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Ein Triumph der Finesse über den Muskel

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Ein Triumph der Finesse über den Muskel

12.07.2010, 23:48 Uhr | Aus Südafrika berichtet Jonny Giovanni, t-online.de

. Der Torschütze des Goldenen Tores: Andrés Iniesta (Foto: Reuters)

Der Torschütze des Goldenen Tores: Andrés Iniesta (Foto: Reuters)

Wieder rannte er zur linken Eckfahne, wieder riss er sich das Trikot vom Leib. Vor gut einem Jahr, an der Londoner Stamford Bridge, lief die dritte Minute der Nachspielzeit, als er per Dropkick ein episches Match bei Chelsea ausglich und seinem FC Barcelona den Weg zum Gewinn der Champions League ebnete. Am Sonntag, in der Johannesburger Soccer City, lief die fünfletzte Minute der Verlängerung, als er per Rechtsschuss den holländischen Widerstand überwand und Spanien zum Weltmeister kürte. Zwei unsterbliche Momente, so ähnlich und doch so verschieden. Denn zwischen den beiden wichtigsten Toren im Leben von Andrés Iniesta liegt eine gefühlte Ewigkeit.

Man sah das daran, was er unter seinem Trikot offenbarte. Vor einem Jahr war es einfach ein gelbes Unterhemd. Am Sonntag stand dort eine Widmung. "Dani Jarque, immer bei uns": es war die Hommage an einen verstorbenen Kollegen. Im August 2009, drei Monate nach dem "besten Moment meines Lebens" an der Stamford Bridge erlebte Iniesta, 26, seinen traurigsten, als er von dem plötzlichen Herztod des ein Jahr älteren Jarque erfuhr. Auch wenn der für den Lokalrivalen Espanyol spielte, waren sie enge Freunde, sie hatten in vielen Nachwuchsteams das Zimmer geteilt. Iniesta fiel in ein Loch, dazu kamen Verletzungen und psychosomatische Probleme, die erste Saisonhälfte 2009 war größtenteils zum Vergessen. Zwischenzeitlich gab es sogar Zweifel, ob er noch mal zu alter Klasse zurückkehren würde.

Der Kampf gegen die eigene Verletzlichkeit

Das Siegtor dieser Weltmeisterschaft, wie er sich schon zuvor die Seele aus dem Leib spielte und so viele holländische Tritte wie kein anderer wegsteckte – all das handelt daher auch von einem gewonnenen Kampf gegen die eigene Verletzlichkeit. Andrés Iniesta, der bleiche Junge aus dem Dorf Fuentealbilla in den Weiten der Mancha, war schon als Kind hochsensibel. Vielleicht muss das sogar so sein, bei jemandem, der so gefühlvoll Fußball spielen kann. Bereits als Knirps rissen sich Spaniens Großklubs um ihn. Mit elf entschied er sich für den FC Barcelona und dessen berühmte Nachwuchsschule La Masia. Er weinte viel, er verzehrte sich vor Heimweh, dort, und auch wenn er im Sommer zuhause bei den Eltern auf Urlaub war. Bis sich die Familie entschloss, zu ihm nach Barcelona zu ziehen, dann wurde es besser und er begann sich zu entwickeln, wie das alle immer erwartet hatten.

Damals hing ein Poster von Pep Guardiola über seinem Bett, seinem heutigen Trainer. Wegen Guardiola wollte er unbedingt nach Barcelona, wie der elegante Spielmacher der Neunziger Jahre wollte er sein, es war eine Obsession, die er mit anderen großen Mittelfeldspielern aus der Barça-Schule teilt, dem vier Jahre älteren Xavi oder dem drei Jahre jüngeren Cesc Fàbregas. Und schon sehr früh erkannte Guardiola in ihm seinen Epigonen – und noch mehr darüber hinaus. Als er den 17-jährigen Iniesta ein paar Mal beim Nachwuchs beobachtet hatte, sagte er zu Xavi: "Der wird uns alle in den Schatten stellen."

"Ihm gebührt der Goldene Ball"

Mit dem wichtigsten Tor in der Geschichte Spaniens hat er das jetzt getan und in weiterer Hinsicht ist er wohl kurz davor. Wie Mitspieler Xabi Alonso ("Iniesta? Ein Phänomen. Ihm gebührt der Goldene Ball") halten ihn nach diesem epochalen Treffer viele für den ersten Kandidaten auf die individuellen Branchenpreise am Jahresende. Bislang spielte er bei solchen Ehrungen auch deshalb oft nur eine kleinere Rolle, weil er und Klubkollege Xavi sich gewissermaßen kannibalisierten. Wen von beiden soll man schon dem anderen vorziehen? Letztlich ist das Spiel von Barcelona wie jenes der Nationalelf ohne beide nicht denkbar, den etwas organisatorischeren Xavi und den etwas dynamischeren Iniesta. Würden die siamesischen Zwillinge des schönen Fußballs eine gemeinsame Kandidatur zum Weltfußballer aufgeben – die Auszeichnung wäre ihnen sicher.

Iniesta wirkte in sich ruhend nach Spielschluss, "das hier ist das Ergebnis von langer Arbeit, auch davon, schwierige Momente überstanden zu haben", sagte er. Der kleine, bleiche, sensible Spanier mit den hohen Geheimratsecken – es hätte keinen besseren Spieler geben können, um ein Finale zu entscheiden, das auch ein Triumph der Finesse über den Muskel war. Und es hätten keinen besseren Abend geben können, um einen Gruß in den Himmel zu senden, an Dani Jarque. "Es hatte nie den richtigen Moment gegeben, um ihm eine Hommage zu machen", sagte Iniesta zu seiner Geste. Am Sonntag hat er ihn endlich gefunden.

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