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Doping bei Olympischen Spielen: Sportsoziologe sieht Betrug als Bestandteil

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Doping  

Bette: "In Eidesstattlichen Erklärungen wird gelogen"

16.07.2008, 16:45 Uhr | t-online.de

Das Interview führte Jörg Runde

Karl-Heinrich Bette sieht die Athleten in der Dopingfalle (Foto: imago)Karl-Heinrich Bette sieht die Athleten in der Dopingfalle (Foto: imago) Karl-Heinrich Bette ist Leiter des Bereichs Sportsoziologe an der Technischen Universität in Darmstadt und Autor des Buchs „Die Dopingfalle“. Im Interview mit t-online.de spricht er über die Probleme der Sportler, die Rolle der Massenmedien im Anti-Dopingkampf und warum Betrug zu den Olympischen Spielen einfach dazu gehört. 

Herr Bette, freuen Sie sich eigentlich schon auf die Olympischen Spiele in Peking?

Bezüglich der Dopingproblematik bin ich gespannt, welche Skandale im Umfeld der Olympischen Spiele an die Öffentlichkeit dringen werden.

Aber irgendwie gehört Doping ja dazu. Erklären Sie unseren Lesern einmal, was das Besondere an Doping ist.

Doping ist nicht das Resultat isolierter individueller Entscheidungen, die etwa auf Grundlage eines schlechten Charakters getroffen werden. Doping ist viel mehr als ein "normaler Unfall" an­zusehen, der sich im heutigen Spitzen­sport immer wieder neu ereignet. Doping ist das Ergebnis einer sozialen Konstellation, die sich aus verschiedenen Akteuren zusammensetzt.

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Wer sind diese Akteure?

Man stößt zunächst auf die Logik des Leistungssports, der sich die Athleten und Athletinnen ohne Wenn und Aber zu unterwerfen haben. Der Zweite ist bereits der erste Verlierer. Das olympische Motto drückt diese auf Steigerung ausgerichtete Logik unmissverständlich aus: Schneller, höher, stärker. Für die Zuschauer ist dieses Bestreben unterhaltsam. Und weil das Publikum den Sport inzwischen weltweit als Medium entdeckt hat, sind andere Akteure auf den Spitzensport  aufmerksam geworden. So haben die Massenmedien sowie politische und wirtschaftliche Sponsoren den Sport entdeckt, um ihre eigenen Interessen bes­ser bedienen zu können. Das Ergebnis ist eine Akteurkonstellation, in der das Verlieren immer riskanter wird.

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Der Körper ist das Kapital des Athleten.

So ist es. Aber der menschliche Körper ist verletzbar und unterliegt eigenen Gesetzmäßigkeiten. Vor allem kann man ihn nicht so steigern, wie Publikum, Wirtschaft, Politik und Spitzensport es gerne hätten. So können sich Athleten verletzen oder aufgrund von Alterungsprozessen ihre Leistung nicht mehr bringen. Es gibt notwendigerweise eine Kluft zwischen der eskalierenden Erwartung von außen und den begrenzten Möglichkeiten des Athletenkörpers.

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Da hilft nur Doping?

Das nehmen zumindest viele an. Doping kommt ins Spiel, um die Kluft zwischen Sein und Sollen zu schließen. Die Absicht, in Wettkämpfen erfolgreich zu sein, soll mit Hilfe verbotener Mittel möglichst treffsicher umgesetzt werden. Da aber inzwischen viele zu Dopingpraktiken greifen, wird der Spitzensport zu einem Narrenrennen, das zudem höchst gefährlich ist: Man kann erwischt werden und sich gesundheitlich ruinieren.

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Der Athlet lügt sich in die eigene Tasche. Damit klarzukommen, dürfte nicht leicht sein?

Sportler haben hierfür viele rhetorische Kniffe auf Lager, um sich selbst zu beruhigen. Vor allem werden sie durch Leute umlagert, die von ihren Leistungen abhängig sind und sie deshalb in ihrer Meinung opportunistisch bekräftigen. Kritiker werden vorher aussortiert, gemieden oder haben das System bereits verlassen.

Was heißt das für die aktuellen Doping-Praktiken?

Sportler dopen sich, um die Nachteile zu vermeiden, die ihnen durch das tatsächliche oder nur vermutete Doping der Mitkonkurrenten entstehen.  

Das hohe Gesundheitsrisiko von Doping wird ausgeblendet?

Ja, mit Hilfe eines kooperationsbereiten Umfeldes reden die Athleten sich selbst ein, dass sie alles im Griff haben – was natürlich eine Illusion ist.  Manche gehen aller­dings auch bewusst Risiken ein, nur um einmal bei Olympia auf dem Treppchen zu stehen. Dass sie auf Grund des Medikamenten-Missbrauchs möglicherweise viele Jahre früher sterben, ist ihnen egal.

