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Guido Erhard - Selbstmord eines Bundesliga-Profis II

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Guido Erhard - Selbstmord eines Bundesliga-Profis  

Erhard drohte Freundin: Ich schlitze mir den Bauch auf

13.11.2009, 16:19 Uhr | t-online.de

Guido Erhard im Trikot des FSV Mainz 05. (Foto: imago)Guido Erhard im Trikot des FSV Mainz 05. (Foto: imago) Der Selbstmord Robert Enkes erschüttert ganz Deutschland. Wie ein Bundesliga-Profi, der vermeintlich alles hatte, freiwillig aus dem Leben scheiden kann, lässt viele Fragen offen. Welche Qualen muss der Nationaltorhüter all die Jahre durchlitten haben? Vor über sieben Jahren nahm sich mit Guido Erhard bereits ein Bundesliga-Profi aufgrund einer manisch depressiven Erkrankung das Leben. Der Autor Thomas Tamberg hat den langen Leidensweg des ehemaligen Publikumslieblings des TSV 1860 München nachgezeichnet und berichtet von einem erschütternden Leben zwischen Himmel und Hölle, dass – wie im Fall Enke - auf den Bahngleisen sein Ende findet.  



Teil 1 Bundesliga-Profi Guido Erhard starb wie Robert Enke


Von Thomas Tamberg

Teil 2 

Nach über sieben Monaten wurde er "hoch suizidal“ (Erhard) entlassen. Zwischendurch ging es ihm besser, auch dank der Hilfe des Mainzer Trainers Wolfgang Frank, der ihn zu einem Schweizer Spezialisten vermittelte. Mittlerweile hatte Erhard wieder eine neue Freundin. Auf die Depression folgte Manie. Und die brach plötzlich voll durch. "Ich habe mich wie Gott, wie das Universum gefühlt. Erst dachte ich, dass ist der Spaß am Leben. Ich habe viel geredet, Monologe gehalten, wollte die Welt verbessern“, beschrieb Erhard seine damalige Gefühlswelt. Zu diesem Zeitpunkt wird er erstmals aggressiv. In der Manie ist Kritik nicht zu ertragen. Allerdings richtet sich die Aggressivität bei manisch-depressiv Erkrankten nicht gegen andere, sondern gegen sich selbst. Er zertrümmerte seine Wohnung und drohte seiner Freundin sich mit einer Glasscherbe selbst den Bauch aufzuschlitzen, wenn sie ihn nicht in Ruhe ließe. Erhard kam wieder in die Klinik. Anschließend folgten Monate in denen er mal in der Klinik, mal draußen war. Manische Phasen wechselten mit depressiven. Im Oktober 2000 eskalierte die Situation. "Ich wollte sterben, wo ich geboren wurde“, sagte Erhard. Er kehrte zurück nach Hanau, mietete ein Hotelzimmer und mixte sich aus Alkohol, Schlaf- und Herztabletten einen vermeintlich tödlichen Cocktail. Erhard überlebte wie durch ein Wunder und war heilfroh. "Ich hatte riesige Angst vor dem Tod. Ich will leben. Wenn ich wirklich gewollt hätte, hätte ich mich schon umgebracht“, so Erhard, der – am Tiefpunkt angelangt – endlich das Gefühl hatte: "Jetzt schaff ich es.“

Video Der Fall Erhard: Traurige Parallele zu Enke

Neue Liebe gibt Lebensmut 

Im Jahr 2001 ging es dann aufwärts. Erhard verliebte sich neu und fing wieder an, Fußball zu spielen. In der Bezirksliga Hanau ging er für den VfR Kesselstadt auf Torjagd. Täglich fuhr er ins Fitnessstudio nach Frankfurt. Durch die vielen Medikamente hatte er stark zugenommen. Anschließend betreute er zusammen mit Lars Schmidt die A-Jugend der Offenbacher Kickers oder trainierte bei seinem neuen Klub. Durch eine Berufsunfähigkeitsrente finanziell einigermaßen abgesichert, erörterte Erhard zusammen mit dem Arbeitsamt die Möglichkeit einer Umschulung. Mit seinem Lieblingstrainer Wettberg diskutierte er eine mögliche Rückkehr nach München. Er gab Zeitungsinterviews und der NDR drehte einen Film über seine Laufbahn. Es schien tatsächlich so, als ob Erhard mit dem gescheiterten Selbstmordversuch die Lust am Leben wieder neu entdeckt hätte. Er habe die schwere der Krankheit zur Selbstreinigung seiner Seele gebraucht, vielleicht habe er sich in einem früheren Leben einmal umgebracht, in diesem wolle er es aber schaffen, versuchte Erhard mit seiner Vergangenheit Frieden zu schließen.

Sensibilität im Fußball unerwünscht

Die Scheidung seiner Eltern, belastete zwar die sehr enge Beziehung zu seiner Mutter nicht, aber der Stiefvater konnte nie auch nur annähernd die Rolle seines leiblichen Vaters ausfüllen. Im Sommer 2001 verstarb sein Vater. Von seinem Bruder erfuhr Erhard kaum Unterstützung. Sie seien immer für einander da gewesen, spricht Jugendfreund und ehemaliger Teamkollege beim VfR Kesselsadt Metin Albayrak zwar über ein inniges Verhältnis des Brüderpaares, aber aufgrund der Lebensumstände war es eher Erhard, der für seinen Bruder sorgen musste. Erhard war schon immer ein sehr feinfühliger Mensch gewesen, der viel über sich selbst nachdachte. Gerade diese Eigenschaften – im Big Business des Profifußballs eher unerwünscht – machten ihn so beliebt. "Mit ihm konnte man auch über andere Sachen reden. Er hat sich immer für Andersdenkende interessiert und sie als Gesprächspartner gesucht und akzeptiert“, fasst Wettberg zusammen, was er am Menschen Guido Erhard besonders schätzte. Mit seiner Krankheit ging er offen um. Über Beleidigungen Unverbesserlicher auf den Dorfsportplätzen, die ihm  zuriefen, dass er doch in die "Klapse“ gehöre, konnte Erhard nur lächeln. "Da siehst du, was es doch für Idioten gibt“, erzählte er einmal Lars Schmidt.

