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Holczer fordert toleranteren Umgang mit Dopingsündern

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"Nicht aus jedem Dopingfall eine Existenzfrage machen"

27.10.2010, 13:55 Uhr | Das Interview führte Oliver Strerath, t-online.de

Holczer fordert toleranteren Umgang mit Dopingsündern. Hans-Michael Holczer denkt in der Dopingproblematik nicht mehr so verbissen wie früher. (Foto: imago)

Hans-Michael Holczer denkt in der Dopingproblematik nicht mehr so verbissen wie früher. (Foto: imago)

Nach zehn intensiven Jahren – mit Höhen und Tiefen – zog sich Hans-Michael Holczer im Oktober 2008 aus dem Profi-Radsport zurück. Der 56 Jahre alte Herrenberger, der wieder als Lehrer für Geschichte, Mathematik und Sport an einer Böblinger Realschule arbeitet, führte das damalige Team Gerolsteiner in die Weltspitze. Neben sportlichen Erfolgen musste der Anit-Doping-Verfechter aber auch Tiefschläge hinnehmen – positive Fälle in seiner Mannschaft.

t-online.de sprach mit Holczer über das Thema Doping, eine mögliche Rückkehr in den Radsport und dessen Zukunft in Deutschland.

t-online: Sie arbeiten wieder als Lehrer. Wie geht es Ihnen dabei?
Holczer: Mir geht es wirklich saugut. Ich habe das Radfahren für mich wieder entdeckt und wieder die Zeit, mich dabei intensiv zu betätigen. So sind in diesem Jahr rund 6000 Kilometer zustande gekommen. Ich blicke daneben mit mehr Abstand auf mein Unternehmen Profi-Radsport und kann die schönen Momente dieser Zeit wieder genießen. Wir haben die Aufräumarbeiten erledigt und sind zudem ohne finanzielles Desaster aus der Sache herausgekommen.

Ziehen Sie bitte den Vergleich. Was ist anstrengender zu kontrollieren: eine Schulklasse oder ein Radsport-Team?
Definitiv der Radrennstall. Keine Frage. So ein Team ist eine Mischung aus Spedition und Kindergarten. Man hat permanent mit Leuten zu tun, die psychisch und physisch an ihrer Leistungsgrenze sind.

Vermissen Sie den ganzen Zirkus dennoch?
Ich würde lügen wenn ich sage, ich vermisse es nicht. So habe ich es genossen, für Skoda bei der Tour de France im Sommer dabei gewesen zu sein. Allerdings hat mich die Meldung über Alberto Contadors positivem Dopingbefund längst nicht mehr so betroffen gemacht wie früher. Ich habe eben Abstand gewonnen. Außer der Tour war ich seit 2008, also nach dem Ende des Teams Gerolsteiner, bei keinem Radrennen mehr.

"Ich würde der Versuchung erliegen"

Nach all Ihren Erfahrungen – was würde ein Teamchef Hans-Michael Holczer heute anders machen?
Ich würde mich nicht mehr so stark vor meine Leute stellen und denen noch weniger vertrauen. Das war sicherlich ein Fehler von mir. Ich glaube ich würde noch mehr betonen, dass ich für niemanden garantieren kann. Ich würde mich auch in der Öffentlichkeit so distanziert geben wie es manchmal nach Innen der Fall war.

Spinnen wir den Gedanken weiter. Stellen Sie sich vor, ein finanzkräftiger Sponsor würde an Sie heran treten und fragen, ob Sie wieder Teamchef sein wollten. Sagt Hans-Michael Holczer dann "ja"?
Ich gehe davon aus, dass ich der Versuchung erliegen würde. Ich leide schon ein bisschen darunter, dass all das, was ich im Radsport aufgebaut habe, derzeit brach liegt. Auf keinen Fall würde ich aber ein Engagement eingehen, bei dem der Etat an der unteren Grenze liegt. Das sind rund drei, vier Millionen Euro.

