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Bundesliga-Profi Guido Erhard starb wie Robert Enke

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Guido Erhard - Selbstmord eines Bundesliga-Profis  

Bundesliga-Profi Guido Erhard starb wie Robert Enke

13.11.2009, 15:54 Uhr | t-online.de

Löwe Guido Erhard (li.) im Duell mit Bayerns Verteidiger Thomas Helmer. (Foto: imago)Löwe Guido Erhard (li.) im Duell mit Bayerns Verteidiger Thomas Helmer. (Foto: imago) Der Selbstmord Robert Enkes erschüttert ganz Deutschland. Wie ein Bundesliga-Profi, der vermeintlich alles hatte, freiwillig aus dem Leben scheiden kann, lässt viele Fragen offen. Welche Qualen muss der Nationaltorhüter all die Jahre durchlitten haben? Vor über sieben Jahren nahm sich mit Guido Erhard bereits ein Bundesliga-Profi aufgrund einer manisch depressiven Erkrankung das Leben. Der Autor Thomas Tamberg hat den langen Leidensweg des ehemaligen Publikumslieblings des TSV 1860 München nachgezeichnet und berichtet von einem erschütternden Leben zwischen Himmel und Hölle, das – wie im Fall Enke - auf den Bahngleisen sein Ende findet.  

Teil 2 Erhard drohte seiner Freundin: Ich schlitze mir den Bauch auf


Von Thomas Tamberg

Teil 1 

München – Im 181. Derby zwischen dem TSV 1860 München und Bayern München setzt Löwen-Trainer Werner Lorant im Sturm neben Bernhard Winkler auf Guido Erhard. Zwar gewinnen die "Roten“ im ausverkauften Olympiastadion mit 1:0 und Erhard bleibt ohne Torerfolg, aber dennoch geht für ihn ein Traum in Erfüllung: Er ist Bundesligaspieler und im Lokalderby von Anfang an dabei. Für einen der mit Leib und Seele Fußballer und mit Haut und Haaren ein "Blauer“ ist, der Himmel auf Erden. Weitere Träume kann sich Guido Erhard auf Erden nicht mehr erfüllen, denn er ist tot. Erhard starb mit 32 Jahren im gleichen Alter wie Enke und wählte auch den exakt gleichen Weg aus dem Leben zu scheiden, wie der Nationaltorhüter. Erhard warf sich am 21. Februar 2002 im Offenbacher Hauptbahnhof vor einen vorbeifahrenden ICE-Zug. Während bei Enke eine rein depressive Erkrankung diagnostiziert wurde, litt Erhard an einer manisch depressiven Erkrankung. Nach einer langen Leidenszeit, schien der Ex-Fußballprofi in die Normalität zurückgefunden zu haben. Um so überraschender kam damals für Freunde und Angehörige die Nachricht von seinem Selbstmord.

Video Der Fall Erhard: Traurige Parallele zu Enke

Viele lassen sich im Alltag nichts anmerken

"Himmel hoch jauchzend, zu Tode betrübt, treffender als Goethe kann man die manisch-depressive Erkrankung nicht beschreiben“, sagt Prof. Dr. Bauer, Chefarzt der Psychiatrie des Klinikums Offenbach, der Erhard zuletzt behandelte. Fachleute schätzen, dass sechs Prozent der Menschen unter Depressionen leiden. Die manisch depressiven Patienten schwanken über das „normale Maß“ zwischen Hochstimmung (Manie) und Niedergeschlagenheit (Depression) hin und her. Viele lassen sich im Alltag nichts anmerken, aber zu Hause, wenn die Tür ins Schloss fällt, fallen auch diese Menschen in sich zusammen, starren an die Decke, fühlen sich missverstanden und allein gelassen.

Seit der Jugend nur Fußball im Kopf 

Rückblick: Schon in der Schule, bedeutete der Fußball für Erhard alles. Über die Jugend bei Eintracht Frankfurt, landete er nach seinem Abitur beim Oberligisten (damals 3. Liga) Kickers Offenbach. "Guido war bei uns kein Stammspieler, aber er war ein sehr positiver Mensch, obwohl ich auf seiner Position gespielt habe, hatten wir nie Probleme, ganz im Gegenteil. Er war zwar technisch nicht so stark, aber robust, kopfballstark und hat sich nie geschont. Ein typischer Mittelstürmer eben“, erzählt der ehemalige Nationalstürmer und jetzige Präsident des OFC, Dieter Müller, über seine Eindrücke des jungen Guido Erhards. Aufgrund dieser Fähigkeiten vermittelte ihn der ehemalige Bayern-Profi Norbert Janzon 1990 zum TSV 1860 München. Von der Zeit in der Münchner Landeshauptstadt sollte Erhard sein ganzes kurzes Leben lang noch schwärmen. Hier war er Fan und Spieler zugleich. Wenn er nicht Fußball spielte, war er mit den Anhängern unterwegs. Kaum ein anderer Bundesliga-Spieler hatte so viele Freunde und Bekannte unter den Zuschauern wie Erhard. Wer ihn anrufen wollte, der brauchte nur im Telefonbuch nachzuschlagen. Obwohl er es selten zum Stammspieler brachte, war er der unumstrittene Publikumsliebling und gerade deshalb so wichtig für sein Team.

