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"Das ist ein Moment zum Genießen"

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"Das ist ein Moment zum Genießen"

12.07.2010, 23:55 Uhr | Aus Südafrika berichtet Jonny Giovanni, t-online.de

. Nigel de Jong (li.) mit einer Kung-Fu-Einlage gegen Xabi Alonso. (Foto: Reuters)

Nigel de Jong (li.) mit einer Kung-Fu-Einlage gegen Xabi Alonso. (Foto: Reuters)

Andrés Iniesta sollte gerade über die Botschaft für den Fußball sprechen, als ein Überfallkommando den Hörsaal betrat, in dem er zum besten Spieler des Finals geehrt wurde. Carles Puyol, Gerard Piqué und Cesc Fàbregas, seine Mitspieler, hatten Bierflaschen in der Hand, sie riefen "Campeón, Andrés, Du bist Campeón" und waren insgesamt wohl der Meinung, dass dies keine Stunde für ausgefeilte Diskurse zur Zukunft ihres Sports war. Ihre Argumente überzeugten auch den Siegtorschützen. "Das ist ein Moment, um ihn zu genießen, sonst nichts", sagte Iniesta. "Alles andere werden wir dann schon sehen."

Die Spanier waren generöse Sieger, sie hielten sich zurück mit Kritik an der brutalen Gangart ihrer Finalgegner und sie verzichteten auf Überhöhungen der Art, dass hier das Gute gegen das Böse gesiegt hatte. In etwa so jedoch interpretierte die restliche Welt das Geschehen, weshalb der niederländische Trainer Bert van Marwijk eine Kanonade von Fragen immer gleichen Inhalts über sich ergehen lassen musste: Warum so viele Tritte? "Es stimmt schon, dass da fürchterliche und gewalttätige Fouls dabei waren", sagte er dann etwa und fügte wenig überzeugend hinzu. "Das ist eigentlich nicht Teil unseres Spiels."

De Jong vorm Finale: "Roh spielen"

Wenig überzeugend war das deshalb, weil die Niederlande schon vor vier Jahren im Achtelfinale gegen Portugal das größte Kartenfestival der WM-Geschichte initiiert hatten (16-mal Gelb, vier Platzverweise). Wenig überzeugend, weil es durchaus nicht ungeplant wirkte, wie sie auch aus dieses Endspiel zur Schlacht mit 14 Gelben Karten ausarten ließen. "Roh spielen", anders habe man gegen Spanien keine Chance, erklärte Nigel de Jong, der in der ersten Halbzeit für eine Kung-Fu-Einlage gegen Xabi Alonso vom Platz fliegen konnte – wie auch Mark van Bommel für ein übles Einsteigen gegen Iniesta. Der zunächst wortlose Aggressiv-Leader hatte sein Repertoire auch nach Spielende noch nicht aufgebraucht, die Provokation eines spanischen Journalisten beantwortete er mit einer saftigen Verbalinjurie. Alles in allem war es ein Auftritt, der jemanden wie Patrick Kluivert relativ verzweifelt zurück ließ. Der einstige Oranje-Stürmer sagte, er habe sich für Holland geschämt.

Niemand stellte die Legitimität des spanischen Siegs in Frage

Wer will, konnte in der Spielweise jedoch auch eine Hommage an den neuen Weltmeister sehen. Wie in der Champions League im Falle des FC Barcelona hat sich auch bei den Gegnern der spanischen Nationalmannschaft die Erkenntnis durchgesetzt, dass sie nur durch Destruktion zu stoppen ist. Die einen, wie Deutschland, versuchten das bei diesem Turnier mit fairen Mitteln, die anderen haben jetzt ein Imageproblem wie die Niederländer – gemeinsam war ihnen, dass sie letztlich alle 0:1 verloren. Und auch wenn es in der K.o.-Runde eben nur für vier Minimalsiege am Stück reichte, stellte niemand in Soccer City die Legitimität des spanischen Triumphs in Frage.

"Das ist noch größer als die EM"

"Diese Jungs haben gezeigt, dass in unserem alten Land besser Fußball gespielt wird als nirgendwo sonst", leitartikelte gestern die Madrider Sportzeitung "As". Daraus sprach keine Übertreibung des Augenblicks, das wusste man spätestens seit der EM 2008. Gegen die Spielkunst von der Europameisterschaft fielen Spaniens Darbietungen bei diesem Turnier etwas ab, aber den Stolz machte das nicht geringer, im Gegenteil. "Das ist noch größer als die EM", sagte Verteidiger Joan Capdevila. Denn Brasilien 2006 oder Frankreich 2002 sind ja nur die jüngsten Beispiele einer langen Kette von gescheiterten Topfavoriten bei WM-Turnieren. Spanien jedoch hat dem Druck stand gehalten, hat sich nach der Auftaktniederlage gegen die Schweiz gesammelt, die Nerven bewahrt und seine Klasse ausgespielt – als drittes Team der Geschichte nach Deutschland (1972, 1974), Frankreich (1998, 2000) und Brasilien (2002, 2004) hält es jetzt sowohl den kontinentalen als auch den Welttitel.

Wie zwei schüchterne Teenager

Die Spieler feierten ihre jüngste Eroberung am Sonntag so sympathisch und allürenfrei, wie sie wirklich auch sind. Höhepunkt war das Interview von Torhüter Iker Casillas mit seiner Freundin Sara Carbonero, einer Fernsehreporterin. "Was soll ich Ihnen sagen?", begann Casillas, die Siegermedaille um den Hals, er danke allen, die immer für ihn da waren, den Eltern, den Geschwistern… dann stockte seine Stimme, die beiden schauten sich an wie schüchterne Teenager, ehe der Keeper seiner Freundin zwei lange Küsse auf den Mund drückte. "Ich geh’ jetzt", sagte er, "Madre mia", die zurückgelassene Reporterin.

Eine Aufbruchgeneration

Madre mia, was für eine Mannschaft, das denken sie auch zu Hause in Spanien, wo 91 Prozent der TV-Zuschauer das erlösende Tor von Iniesta sahen. Denn sie haben es nicht nur mit einem besonderen talentiertem Jahrgang von Fußballern zu tun, sondern auch mit dem speziellen Charme und Optimismus einer Aufbruchgeneration. 2008 bei der EM trat erstmals ein spanisches Nationalteam an, dessen Mitglieder sämtlich nach dem Ende der bleiernen Franco-Diktatur geboren wurden. Dieses Spanien spielt ohne die alten Komplexe, die im Fußball, bei Jahrzehnten ohne Titel, nicht geringer waren als im gesellschaftlichen Leben, wo man sich lange als rückständig betrachtete. Und es ist nicht zufällig das erste spanische Team, das auch Katalanen und Basken für sich begeistert. Die Kinder der Demokratie haben wieder triumphiert, und ihr Land kann diese Rückversicherung angesichts seiner schweren Wirtschaftskrise im Moment nur allzu gut gebrauchen.

Steht Spaniens Ära gar erst am Anfang?

Aber wie gesagt, Überhöhungen brauchten die Spieler nicht in der Nacht, von der sie als kleine Jungs immer geträumt hatten. Sie dachten allenfalls schon an das nächste Turnier. Nur zwei Spieler, Puyol und Joan Capdevila, sind über 30 Jahre alt, andere gerade einmal Anfang 20. Fàbregas etwa, der sogleich weitere Heldentaten ankündigte: "Ich hoffe, dass wir in zwei Jahren den Leuten die nächste Freude machen können". Womöglich steht die Ära des guten Fußballs immer noch erst am Anfang. Die Tritte jedenfalls hat sie fürs erste besiegt.

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