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Robert Enke: Psychologe erklärt die Tücken einer Depression

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Robert Enke  

"Nach dem Suizid ist alles vorbei, dann ist alles gut"

12.11.2009, 15:36 Uhr | t-online.de

Das Interview führte Thomas Tamberg

Ein Zug fährt an der Stelle vorbei, an der Enke Selbstmord beging (Foto: ddp) Der überraschende Selbstmord von Nationaltorhüter Robert Enke geht allen Menschen tief unter die Haut. Am 10. November warf sich der 32-jährige vor den Zug. Er hinterlässt seine Frau Teresa und Tochter Leila.

Was bis vor zwei Tagen keiner wusste: Enke litt seit Jahren unter schweren Depressionen. Vier Millionen Menschen in Deutschland leiden ebenfalls unter dieser Krankheit, acht Millionen sind gefährdet. Nach wie vor wird das Thema Depression tabuisiert. t-online sprach mit dem Diplom Psychologen und Psychotherapeuten Patrick Mayer aus Berlin. Er erklärt im Interview die Krankheit Depression, warum die Tat von Enke keine spontane Aktion war, wann eine stationäre Behandlung notwendig ist und was auf den Lokführer zukommt.

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Frage: Herr Mayer, war Robert Enke bei seinem Selbstmord soweit zurechnungsfähig, dass man sagen kann, er war voll für sein Handeln verantwortlich?
Generell ist er verantwortlich für sein Handeln wenn er nicht in einem ernsthaften psychiatrischen Zustand ist. Aber es ist bei einer Depression natürlich immer so, dass eine psychiatrische Erkrankung vorliegt.

 

Also war er in einem Zustand, in dem er nicht mehr voll zurechnungsfähig war.

Doch. Wenn man dem glauben darf, was in den Medien steht, dann hat er das ziemlich genau geplant. Er hat angeblich mit niemandem darüber gesprochen, wie stark seine Probleme sind. Das ist dann immer der riskanteste Moment. Wenn ein depressiv Erkrankter mit niemandem darüber spricht, dann ist die Gefahr am allergrößten. Solange man darüber spricht, sucht man immer noch nach Lösungsmöglichkeiten. Wie ich gelesen habe, hat sein Therapeut kein Risiko gesehen. Daher würde ich davon ausgehen, dass Enkes Tat von langer Hand geplant war und keine Kurzschlussreaktion war.


Reifte der Entschluss erst in letzten zwei, drei Tagen oder plant man so etwas noch länger?

Das war wohl bereits länger geplant. Erwin Ringel beschreibt das präsuizidale Syndrom, die Einengung der Welt, die Einschränkung sozialer Kontakte. Man muss sich das vorstellen wie einen Trichter, der nach unten zuläuft. Und ganz unten am Trichter steht der Suizid. Das ist ein Prozess, der kann über Jahre gehen, der kann aber auch nur Wochen dauern. Aber er dauert länger als ein paar Tage. Wenn irgendwann die Handlungsoptionen ausgehen, steht am Ende Suizid. Jeder der Depressionen hat oder eine psychische Erkrankung, die in diese Richtung geht, hat Suizid als Lösungsoption im Hinterkopf. Ich bin mir sicher, dass Enke diese Option schon häufiger im Hinterkopf hatte.

 

Gibt es Symptome für die Krankheit, die auch ein Laie, der kein Arzt ist, erkennen kann?

Menschen mit Depressionen ziehen sich zurück. Ihr Selbstbewusstsein ist angeknackst. Das berühmte Glas ist halb leer und nicht halb voll. Sie haben eine eher negative Grundeinstellung gegenüber der Welt und den Menschen. Analytiker sehen Depressionen als Aggression, die man nicht nach außen, sondern nach innen wendet. Suizid ist schließlich auch die größtmögliche Aggression, die man gegenüber sich selbst anwenden kann.

 

Hat ein an Depression Erkrankter die Möglichkeit, die Krankheit selbst in den Griff zu bekommen?

Bei drohender Suizidalität gibt es keine andere Möglichkeit, als den Patienten stationär einzuweisen. Da gibt es keine andere Möglichkeit damit umzugehen. Wenn ich lese, dass es Enkes Frau mit Liebe probiert hat, dann ist das ein schöner Versuch, aber definitiv nicht ausreichend. Wenn man Menschen mit schweren Depressionen sieht, stellt man fest, dass sie überhaupt keine Emotionen mehr haben. Eine traurige Grundstimmung oder Versagensängste kennt jeder von uns, aber eine richtig schwere Depression ist eine Abwesenheit von Emotion, ein komplettes Ausblenden von allem, was es gibt. Da ist ganz sicher eine medikamentöse und therapeutische Behandlung über Jahre notwendig.

