das Ausleben seiner Freude am Zaun führte folgerichtig zum Ausschluss.

Der Liebende

Es irritiert mitunter, zu beobachten, wie erwachsene Männer angesichts der Ausbeulung eines Netzes durch einen Ball austicken. Die Frankfurter Axel Kruse und Dietmar Roth trieb ihre Freude über Roths Tor zum 2:0 in Kaiserslautern am 5. Dezember 1992 gar in eine pornografische Einlage: Der Kuss ist am Main unvergessen. Schizophren mutet es hingegen an, die erwachsenen Männer in ihrer verständlichen Freude über das Erreichen des ultimativen Ziels im Fußball – Ball ins Tor – regelmäßig ausgebremst zu sehen durch die Unparteiischen.

Der Respektvolle

Keinerlei Konflikte mit den Hütern der Regeln provozieren zurückhaltende Typen wie der Bulgare Dimitar Berbatov. Als der frühere Stürmerstar Bayer Leverkusens mit seinem neuen Klub Tottenham Hotspur am 23. November 2006 anlässlich des UEFA Cups an den Rhein zurückkehrte und dann gegen seine alten Kollegen auch noch zum 1:0-Sieg traf, regte sich nichts im Schützen, nichts jedenfalls, was nach außen drang. Der Respekt vor den einstigen Mannschaftskameraden bestimmte Berbatovs Reaktion.

Der Respektlose

Andere – wie der Niederländer Mark van Bommel in der Champions League am 20. Februar 2007 gegen Real Madrid – begreifen ihren Torerfolg als persönlichen Denkzettel, als persönliche Revanche an den Fans des Gegners. Sich dahingehend emotionalisiert in Gestik oder gar Ton zu vergreifen und die Jubel-Demonstration zur Provokation auszubauen, zieht ebenso Konsequenzen durch den Spielleiter und/oder ein zuständiges Aufsichtsgremium nach sich.

Der Volksnahe

Dann doch lieber den gegnerischen Fanblock meiden und – wie einst Jürgen Klinsmann als blonde Speerspitze Tottenhams – vor der eigenen Anhängerschaft den „Diver“ ansetzen, die eigene Freude mit der auf den Rängen vermischen und die entstandene Explosivität und Wucht im Jubellauf auskosten. In solchen Momenten entsteht auch unter abgebrühten Fußballsöldnern oft eine spontane Nähe zum Verein, was sich im Küssen des Wappens äußert. Wer eine besondere Nähe zu Gott pflegt, dankt ihm mit dem gen Himmel gestreckten Zeigefinger. 

Der Selbstverliebte

Eine eher narzisstische Spielart des Hinweisens auf das aktuell getragene Textil erlebt die Bundesliga – gezwungenermaßen – erst seit 1995. Mit der Einführung des Spielernamens auf der Trikot-Rückseite (in den USA übrigens schon vor 40 Jahren Usus) wurde der Typ des Deuters geboren. Will heißen: „Seht her, ich war’s!“ Derlei Hilfestellung für den vielleicht im entscheidenden Moment abgelenkten Zuschauer ist gerne nach langen Durststrecken des Schützen zu beobachten.

Der Botschafter

Neben der Botschaft in eigener Sache, tragen Fußballer vermehrt auch Grüße auf der Brust und in die Welt, wahlweise an die Frau, die Freundin, einen erkrankten oder gar verstorbenen Teamkollegen, Botschaften religiöser oder auch belangloser Art, wenn beim Lüften des Hemdes nur das Logo des Ausrüsters im Kameralicht aufscheint. Giovane Elber, als Brasilianer „anfällig“ für gottesfürchtigen und den „Botschaftsjubel“ gleichermaßen, beeindruckte vor Jahren, als er im Münchner Olympiastadion die Friedenstaube formte. Auch auf die Brasilianer (im Viertelfinale der WM 1994) geht der gemeinsame „Wiegenjubel“ zurück, als seinerzeit Stürmerstar Bebeto Vater eines Kindes geworden war.

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