Warum nicht?
Der Punkt ist doch der: Wie mache ich mir das Ganze selber plausibel, beziehungsweise welche Lösung finde ich zusammen mit einem potenziellen Sponsor in der Hauptfrage der Krise des Radsport, beim Thema Doping. Es ist ein Zwiespalt, der überbrückt werden muss. Einerseits bin ich davon überzeugt, dass nirgendwo im Sport Spitzenleistungen einfach kritiklos und vorbehaltlos geglaubt werden können. Andererseits ist diese Faszination da, und ich habe es ja am eigenen Leib erlebt, wie ein Radsport-Engagement eine Marke bekannt machen kann.

Wer kommt für ein finanzielles Engagement im Radsport überhaupt noch in Frage?
Im deutschsprachigen Raum kann das wirklich nur einer sein, der finanziell sehr gut dasteht und der einfach ein Machertyp ist. Ansonsten sagt spätestens der dritte Mann im Haus: Radsport, dass können wir doch nicht machen. Ein Radsportteam ist nach wie vor eine "Kommunikationsbestie". Daher gibt es auch genügend Mitbewerber um die Sponsorentöpfe die sich freuen, dass der Radsport so im Eimer ist. Sie haben nichts dagegen, dass auf diese Sportart weiter eingedroschen wird.

Programm steht im krassen Widerspruch

Wie kann man eine solche Einstellung ändern?
Die Kardinalsfrage ist: Wie kann das Thema im Bewusstsein der Öffentlichkeit ein Stück weit herunter gehängt werden. Man muss nicht aus jedem Dopingfall eine Existenzfrage der Sportart machen und nicht jeden Doper lebenslang an den Pranger stellen. Sicher ist ein Dopingvergehen Betrug. Sportbetrug, der geahndet werden muss. Von mir aus auch mit einer Sperre von vier Jahren. Aber man muss in der ach so ehrlichen Welt des Sport auch dazukommen, wenn die Betrüger ihre Strafe verbüßt haben, dass es dann auch gut ist.

Wie stehen Sie zum aktuellsten Fall, der Affäre um Tour-Sieger Alberto Contador und dem Verhalten des Radsport-Weltverbandes UCI?
Ich habe keine Primärinformationen, kann also nur den Konjunktiv benutzen. Aber sollte es wirklich so sein, dass es diesen Passus gibt, dass man sich mit einem Fahrer quasi auf kurzem Dienstweg auf einen Kuhhandel einlässt, der Fahrer sein Vergehen gesteht und dafür mit einer geringeren Strafe davon kommt, dann muss man mir noch erklären wie das mit dem WADA-Code vereinbar ist.

Was meinen Sie genau?
Grundsätzlich kann es nicht sein, dass die UCI das mit Abstand ambitionierteste Dopingkontrollprogramm fährt, aber bei einem großen Namen mit kleinen Mengen schweigt. Damals bei der Tour de France 2008, als die Franzosen die Test übernommen haben, haben sie zwei Fahrer aus meinem Team rausgezogen. Von der UCI habe ich trotz 120.000 Euro Kostenbeteiligung 2008 aber nicht einen Hinweis bekommen, dass es Probleme innerhalb der Mannschaft geben könnte. Das Antidoping-Programm der UCI steht auch in krassem Widerspruch zu Contadors freimütigen Äußerungen, man habe ihm von der UCI gesagt, dass das kein Dopingfall sei, sondern eine Anomalie. Man habe ihm auch signalisiert, dass er nicht an die Öffentlichkeit gehen soll und hat ihm mit dem Thema Nahrungsmittelverunreinigung gleich eine Erklärung geliefert. Das gibt einem natürlich zu denken. Wie einfältig kann man denn sein, zu glauben, einen positiven Test der A- und der B-Probe eines Alberto Contador verheimlichen zu können.

Die defensive Haltung der UCI in diesem Fall schadet dem Radsport doch wesentlich mehr, als wenn man offensiv mit dem Problem umgegangen wäre?
Natürlich. Wenn Contador eine positive Probe mit einem Stoff abgegeben hat, der nicht in den Körper hineingehört, dann ist das ohnehin schon ein Schaden für den Radsport. Und wenn er freigesprochen wird, dann hat Contador durch diese Vorgehensweise immensen Schaden genommen. Wenn man die Sache offensiv angegangen wäre und die Öffentlichkeit sofort informiert hätte, wäre dies vermutlich weniger schädlich gewesen.

