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Michael Ballast

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Michael Ballast

08.07.2010, 00:35 Uhr | spiegel.de, Spiegel Online

Warum zettelt Nationalelf-Kapitän Philipp Lahm einen Konflikt mit seinem Vorgänger Michael Ballack an - ausgerechnet jetzt, vor dem WM-Halbfinale? Der Vorstoß kommt nicht zufällig, sondern ist genau kalkuliert. Und ganz im Sinne von Bundestrainer Löw.

Alle Welt fragt sich: Warum um Himmels willen sagt er so etwas? Was reitet Philipp Lahm, scheinbar ohne Not einen öffentlichkeitswirksamen Streit mit Michael Ballack um das Kapitänsamt der Nationalelf anzuzetteln und die Harmonie, die das DFB-Lager bisher nach außen verbreitet hatte, zu stören? Ausgerechnet einen Tag vor dem so wichtigen WM-Halbfinale gegen Spanien. Vom "Machtkampf" ist plötzlich die Rede, von Unruhe im Team - dabei folgt Lahm mit seiner verbalen Offensivaktion einem ganz klaren Plan. Es geht um das künftige Gesicht der deutschen Nationalmannschaft - und es gibt aus Lahms Sicht keinen günstigeren Zeitpunkt, dies zum Thema zu machen, als jetzt.

Lahm sagt solche Sätze wie die in der "Bild"-Zeitung, über die sich jetzt halb Deutschland aufregt, nicht unüberlegt. Er ist viel zu gescheit, um in eine Falle zu tappen und Dinge preiszugeben, die er nicht preisgeben will. Wenn Lahm Klartext redet - wie im Vorjahr bei Bayern München mit seinem aufsehenerregenden Interview in der "Süddeutschen Zeitung"- dann steckt Überlegung dahinter. Dann steckt auch Absprache dahinter. Im Vorjahr, als er die Bosse des FC Bayern erboste, hatte er das Interview gemeinsam mit seinem Berater Roman Grill eingetütet. Man weiß nicht, ob der Bundestrainer und sein Team diesmal in die Aktion eingeweiht waren. Was Lahm sagte, ist ganz in Löws Sinn.

Man darf spekulieren, ob ein deutsches Team mit Michael Ballack den rauschhaften Fußball gezeigt hätte, den die gesamte Sportwelt spätestens seit Beginn der K.-o.-Phase bewundernd begleitet. Es ist ihm absolut zuzutrauen, Ballack war keiner, der das Spiel unbedingt langsam machte, wie ihm jetzt zuweilen vorgeworfen wird. Fakt ist jedoch, dass es mit Ballack bei dieser WM nicht besser hätte laufen können als ohne ihn. Der Schluss, den die sportliche Leitung des DFB daraus ziehen muss und kann: Ballack ist bei der Weiterentwicklung der Nationalmannschaft offenbar verzichtbar.

Die DFB-Elf in Südafrika ist Löws Kreation

Die Mannschaft, die jetzt in Südafrika spielt, ist Joachim Löws Kreation. Zu hundert Prozent. Ballack dagegen hat seine Meriten vor allem unter anderen Bundestrainern erworben. Unter Löws Vorgänger Jürgen Klinsmann, aber noch mehr unter Rudi Völler, unter dem er bei der WM 2002 in Japan und Südkorea zum Helden neben Oliver Kahn aufstieg. Kurioserweise war es ein Foul aus dem Halbfinale gegen Südkorea, das den Ballack-Mythos bei jener WM besonders beförderte. Seitdem galt er als einziger Weltstar dieses Teams. Wenn auch auf ewig mit einer gewissen tragischen Note umflort, da ihm die großen internationalen Titel immer verwehrt blieben.

Völler und Ballack - das ist so etwas wie das strukturkonservative Element des deutschen Fußballs. Es ist kein Zufall, dass beide jetzt wieder bei Bayer Leverkusen zusammenfinden. Beide haben Fußball immer ähnlich verstanden: Einsatz, Kopfballstärke, die Grätsche zur rechten Zeit.

