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Behindertensport: Russom ist Deutschlands bester Blinden-Kicker

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Russom ist Deutschlands bester Blinden-Kicker

29.09.2010, 09:31 Uhr | sid, sid

Behindertensport: Russom ist Deutschlands bester Blinden-Kicker. Mulgheta Russom ist einer der besten Blindenfußballer Deutschlands. (Foto: MTV Stuttgart)

Mulgheta Russom ist einer der besten Blindenfußballer Deutschlands. (Foto: MTV Stuttgart)

Zunächst irrt Mulgheta Russom etwas verloren über das Spielfeld. Es ist schwer ohne Blindenstock und Orientierungshilfen. Doch als er den Ball an seinem Fuß spürt, ist er blitzartig in seinem Element. Er umdribbelt drei Gegenspieler, schießt aus der Drehung aufs Tor und lauscht dem Klingelball hinterher. Als der sehende Torwart sich schon stumm ärgert, schaut Russom noch angespannt. "Tor, oben im Dreieck", ruft sein Trainer. Nun jubelt Russom.
Dass der 32-Jährige Deutschlands bester Blindenfußballer ist - Rekord-Nationalspieler, deutscher Meister mit dem MTV Stuttgart, EM- und Champions-League-Teilnehmer - ist eine solch außergewöhnliche Geschichte, dass ihm sogar ein 45-minütiger Dokumentarfilm gewidmet ist, für den ihn die Autorin Lena Neef sechs Wochen lang begleitete.

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Mulgheta Russom Bilder des blinden Fußballers

Schicksalsnacht nach Diskobesuch

Um Blindenfußball zu spielen, müsse man "einen Knall haben", versichert Russom. Doch er liebt das Spiel über alles. Der 3. Oktober 1998 hatte sein Leben verändert. Der aus Eritrea stammende Vollblutsportler war mit dem Auto nach einem Diskobesuch unterwegs nach Hause. Warum der damals 20-Jährige vom Weg abkam und gegen einen Baum prallte, weiß niemand, am wenigsten er selbst. Russom trank keinen Schluck Alkohol, nahm niemals Drogen.

Am Steuer eingeschlafen

"Man vermutet, dass er eingeschlafen ist", erklärt Bruder Efrem Russom, jüngstes der neun Kinder der Familie. Russom prallte gegen ein Baum, sein Auto explodierte. "Mein Glück war, dass ich nicht angeschnallt war und hinausgeschleudert wurde. Ansonsten wäre ich verbrannt", berichtet er. Man fand Russom neben seinem Auto liegend. Wie lange er dort schon lag, ist nicht bekannt. Doch er blutete so stark, dass ihm der Notarzt den kompletten Mund mit Watte ausfüllen musste, sonst wäre er an seinem eigenen Blut erstickt.

Mehr als vier Monate Koma

Russom, bis dahin Fußballer in der Landesliga, liegt viereinhalb Monate im Koma. Die Wirbelsäule und das Gehirn sind gequetscht, das Gesicht komplett zertrümmert. Ein Knochensplitter bohrte sich in die Augenhöhle. Er sieht fast nichts mehr, nach einer Fieberattacke verliert er seine komplette Sehkraft. Was ihn zunächst aufrecht hält, ist die "Hoffnung, dass die Sehkraft wiederkommt". Noch heute sagt er: "Ich hätte sie gerne wieder. Zehn, ja fünf Prozent würden mir schon reichen."

Jogging nur mit Begleitläufer

Es sei nervig, nur mit einem Begleitläufer joggen zu gehen. Er vermisse es, "meine Geschwister und Freunde zu sehen, meinen Neffen, der immer größer wird, die Natur und natürlich die Mädels. Aber am meisten vermisse ich es, mich selbst im Spiegel zu sehen." Trotz seiner Blindheit ist Russom nämlich eitel. Er stählt seinen Körper täglich, die schicke Sonnenbrille legt er nur beim Sport ab, auf Klamotten legt er höchsten Wert. Einkaufen geht er stets mit seiner guten Freundin Marion, "weil die einen guten Geschmack hat. Aber was die Farben und Schnitte angeht, da kenne ich mich aus. Ich weiß ja von früher, wie es aussieht."

Film "Mulgheta - Blindes Selbstvertrauen"

So zeigt der beeindruckende Film "Mulgheta - Blindes Selbstvertrauen" eine kuriose Szene: Russom kommt mit einem neuen Pullover aus der Kabine, Marion ermutigt ihn. "Sieht gut aus", sagt sie. Sein trockener Konter: "Ja, aber es passt nicht zur Hose." An der Kasse sucht er blitzschnell einen passenden Betrag aus dem Geldbeutel, das Rückgeld zählt er zum Erstaunen der Kassiererin durch Tasten sofort nach. Mulgheta Russom steht zehn Jahre nach dem verheerenden Unfall eben mitten im Leben.

Gefährliche Sportart

Er hat eine Ausbildung als Korbflechter absolviert, arbeitet in Stuttgart in einem "Dunkel-Restaurant" und schlägt sich so gut es geht alleine durchs Leben. Auch auf dem Spielfeld weiß der 32-Jährige meist genau, was er tut. Dies ist auch nötig, denn Blindenfußball ist gefährlich. Die Spieler rufen "voy" (spanisch für "ich komme"), tragen Schaumgummiringe um den Kopf, die Betreuer versuchen, hinter dem Tor Orientierungshilfen zu geben - dennoch prallen oft Spieler zusammen. So verlor Russom einen Zahn, erlitt einen Nasenbeinbruch. Doch so eitel er ist, es sind Kleinigkeiten im Vergleich zu dem, was er schon gemeistert hat.

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