Startseite
Sie sind hier: Home > Sport > Mehr Sport > Doping >

Leichtathletik-WM: "Große Show statt ehrlichem Sport"

...
t-online.de ist ein Angebot der Ströer Content Group

Doping  

Große Show statt ehrlichem Sport - Doping unerwünscht

12.02.2010, 21:23 Uhr | dpa

Dopingfahnder Fritz Sörgel begutachtet Blut- und Urinproben. (Foto: dpa)Dopingfahnder Fritz Sörgel begutachtet Blut- und Urinproben. (Foto: dpa) Doping hin, Doping her - Hauptsache, die Show stimmt: Im Hochleistungssport ist eine neue Hemmungslosigkeit ausgebrochen. Störfaktoren unerwünscht. "Jede positive Dopingprobe bei einem Sport-Promi stört das Geschäft. Die tragenden Akteure der Show werden auf ihrer Insel unbehelligt gelassen", sagte der Berliner Sportsoziologe Gunter Gebauer. Und der Anti-Doping-Experte und Pharmakologe Professor Fritz Sörgel stellt fest: "De facto haben wir längst eine Freigabe."

Im Zirkus Sport kann niemand einen Doping-Fall gebrauchen. Das war bei der Schwimm-WM in Rom mit 43 Weltrekorden so und bei der Leichtathletik-WM in Berlin nicht anders.

#

Zum Durchklicken Die Tops und Flops der Leichtathletik-WM

Leichtathletik Alles zu WM in Berlin

Aktuell

Skurrile Show statt ehrlicher Wettkämpfe

Sind die Großtaten der modernen Sporthelden Usain Bolt, Michael Phelps und Co. extravagante Unterhaltung oder schon skurrile Show? Die Glaubwürdigkeit des Anti-Doping-Kampfs von Verbänden und Politik ist längst erschüttert, und die Heuchelei kritisch zu sehen, scheint mehr und mehr aus der Mode zu kommen. Vor allem jüngeren Fans schlägt die Doping-Dauerdebatte schwer aufs Gemüt. Sie wollen Entertainment. "Das Unfassbare und den Show-Charakter hatten wir schon bei den Spielen in Peking. Jetzt kommt das Clownesque dazu. Und das Publikum macht mit und spielt Karneval", so Gebauer. Das ist fernsehtauglich.

Höhepunkte Tops und Flops der Leichtathletik-WM
Bilanz "Alles ging so schnell"

Mit Yam-Wurzeln zur Leistungsexplosion

Bolt erklärt seine unerklärliche Leistungsexplosion mit schmackhaften Yam-Wurzeln aus Jamaika - und veralbert seine Kollegen. Die Fans sind berauscht. "Da drängt sich der Eindruck auf: Spektakel geht vor Sport", bemerkte WM-Sprinter Stefan Schwab, "das wie will doch keiner wissen." Der Hochleistungssport entfernt sich mehr und mehr von seiner Basis, und die rundum vermarkteten Großereignisse verabschieden sich in ihre eigene Welt.

Verdacht Jamaikas Sprinter freigesprochen

Hintergründe interessieren nicht

Selbst für Innenminister Wolfgang Schäuble hat der Sport "schon seine Unschuld verloren". Gebauer, Professor der Philosophie an der FU in Berlin, spricht von einer Zweiteilung des Publikums: "Ein Teil der Zuschauer ist unersättlich nach Glamour und Gier. Sie wollen von Doping nichts mehr hören: Hauptsache, ein irres Event! Hintergründe interessieren nicht, man will etwas erleben. Der andere Teil des Publikums wird von Zweifeln befallen: Ohne Glaubwürdigkeit erscheint ihnen der Sport mehr oder weniger wertlos." Die Krise entstehe, weil die zentralen Werte des Sports nicht mehr beachtet würden: "Zurechenbarkeit, Gerechtigkeit und Transparenz".

Disco-Schlägerei WM-Teilnehmer festgenommen
Kurios Mit nur zwei Sprüngen zu Stabhochsprung-Gold

Doping-Nachweis immer schwerer

Hemmungslos wird der Erfolg provoziert. "Wenn heute ein paar Geldritter entscheiden, in einem obskuren Labor einen EPO-Mix mit verschiedenen EPOs in geringsten Konzentrationen herstellen zu lassen, ist das Rennen gelaufen, auch im übertragenen Sinne", sagt Sörgel, Chef des Instituts für Biomedizinische und Pharmazeutische Forschung Nürnberg (IBMP). Der juristisch erforderliche direkte Nachweis sei ins Reich des Unmöglichen gerückt. Die Athleten könnten "munter dopen, weil sie wissen, dass der Nachweis des genialen Mixes mehrerer künstlicher EPOs nicht gelingen wird".