"Das ist eine Illusion"

Bei dieser Thematik muss Tour-Chef Christian Prudhomme doch ziemlich angefressen sein?
Er steht natürlich in einem wahnsinnigen Zwiespalt. Auf der einen Seite hat er ein Unternehmen, das einen Wert darstellt, den er schützen muss. Auf der anderen Seite wird dieser Wert viel zu oft ignoriert und dieses Aushängeschild des Radsports beschädigt. Dass da der Spaß leidet, ist doch klar.

Der ehemalige Gerolsteiner und geständige Doper Bernhard Kohl hat gesagt, ein Toursieg ist ohne Doping unmöglich.
Ich befürchte niemand wird diese Frage jemals zweifelsfrei und juristisch einwandfrei beantworten können. Und die Idee, dass wenn keiner was nimmt, wir dann das gleiche Ergebnis haben werden, ist nur theoretisch richtig. In Wirklichkeit ist es doch so: Auch in der Situation, dass alle schwören nichts zu nehmen, wird es einen geben, der sich einen Vorteil verschafft. Es ist eine Illusion zu glauben, dass sich alle an einen solchen Ehrenkodex hielten. Es wird letztlich keinen dopingfreien Sport geben. Das einzige was man machen kann ist, zu diesen Problemen zu stehen.

Wie soll das gehen?
Man sollte nicht immer erzählen, wir haben das Problem gelöst oder wir haben eine neue Generation, die dieser Versuchung nicht erliegen wird. Ich habe auch immer erzählt und geglaubt, jetzt sind die Jungen dran. Und dann waren es doch auch die Jungen, die zu Dopingmitteln gegriffen. Es bringt auch nichts, fortwährend einen Neuanfang oder irgendwelche kommunikativen Patenlösungen zu propagieren. Bei einem normaleren Umgang käme man vielleicht auch in die Richtung, dass die Doper sagen "okay , ich habe Mist gebaut".

"Das wäre eine Freakshow"

Wäre die Freigabe eine Lösung?
Überhaupt nicht. Doping frei zugeben, hieße in letzter Konsequenz, dass man die Selbstzerstörung des Körpers freigibt. Doping ist – und da führt kein Weg dran vorbei - in unterschiedlichen Formen und unterschiedlichen Auswirkungen mit unterschiedlichen Folgen immer gesundheitsschädlich. Ob sie im Körper den Schmerz ausschalten, den Körper überlasten oder ihn in anderer Art manipulieren. Allein was Wachstumshormone bewirken können. So lange unsere Gesellschaft Sterbehilfe in Frage stellt und weiter, aus meiner Sicht richtige, humanistische Ziele verfolgt, kann man Doping nicht freigeben. Wenn wir es freigeben, dann sind wir in einer Freakshow und der sportliche Wert ist ganz weg.

Wann kapieren Radrennfahrer, dass Doping falsch ist?
Es gibt kein Kapieren. Man muss sich lösen von der Vorstellung, dass es auf ethischer Basis funktioniert. Das funktioniert in keinem Sport, weil es immer wieder die Möglichkeit gibt, sich durch Manipulation einen Vorteil zu verschaffen. Wir müssen mit dem Thema anders umgehen. Wir müssen davon ausgehen, dass es Manipulationen gibt, diese aber nicht relativieren und nicht akzeptieren. Aber wir werden uns in Deutschland mit diesem Thema arrangieren und dann haben wir – wie in vielen anderen Ländern auch – einen normalen und vernünftigen Zugang zum Radsport. Und wir sollten aufhören so zu tun, dass der Radsport die einzige Sportart ist, der man nicht trauen kann.

Ist es daher ein Vorteil, dass im kommenden Jahr kein deutsches Spitzenteam im Radsport gibt?
Auf gar keinen Fall. Es fehlt dadurch an einer Größe, die das Potenzial und die Talente abschöpft. Es fehlt die Perspektive. Aus diesem Grund ist es nicht gut, dass es in Deutschland kein Spitzenteam gibt. Je mehr der Spitzenfahrer oder das Spitzenteam fehlen, umso mehr geht die Präsenz in den Medien verloren. Dementsprechend sinkt der Wert des Returns für mögliche Sponsoren.

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