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"Blindes Verständnis" auf dem Golfplatz

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"Blindes Verständnis" auf dem Golfplatz

08.06.2011, 12:28 Uhr | t-online.de

. Der blinde Golfer Ivars Weide (r.) wird von seiner Frau unterstützt. (Foto: imago)

Der blinde Golfer Ivars Weide (r.) wird von seiner Frau unterstützt. (Foto: imago)

von Konstantin Muffert

Ivars Weide ist unter Zeitdruck. Es ist 9.45 Uhr, ein herrlicher Sommertag, sein Flight beginnt um 10.05 Uhr. "Normalerweise spiele ich mich immer 90 Minuten ein", sagt der 63-Jährige. Das ist heute nicht möglich, um 10.30 Uhr beginnt ein Turnier auf seinem Golfplatz. Die Anlage des GC Neuenhof-Unna gehört zu den "Leaders-Plätzen" in Deutschland, gilt als schwer zu spielen. Doch einen Golfplatz hat Ivars Weide noch nie gesehen: Er ist blind und hat dennoch erreicht, wovon viele Sportler träumen.

Der sehbehinderte Golfer wurde in seiner Klasse Europameister, nahm an zahlreichen Weltmeisterschaften teil und wurde von höchster Stelle regelrecht geadelt: "Dieser Mann ist für mich ein Wunder. Unvorstellbar, dass ein Blinder Handicap 18 spielt", gab einst Franz Beckenbauer seiner Bewunderung über den ehemaligen Eishockey-Nationalspieler Ausdruck.

Möglich ist das, weil Ehefrau Gaby mehr als nur ständige Begleiterin und sein Caddie ist. "Sie richtet mich aus, sagt mir, wie weit das Grün entfernt ist und wo die Bunker liegen", sagt Weide, der an diesem Tag in Unna neun Löcher spielen will. Zum Auftakt gelingt ihm an Loch eins ein guter Abschlag, trotzdem landet der Ball im Bunker: "Da raus zu spielen, ist der schwierigste Schlag für mich, weil ich nicht richtig Kontakt habe." Im Gegensatz zu vielen Sehenden hat Ivars Weide keine Angst vor den Anordnungen auf den Golfplätzen. "Ich sehe das ganze Theater nicht, und wenn der Ball in den Büschen landet, dann ist das eben so", erzählt er schmunzelnd. Loch eins beendet er mit einem Bogey und ist zufrieden.

Bruch der Wirbelsäule führt zu Sportinvalidität

Ivars Weide hat sein Augenlicht durch eine erbbedingte Krankheit verloren: Retinitis Pigmentosa. Dabei stirbt die Netzhaut ab, übrig bleibt ein Sehrest, der als "Tunnelblick oder Röhrengesichtsfeld" bezeichnet wird. "Ich sehe nur noch einen hellen Punkt", sagt Weide, "aber der ist mir sehr wichtig." Dass er erblinden würde, erfuhr Weide als 21-Jähriger. "Ich spielte mit Krefeld gegen Mannheim, lag vorm Tor auf dem Boden und bekam einen Tritt ins Gesicht. Na ja, von den Empfindungen her war es nichts Außergewöhnliches. Das wurde es erst an der Bande, als der Sanitäter rief, 'wann kommt endlich der Unfallwagen, der verblutet mir ja'.“

Weide hatte eine Kufe ins Auge bekommen, bei den anschließenden Untersuchungen wurde Retinitis Pigmentosa festgestellt. Die Prognose lautete: Keine Chance auf Heilung, die Krankheit wird zur Blindheit führen. Wie lange dieser Prozess dauern würde, das konnte niemand genau sagen. "Deshalb habe ich auch weiter gespielt. Mein Vater war Spieler und später Trainer, ich bin mit dem Sport groß geworden und habe für den Sport gelebt.“ Drei Jahre später musste der Stürmer seine Karriere beenden. Bei einem Sturz in die Bande erlitt Weide Brüche der Rückenwirbel, die ihn zum Sportinvaliden machten.