Lahm und Löw - dieses Duo steht dagegen für eine andere Philosophie. Löw sagt: "Einsatz und Kampfeswillen sind auch wichtig, aber man muss ein Spiel auch gestalten wollen, die fußballerischen Dinge spielerisch und kreativ lösen." Das hätte auch Lahm so sagen können.

Lahm ist eher Klassensprecher als Leitwolf

Wer böse denkt, könnte sagen: Ein Ballack hat noch zu viele Kanten für dieses neue Nationalteam. Ein Team, das sich als Einheit präsentiert, als eine Gruppe, aus der niemand aus der Reihe tanzt, aber auch nicht tanzen darf. Löws Jungs.

Lahm ist der Repräsentant dieser Einheit - eine Rolle, die er bei dieser WM bisher zur Perfektion ausfüllt. Aber auch eine Rolle, in der er sich gefällt. Schon vor Jahren bei Bayern München meldete er Ansprüche auf die Kapitänsbinde an - trotz eines Oliver Kahn, trotz eines Mark van Bommel. Dass ihm damals das Amt des Spielführers verweigert wurde, hat ihn durchaus enttäuscht, vielleicht gar gekränkt. Was ihm bei Bayern bis heute verwehrt blieb, hat er in der Nationalelf erhalten, wenn auch nur durch dem Umstand der schweren Verletzung Ballacks.

Lahm sieht sich durchaus als Führungsfigur, aber nicht in dem alten Stil, in dem Ballack diese Rolle ausfüllte. Zuweilen ruppig im Ton, deutlich in der Ansprache, zuweilen von oben herab. Lahm versteht seine Position anders, weniger als Leitwolf, eher als eine Art Klassensprecher. Es ist keine Frage, dass er seine Methode für die bessere hält.

Löw hat seinen Wunschkapitän

Die Rückendeckung des Bundestrainers ist ihm dabei sicher. Lahm ist Löws Wunschkapitän, einer, der motivieren kann, ohne vor den Kopf zu stoßen. Einer, mit dem er gern weiterarbeiten würde. Die Attacke Lahms gegen Ballack könnte ein Hinweis sein, dass der Bundestrainer durchaus gewillt ist, auch nach der WM im Amt zu bleiben. Aber nur mit einer Mannschaft, die komplett nach seinen Vorstellungen gebaut ist. Ein Ballack hat darin keinen rechten Platz mehr. Ballack ist zu einer Art Ballast geworden.

Dass dieser Konflikt direkt vor dem Spanien-Spiel aufpoppt - auch das dürfte kein Zufall sein. Die Nationalmannschaft ist nach dem Viertelfinaltriumph gegen die Argentinier sakrosankt, jenseits jeglicher Kritik, zudem voller Selbstbewusstsein. Aus einer solchen Position heraus lassen sich auch unangenehme Dinge leichter regeln. Im Team selbst dürfte das keine größere Unruhe auslösen.

Die Mannschaft ist auf Löw und Lahm eingeschworen, die jüngeren Spieler, die in Südafrika ihren ersten WM-Rausch erleben, sind es ohnehin. Die Älteren wie Miroslav Klose oder Arne Friedrich merken, wie dieser Trainer, diese Mannschaft noch einmal Kräfte bei ihnen freisetzen. Auch sie haben kein gesteigertes Interesse daran, das Gefüge, das sich in Südafrika gefunden hat, nach der WM wieder aufzubrechen. Wenn man die Spanier am Mittwoch schlägt, geht die Personalie Ballack im nationalen Jubel unter.

Auf Ballack, der am Montag geradezu mit fliegenden Fahnen das DFB-Quartier Richtung Deutschland verließ, mag das brutal wirken. Er hätte bei seinem Kumpel Torsten Frings nachfragen können, dass der Bundestrainer Personalien auch auf dem kalten Wege zu lösen imstande ist. Löw denkt weiter, Löw denkt in Zukunftsoptionen. Ballack ist 33 Jahre alt. Er ist für den Bundestrainer keine Option mehr.

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