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Resultatsfußball statt märchenhaftes Kombinieren

06.07.2010, 00:04 Uhr | t-online.de, t-online.de

. Nach der Schlappe gegen die Löw-Elf war Diego Maradona am Boden zerstört. (Foto: dpa)

Nach der Schlappe gegen die Löw-Elf war Diego Maradona am Boden zerstört. (Foto: dpa)

Aus Südafrika berichtet Jonny Giovanni

Es ist schon ein kurioses Turnier, diese 19. Fußball-Weltmeisterschaft. Wer hätte vorher gedacht, dass die Deutschen mal in Spanien für ihren Fußball bewundert werden? Und wer hätte geahnt, dass folgende Sätze aus Mündern spanischer Nationalspieler kommen würden? "Wir sind im Halbfinale, es war kein gutes Spiel von uns, aber am Ende zählt nur der Sieg". Oder: "Was bisher war, spielt keine Rolle. Es geht nur darum, weiter zu kommen."

Iker Casillas und Xabi Alonso waren nur zwei von vielen, die nach dem mühsamen 1:0 über Paraguay das rhetorische Inventar des Resultatsfußballs bemühten, als seien sie eine Kreuzung reinster deutscher und italienischer Traditionen und nicht Gesandte aus dem Märchenland des schönen Spiels.

Ausnahmsweise zählte nur das Ergebnis

Aber um es gleich zu sagen: Sie hatten kein Problem damit. Auch die für gewöhnlich ästhetisch sehr anspruchsvolle Kritik sieht Spanien, wie das Sportblatt "As" schrieb, "im Paradies". Wenn man noch nie zuvor in einem WM-Halbfinale stand, dann zählt ausnahmsweise wirklich mal nur das Ergebnis. "Es gab viel Anspannung und Stress", berichtete der erneut früh ausgewechselte Stürmer Fernando Torres, "aber jetzt sind alle sehr glücklich, wieder Geschichte geschrieben zu haben."

Villa auf dem Weg zur Torjägerkrone?

Wieder, nach 2008. Mit dem EM-Sieg schien Spanien alle historischen Komplexe abgelegt zu haben, aber in Südafrika krochen nach der WM-Auftaktniederlage wieder die Zweifel hoch. Das seitdem in jedem Spiel lauernde Aus und die Bürde der Erwartungen an eine goldene Generation ergab eine fatale Mixtur – sie schnürte Kreativität ab, sie nahm die Freiheit. Gegen Paraguay wurde das noch deutlicher als zuvor, weil der Gegner mit brillanter Ordnung und gnadenlosem Pressing auch noch die letzte Luft zum Atmen nahm. So viele Fehlpässe, so viel Hilflosigkeit wie am Samstag in der ersten Halbzeit hat man von der "selección" seit langer Zeit nicht gesehen. Aber sie ist durch das Siegtor des unersättlichen David Villa ja noch einmal davon gekommen. Der "Guaje" aus Asturien strebt nach der EM-Torjägerkrone auch die bei der WM an – und seine Mannschaft das Double aus beiden Titeln.

Diskussion über Taktik und Spielkultur

Sein Mindestziel hat Spanien schon erreicht, zum ersten Mal bei diesem Turnier wird es gegen Deutschland auch verlieren und dennoch erhobenen Hauptes in die Heimat zurückkehren können. Es wird aber auch alle Karten auf den Tisch legen müssen. Denn die mentale Belastung mal beiseite gelassen: die letzten Spiele ergaben schon auch Diskussionsbedarf über Taktik und Spielkultur. Es gibt etwa viele Experten, die würden Cesc Fàbregas ohne Umschweife zu den besten elf Fußballern der Welt zählen. Nun, bei den Spaniern trägt er zwar die Nummer zehn, zu den ersten elf gehört er aber nicht. Gerade einmal 93 Minuten hat er bei diesem Turnier bislang auf dem Platz gestanden.