 

Wie sollte das nähere Umfeld eines depressiv Erkrankten auf die Person reagieren?

Einer der ersten Sätze, die jeder Psychotherapeut lernt, ist: Bloß nicht versuchen, einen depressiv Erkrankten vom Gegenteil zu überzeugen Und immer nur sagen: Das ist doch alles nicht so schlimm. Das ruft bei den Patienten eine Abwehrreaktion hervor. Sie sehen sich nicht verstanden. Es gilt gewisse Korrektionen zu hinterfragen, ob wirklich alles so schlimm ist, aber man sollte die Patienten auch mit ihren Ängsten annehmen. Man muss den Patienten ernst nehmen und unterstützen. Und dann Schritt für Schritt Ressourcenaktivierung betreiben und kleine Dinge im Alltag fördern.

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Sind Menschen, die an einer Depression erkrankt automatisch suizidgefährdet?

Depressionen gibt es in ganz unterschiedlichen Schweregraden. Von ganz schwer, die überhaupt keine Emotionen mehr spüren bis zu leichteren Varianten. Es gibt leichte Formen, die nur psychotherapeutisch behandelt werden brauchen. Die mittleren bis schweren Erkrankungen müssen zwingend medikamentös behandelt werden. Weil diese Patienten so eingeengt sind, dass sie nicht mehr herausfinden. Und das ist mit rein therapeutischer Hilfe schwer möglich.

Was ist eigentlich der Unterscheid zwischen Depression und Burn-out-Syndrom?

Therapeutisch wird beides gleich behandelt. Der große Unterschied ist, dass es bei einem Burn-out-Syndrom immer einen Auslöser gibt. Die Situation auf der Arbeitsstelle, die Beziehung oder ähnliches. Bei Depressionen gibt es zunächst oberflächlich betrachtet keinen Auslöser, wenn man sich die Biographie des Patienten anschaut, kann man aber einen finden.

 

Inwieweit war sich Enke bewusst, was er dem Lokführer antut wird, bevor er sich vor den Zug schmeißt?

Er war in diesem Moment sicherlich so eingeengt in seiner Wahrnehmung, dass es ihm nicht bewusst war, was er dem Lokführer antut. Er hat nur noch seine Depression gesehen, nur noch sein Leid und wollte es beenden. Er hat in diesem Moment nicht über den Lokführer nachgedacht oder seine Frau und sein Kind. Dieser Trichter, den ich bereits erwähnt habe, wird am Ende ganz eng. Und  er hat gar keine Möglichkeit über etwas anderes nachzudenken, als über die offensichtliche Erlösung.

 

Welche Folgen kann dieser Vorfall für den Lokführer haben?

Die Lokführer werden psychotherapeutisch betreut. Für einen Lokführer kann es alles bedeuten. Der eine kann am nächsten Tag wieder arbeiten, weil er es sehr gut ausblenden kann. Bei anderen kann es zu einer erheblichen Belastungssituation führen, die auf Dauer auch zu einer posttraumatischen Belastungsstörung führen kann. Die Symptome davon wären Rückblenden oder Schlafstörungen. Der Lokführer im Fall Enke hat ja wohl auch eine Vollbremsung eingeleitet. D.h. er hat genau wahrgenommen, dass ein Mensch auf dem Gleis stand. Es ist wahrscheinlich, dass er diese Bilder wieder auftauchen sieht.  

 

Hat Enke in gewisser Weise verantwortungslos gehandelt, weil er auch das Leben des Lokführers vielleicht zerstört hat?

Man kann auch fragen, wieso tut Enke so etwas dem Lokführer, seiner Frau, seinem Kind und dem Verein an? Aber man kann ihm keinen Vorwurf machen. Er war so eingeengt in seiner Wahrnehmung und in seiner Wertewelt, dass kein Rückschluss auf Interessen von anderen möglich war. Der Wunsch zu sterben war so stark im Vordergrund, dass er darauf keine Rücksicht mehr nehmen konnte. Das steht ja im Denken der depressiv Erkrankten im Vordergrund: Nach dem Suizid ist alles vorbei, dann ist alles gut. Es gibt bei diesen Menschen ja auch kein Denken über diesen Punkt hinaus. Die Angst vor der Zukunft ist ja die zentrale Angst der Depressiven. Sie fragen sich, was alles Schlimmes passieren kann oder sagen sich, dass alles noch schlimmer wird. Deswegen ist der Suizid die finale Erlösung, dann ist alles vorbei. Dann kann dem Patienten alles egal sein und genau so verhält er sich dann auch.

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