Das machte Erhard für die Löwen so einzigartig

Sein damaliger Trainer Carsten Wettberg erinnert sich: "Guido brachte das mit, was 1860 München zum Kultverein werden ließ. Er vermittelte wie kein anderer den Fans das Gefühl, er sei einer von ihnen. Er war zwar oftmals Einwechselspieler, aber den besten, den ich jemals in einer Mannschaft hatte. Wenn es im Spiel nicht so lief, dauerte es nicht lange, bis die Fans den Guido forderten. Wenn ich ihn dann zum Warmlaufen schickte, brodelte das ganze Stadion. Diese positive Energie übertrug sich wiederum auf die Mannschaft. Wenn Guido ins Spiel kam, war er der unangefochtene Leader des Teams.“

Die schönste Zeit war vorbei

Mit dem TSV 1860 feierte Erhard seine größten sportlichen Erfolge. In der Ära "Wildmoser-Lorant“ stieg er von der Bayernliga in die Zweite Liga auf. Ein Jahr später folgte der Durchmarsch in die Bundesliga. Ein Fußballer-Traum ging in Erfüllung. Unter Werner Lorant bestritt er 16 Spiele im Fußball-Oberhaus und erzielte dabei vier Tore. Nachdem die Löwen sich im ersten Bundesligajahr etablieren konnten, wurde der Kader verstärkt und für Erhard war kein Platz mehr. "Damals wollte ich ihn unbedingt zum FC Augsburg holen, doch dann kam das Angebot des VfL Wolfsburg“, erzählt Wettberg. Die schönste Zeit im Leben des Guido Erhards war vorbei. Sechs Jahre, in denen er es von der Bayernliga bis in die Bundesliga schaffte. Als er von tausenden Fans auf Händen getragen wurde.

Probleme in Wolfsburg

Beim VfL Wolfsburg musste Erhard scheitern, zu groß war noch der Schmerz, dem TSV 1860 München Lebewohl sagen zu müssen. Dazu kam, dass der damalige Trainer Eckhard Krautzun, der Erhard zu den Wölfen holte, eine Woche nach der Verpflichtung seines Wunschstürmers entlassen wurde und als Bezugsperson nicht mehr zur Verfügung stand. Bei den Niedersachsen fiel Erhard erstmals in eine Depression. Im Zuge des Bosman-Urteils kündigte er einen Vertrag und verschenkte viel Geld. Plötzlich stand er ohne Verein da – Zukunftsangst ergriff seine Seele.

In Mainz kamen die Depressionen wieder

Doch nach sechs Monaten verging dieser Zustand wie er gekommen war. Aber ein Jahr später – Erhard kickte für Mainz 05 in der zweiten Liga – kamen die Depressionen wieder. "Meine Freundin hat sich von mir getrennt, es hat Paff gemacht, und nichts hat mehr gestimmt. 1997 war das. Acht Wochen habe ich mich noch im Alltag gehalten, nicht im Fühlen und Denken, aber ich konnte den Alltag irgendwie aufrechterhalten“, erzählte Erhard in einem seiner letzten Interviews der "Süddeutschen Zeitung“. Sein damaliger Mannschaftskamerad bei den 05ern, Lars Schmidt, blickt auf die Zeit zurück wie Erhards Gefühlshaushalt immer stärker ins Ungleichgewicht geriet: "Im Trainingslager fing es an. Guido hat damals die ganzen Tage immer nur ein Lied gehört. 'Anna’ hieß es. Da bin ich fast verrückt geworden. Wenig später fing er auf der Auswärtsfahrt zu einem Zweitligaspiel im Bus plötzlich an, sämtliche Selbstmordmöglichkeiten aufzuzählen. Ich hab ihn damals noch flapsig angemacht, er solle sich auf das Spiel konzentrieren, ich wusste ja nicht was mit ihm los war.“

Achterbahnfahrt erhöht die Geschwindigkeit

Vor dem Heimspiel gegen Fortuna Düsseldorf hielt es Erhard nicht mehr länger aus. Er offenbarte seine Selbstmordgedanken dem Mainzer Physiotherapeuten: "Ich kann nicht mehr klar denken.“ Erhard saß zwar noch auf der Auswechselbank, kam aber nicht mehr zum Einsatz. Anschließend wurde er ins Zentralinstitut für seelische Gesundheit nach Mannheim gebracht. Die Achterbahnfahrt der Gefühle erhöhte ihre Geschwindigkeit.

Teil 2 Erhard drohte Freundin: Ich schlitze mir den Bauch auf

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