Spanien spielt mit zwei Sechsern

Mit Xavi, Andrés Iniesta, Fàbregas und David Silva verfügt Spanien über vier Spieler des begehrten Typus kleiner Spielmacher, von dem andere Mannschaften entweder einen haben (Deutschland: Özil, Holland: Sneijder) oder gar keinen. Die Einzigartigkeit der spanischen EM-Elf rührte daher, dass Trainer Luis Aragonés drei von ihnen aufbot, im Finale gegen Deutschland sogar alle vier. Nachfolger Del Bosque hielt es in seinem ersten Amtsjahr ähnlich, mittlerweile agiert er jedoch bevorzugt mit zwei "Sechsern", Xabi Alonso und Sergio Busquets, und zwei Stürmern, Villa und Torres. Das Herzstück dieses Spaniens wird also quasi von hinten und vorne beschnitten. Übrig blieben zuletzt nur Xavi und Iniesta, Silva spielte im Auftaktmatch (und zwar nicht schlecht), aber danach keine Sekunde mehr.

Torres: "Es ist ein vorweg genommenes Finale"

Alles in allem ergibt sich also die Situation, dass der kommende Gegner bei diesem Turnier bislang besseren Fußball gezeigt hat – das räumt jedenfalls Torres durch die Blume ein. "Es ist ein vorweg genommenes Finale. Sie verdienen es genauso oder noch mehr als wir, den Titel zu gewinnen." Der Siegtorschütze des EM-Finals erklärte sich zugleich zu einem "großen Anhänger des deutschen Fußballs, das war ich schon immer".

Kahn und Effenberg erregten in Spanien noch Abscheu

Vor nicht allzu langer Zeit hätten sie ihn zuhause für dieses Geständnis noch herzhaft ausgelacht. Fußball aus Deutschland hatte in wenigen Ländern ein schlechteres Image als in Spanien, das sich seit Johan Cruyffs Wirken beim FC Barcelona stark von der holländischen Schule inspirieren ließ. In jüngerer Vergangenheit erregte besonders Bayern München mit seinen teutonischen Giganten Oliver Kahn oder Stefan Effenberg regelrechte Abscheu. Gern wurde auch ein Bonmot des hispano-argentinischen Fußballphilosophen Jorge Valdano zitiert, um zu illustrieren, welch’ Folter für die Sinne der Fútbol aus Alemania sein konnte: "Zwischen Gähnen und noch größerem Gähnen ein Tor für Deutschland."

Die Spielstile sind sich ähnlicher geworden

Von Deutschland erwartete man prinzipiell gar nichts – umso wohlwollender fielen die Kommentare schon 2006 für das Team von Jürgen Klinsmann aus. Nach dem spielerischen Rückschritt bei der EM 2008 wird die aktuelle Elf von Joachim Löw außerordentlich positiv bewertet – was schon deshalb kaum verwundert, als sich die Spielstile deutlich ähnlicher geworden sind. Löw betrachtete Spanien ja schon länger als Vorbild, jetzt hat er das Personal, um einen so technischen Fußball auch umsetzen zu können. "Dieses Deutschland", lobt Villa, "hat mit dem von der Europameisterschaft nichts zu tun."

Del Bosque lässt sich nicht in die Karten schauen

Der Respekt ist da, Angst wird man dennoch nicht finden. "Deutschland hat sich bestimmt nicht darüber gefreut, dass wir jetzt ihr Gegner sind", sagt Villa, der das EM-Finale von Wien wegen einer Verletzung verpasste. Damals sprang Torres in die Bresche, doch ob der Deutschland-Fan am Mittwoch auch wieder von Beginn an auflaufen wird, ließ sein Trainer gestern explizit offen. Vicente del Bosque will sich nicht in die Karten schauen lassen – wie das eben so ist, wenn man den Gegner sehr ernst nimmt und selbst bislang mehr Fragen aufgeworfen hat als Antworten zu geben.

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