"Er war permanent am Lachen"

Ende 2001 verletzte sich Erhard während eines Bezirksligaspiels. Die Möglichkeit beim Sport die Seele baumeln zu lassen und gänzlich die Alltagsprobleme auszublenden, war nicht mehr da. Zwar war Erhard laut Prof. Dr. Bauer den Sommer über noch leicht depressiv, jedoch zum Jahreswechsel verschlimmerte sich sein Zustand. Eine manische Phase deutete sich an. "Als ein Freund zu mir sagte, dass der Gudio wieder richtig gut drauf ist, dachte ich noch, dass er eigentlich schon wieder viel zu gut drauf ist. Das war immer ein Zeichen für mich, dass er wieder überdreht. Er war permanent am Lachen“, erinnert sich Lars Schmidt. Zu diesem Zeitpunkt stand Erhard vor einem Berg ungelöster Aufgaben. Er wollte seit längerem ein Buch über sein Leben schreiben, plante eine Umschulung, erwägte einen Ortswechsel nach München, "erzählte, dass er irgendwas mit seiner Versicherung klären müsste und dass es familiäre Probleme wegen eines Erbstreits gäbe“ (Lars Schmidt).

"Da muss noch etwas gewesen sein..."

Aus diesem Grund zog er auch sein Engagement als Co-Trainer der A-Jugend von Kickers Offenbach zurück, die er zusammen mit seinem Freund Lars Schmidt leitete. Ob es einer dieser Gründe oder alle Gründe zusammen waren, die Erhards Gefühlshaushalt durcheinander brachten, diese Antwort nahm er mit ins Grab. Prof. Dr. Bauer weiß nur soviel: "Da muss noch etwas gewesen sein, was in ihm gewirkt hat, dass er aber nicht preisgegeben hat.“ Vielleicht war es dieses Geheimnis, über das Erhard niemals sprechen wollte. Im Alter von 13 Jahren gab es zwei Ereignisse in seinem Leben, über die er nie gesprochen hatte, aber die er verantwortlich für seinen labilen Gesundheitszustand machte, deutete Bauer an.

Erhard kapselt sich immer mehr ab

Die Spirale der Krankheit drehte sich weiter. Folgte auf die leichte Depression im Sommer 2001 eine leichte Manie, so fiel Erhard nach dieser Hochphase in eine erneute, diesmal tiefere Depression. Erhard wusste es und ging vorsorglich nach Weihnachten freiwillig in die Offenbacher Psychiatrie. Der ehemalige Sportlicher Leiter des VfR Kesselstadt Rolf Keller blickt zurück: "Gudio rief mich an und sagte er sei in der Klinik. Erst dachte ich wegen seiner Verletzung am Knöchel, dann aber erzählte er mir was wirklich los ist.“ Erhard kapselte sich in den folgenden Wochen immer mehr ab, wollte weder Anrufe noch Besuche seiner Mannschaftskameraden. Lediglich die engsten Familienangehörigen und seinen Freund Metin Albayrak ließ er noch an sich heran.

Immer wieder mit dem Kopf gegen die Wand geschlagen 

Erhards Tagesablauf in der Klinik: Gesprächstherapie, Werken und Basteln zusammen mit anderen Patienten. "Er hat realisiert, dass es ihm nicht so gut ging und dass die Krankheit in Phasen verläuft, aber er wusste auch, dass er bis jetzt immer wieder da rausgekommen ist“, beschreibt Bauer den Zustand des Ex-Profis. Erhard bekam Antidepressiva verabreicht. Während eines Besuchs seines Freundes Albayrak, beklagte sich Erhard einmal, dass diese Tabletten Verfolgungswahn und Angstzustände in ihm auslösen würden. Bereits Jahre zuvor in einer anderen Klinik schlug Erhard solange mit dem Kopf gegen die Wand, bis die behandelnden Ärzte versprachen, ihm keine Medikamente mehr zu verabreichen. Für manisch-depressiv Erkrankte nichts Ungewöhnliches. Sie sehnen sich oftmals die manische Phase zurück, in der sie das Gefühl haben die Welt aus den Angeln heben zu können. Dann kam der vorletzte Donnerstag im Februar 2002.

"Es hätte auch an jedem anderen Tag passieren können"

Bauer: "Es war ein Tag wie jeder andere. Am Tag zuvor war er mit seiner Mutter noch unterwegs. Er war zwar depressiv, aber vom Krankheitsbild genau so, wie die Tage und Wochen vorher. Es hätte also auch an jedem anderen Tag passieren können.“ Erhard konnte nach Absprache mit den Ärzten jederzeit die Klinik verlassen. An dem Donnerstag meldete er sich zum Spaziergang ab. Sein Weg endete am Offenbacher Hauptbahnhof.


Teil 1 Bundesliga-Profi Guido Erhard starb wie Robert Enke

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