USA vor Jamaika, Deutschland Sechster Der Medaillenspiegel
Überblick Alle Ergebnisse der Leichtathletik-WM

Verbände ziehen nicht mit

Auch Diskuswurf-Weltmeister Robert Harting hat die Doping-Freigabe thematisiert. Müssen die Dopingjäger also aufgeben? Sörgel: "Nein, überhaupt nicht. Ein fein abgestimmtes System indirekter Nachweise entlarvt sie trotzdem, innerhalb weniger Minuten sogar. Auch die Edel-Doper mit dem genialen EPO-Mix. Nur wollen muss man halt." Und da hat Sörgel seine Zweifel. Beispiel Schwimmen: Der Weltverband FINA führte bei der WM im Juli in Rom nur Urin-Tests, aber keine Blutkontrollen durch. Sörgel: "So fängt man keinen Doping-Sünder." Auch bei der Leichtathletik-WM beklagte er mangelhafte Blutkontrollen. Sörgel: "Dass FINA und IAAF nicht intensivst testen, ist ein unfassbarer Skandal, Ignoranz, Absicht oder einfach unglaubliche Inkompetenz."

Diskussion um Doping-Freigabe

Wer wirklich Anti-Doping-Kampf wolle, müsse Millionen investieren. Sörgel: "Wer nicht bereit ist, die Kosten für einen echten Anti-Doping-Kampf zu investieren, der soll Doping freigeben. Dann kann jeder wie er will." Aber: "Natürlich wäre es für mich eine Horrorvorstellung, wenn Doping freigegeben würde. Auf die Jugend würde diese Seuche dann wie eine Pandemie niedergehen. Mit ungeahnten Folgen." Auch für Michael Vesper, Generaldirektor des Deutschen Olympischen Sportbundes, wäre "eine Freigabe unvorstellbar". "Sie würde die Grundfesten des Sports zerstören", so Vesper. Der Abstand zu den Betrügern sei geringer geworden. Der Anti-Doping-Kampf habe in den letzten Jahren weltweit große Fortschritte gemacht und sei erwünschter denn je.

Zielkontrollen bei Verdacht

Am Geld muss es jedenfalls nicht scheitern, egal ob in Europa, Asien oder Afrika. "Es gibt Handgeräte für unter 3000 Euro, mit denen man eine grobe Abschätzung der Hämoglobin- und Hämatokritwerte machen kann. Ebenso kann man sogar Retikulozyten ohne teueres Messgerät messen", meint Sörgel, "möglicherweise sind diese Methoden auch gerichtsfest zu machen, das wäre zu überprüfen. Und wenn es nicht gerichtsfest wird, dann bekommt man ganz sicher unzweifelhafte Hinweise, wo Blutdoping gemacht wird." Da müsse man dann eben Zielkontrollen durchführen.

Sörgel: "Goldmedaille oder Tod"

Sörgel malt ein Schreckensbild des Sports, in dem in Zukunft Hunderte von biotechnologischen Stoffen das Doping erleichtern und die Nachweisbarkeit schlicht unmöglich machen. Die reichen Sportler bekommen den Edelmix. Sörgel: "Humanes EPO, isoliert aus dem Urin von 20 oder 30.000 Menschen, vorstellbar, machbar und bezahlbar in einem Entwicklungsland, dann wird kein Doping-Fahnder das finden können. Dann ist es da, das nicht nachweisbare EPO. Nicht nachweisbar, weil es aus dem menschlichen Körper selbst und nicht aus einer gen-manipulierten Bakterienzelle stammt." Sportler würden zunehmend in unbekannte Stoffe getrieben, weil sie kapiert hätten, dass gängige Substanzen leicht nachweisbar sind. "Goldmedaille oder Tod", klagt Sörgel an, "sie spielen russisches Roulette mit diesen Stoffen."

Liebe Leser, bitte melden Sie sich an, um diesen Artikel kommentieren zu können. Mehr Informationen.
Leserbrief schreiben

Für Kritik oder Anregungen füllen Sie bitte die nachfolgenden Felder aus. Damit wir antworten können, geben Sie bitte Ihre Adresse an.

Name
E-Mail
Betreff
Nachricht

Wählen Sie aus dem Pull-Down-Menü Ihren gewünschten Ansprechpartner aus. Vielen Dank für Ihre Mitteilung.

Artikel versenden

Empfänger

Absender

Name
Name
E-Mail
E-Mail
Anzeige
Video des Tages
Anzeige

Shopping
tchibo.deOTTObonprix.deESPRITC&ACECILzalando.dedouglas.deKlingel.de
Sport von A bis Z

Anzeige
shopping-portal