Der Selbstbetrug ist ein Aspekt. Wie sieht es denn mit dem Betrug in den Familien aus?

Die Familien werden in der Regel nicht über die eigenen Praktiken informiert. Die Desillusionierung ist besonders groß, wenn die Fassade der Regeltreue zerbricht und der eigene Sohn, Freund, Vater oder Ehemann als Betrüger entlarvt wird. Im Radsport sind allerdings auch Fälle bekanntgeworden, bei denen Familienmitglieder aktiv an Dopingpraktiken beteiligt waren – beispielsweise als Transporteure oder Medikamentenbeschaffer.

Wie geraten Athleten in die Dopingfalle hinein?

Am Anfang einer Sportlerkarriere stehen völlig harmlose Startmotive: der Spaß, mit Freunden zusammen zu sein, bestimmte Fertigkeiten zu erwerben, Idolen nachzueifern oder den eigenen Eltern Freude zu bereiten.

Und niemand denkt an Doping?

Erfolg mit Medikamenten (Foto: imago)Erfolg mit Medikamenten (Foto: imago) In der Regel nicht! Dann stellen sich erste Erfolge ein. Der Athlet fängt an, seine Identität auf Wettkampferfolgen aufzubauen und sich selbst nur noch zu akzeptieren, wenn er als Sieger den Platz verlässt. Das ist der erste Schritt in die Dopingfalle. Dieser Schritt wird verstärkt durch ein Umfeld, das schnell in die gleiche Richtung marschiert: Die Eltern klatschen Beifall, die Sponsoren sind zufrieden, die Trainer bekommen ihre Prämien und die Massenmedien haben ihre Erfolgsgeschichten. Doping ist dann eine Strategie, um unterschiedlichen Ansprüchen genügen zu können. Letztlich entsteht eine Rüstungsspirale, ein Teufelskreis, aus dem der Einzelne fast nicht mehr herauskommt. Wenn er nämlich plötzlich auf Dopingpraktiken verzichtete, käme es zu Leistungseinbußen, die schnell sanktioniert würden.

Leben die Sportler in ihrem eigenen Mikrokosmos?

Davon kann man ausgehen. In einigen Sportarten sind die Athleten mehr als 200 Tage zusammen auf Wettkämpfen oder in Trainingslagern. Die Chance von außen mit alternativen Situationsdefinitionen in diese verschworene Gemeinschaft einzudringen, ist gering, zumal die Sportler auch von Personen umgeben sind, die kein Interesse daran haben, dass ihre Schützlinge ihr Dasein plötzlich alternativ deuten.  

Was halten Sie eigentlich von Eidesstattlichen Erklärungen?

Gar nichts. Selbst in strafbewehrten Eidesstattlichen Erklärungen wird kräftig gelogen: siehe den Fall Marion Jones, die deswegen gerade im Gefängnis sitzt. Außerdem geben immer nur Personen derartige Erklärungen ab. Doping ist aber auf einer überindividuellen Ebene angesiedelt.

Hilft Aufklärung im Kindes- und Jugendalter?

Ich bin da eher skeptisch. Ich glaube nicht an die Kraft guter Worte, zumindest nicht bei denen, die seit Jahren in dopinganfälligen Milieus sozialisiert wurden. Ethik und Moral zählen nur in Niedrigkostensituationen, wenn also das Einhalten moralischer Vorstellungen nichts kostet. Spitzensportler befinden sich aber heute in vielen Disziplinen in einer Hochkostensituation. Wer unter diesen Bedingungen moralisch wertvoll handelt und auf Doping verzichtet, steht in der Gefahr, sich selbst massiv zu schädigen.

Und wer nicht mitspielt, sondern auspackt, muss Angst haben.

Der soziale Tod droht demjenigen, der redet und Namen nennt. Vom physischen Tod möchte ich nicht reden, solche Drohungen soll es aber auch schon gegeben haben.

Gibt es eine Chance in der Doping-Bekämpfung?

Davon bin ich überzeugt, auch wenn man Doping nie ganz eliminieren wird. Die bisherigen Maßnahmen der Kontrollintensivierung und Pädagogisierung haben sich nicht als sehr erfolgreich erwiesen, wie die vielen Skandale zeigen. Der organisierte Sport ist mit der Lösung des Dopingproblems überfordert. Diejenigen, die das Problem miterzeugt haben, müssten ihm bei der Problemlösung helfen. Hierfür sehe ich aber noch keine Ansätze. Sowohl Politik und Wirtschaft als auch Massenmedien und Publikum tun so, als ob sie mit Doping nichts zu tun hätten, obwohl sie maßgeblich daran beteiligt sind. Die Sündenbockrolle wird allein den Athleten zugeschoben.

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