Erfolgreiche Karriere abseits des Sports

"Ich lag drei Monate im Krankenhaus und habe dort viel gesehen. Ich habe immer noch dieses Bild vor Augen: Ein Taubstummer, der in eine Ladeluke eines Schiffes gefallen war und sich den Halswirbel gebrochen hatte. Er war taubstumm und querschnittsgelähmt. Da hat sich meine Einstellung drastisch geändert. Dass ich Sportinvalide geworden bin, hat mich nicht sonderlich getroffen. Ich war froh, dass ich laufen konnte."  Weide startete eine berufliche Karriere, wurde Geschäftsführer verschiedener Unternehmen und verhalf der Eissporthalle in Unna durch Veranstaltungen wie Eishockey-Länderspiele zu überregionaler Bekanntheit. Doch die Krankheit schritt immer weiter voran, mit 45 Jahren quittierte Weide seinen Job.

Bedenkenträger als besondere Motivatoren

Zum Golfsport hatte er bis dahin überhaupt keinen Zugang. "Golf galt für meine Frau und mich als die teuerste Art spazieren zu gehen. Allerdings hatten ein paar Bekannte damit angefangen, und die waren hellauf begeistert." Sein Tennislehrer machte Golf zum Thema. Von der Seite der Augenärzte kamen damals Bedenken, doch das ließ Weides Motivation nur größer werden. "Ich hab mir nur gedacht, jetzt erst recht." Wer den Rentner heute auf dem Golfplatz erlebt, kann kaum glauben, dass dieser Mann optisch nichts wahrnehmen kann. An Loch drei muss der Ball über hohe Laubbäume geschlagen werden. "Sehende Golfer haben davor schon mal Manschetten", grinst Ehefrau Gaby, "Ivars eben nicht."

Mit Instinkt und Geduld zum Erfolg

Sein Schlag glückt. "Relativ gerade mit leichter Nase", sagt Gaby. Mit leichter Nase? "Ivars und ich haben lange überlegt, wie wir die Feinheiten beschreiben. Vor allem beim Putten ist das wichtig, wenn ich versuche, ihm zu sagen, wie er den Ball spielen soll. Mit links und rechts kommt man schnell durcheinander, weil man ja unterschiedlich steht. Irgendwann kamen wir auf Nase, weil die immer nach vorne zeigt. Und auf Popo. Der ist nun mal hinten." Klingt für den Betrachter komisch, klappt bei den Weides aber meistens hervorragend.

Das war nicht immer so. "Anfangs hab ich den Ball natürlich nicht sofort getroffen, und bin auf dem Platz häufig gegen Bäume gelaufen“, erinnert sich Weide. Ein ehemaliger Eishockey-Kamerad fragte ihn, wie er blind Golf spielen könne? "Da hab ich nur gesagt, Erwin, wie war das denn früher? Hast du auf dem Eis immer hingeguckt, wenn du aufs Tor geschossen hast? Nee. Hast du gewusst, wo das Tor war? Nee. Und, wie hast du es gemacht? Instinktiv. Siehst du, so mach’ ich das jetzt auch."

Kampf gegen Vorurteile

Weide musste viele oberflächliche Sprüche ertragen. "Natürlich haben wir häufiger so etwas wie 'was will der denn hier' murmeln gehört." Selbst prominente Hobby-Golfer wollten ihren Augen nicht trauen. "Der ehemalige Boxer Axel Schulz hat uns bei einem Charity-Turnier mal gefragt, was wir eigentlich auf dem Platz machen. Das sehe merkwürdig aus, wie meine Frau und ich miteinander umgehen", erzählt Weide, "und als ich ihm gesagt habe, dass ich blind bin, wollte er uns das nicht glauben. Vor allem nicht, als er meinen Abschlag gesehen hat. Axel war aber sehr nett und hat sich am Ende fast entschuldigen wollen."

Seinen Trainer ärgert diese Oberflächlichkeit: "Ivars ist ein fantastischer Botschafter für diesen Sport und ich freue mich besonders, wenn er gegen Leute gewinnt, die denken, sein Spiel hat nichts mit Golf zu tun. Ivars spielt besser als 80 Prozent der sehenden Golfer. Er hat viel Ehrgeiz, sicherlich auch durch das Eishockey, und hat ein großes Herz," sagt Michael Elliot und schätzt besonders die Emotionalität seines Schützlings: "Außerdem kann er sich immer noch wie ein kleines Kind freuen. Manchmal ist er auch sauer auf sich selbst, wenn er nicht die Leistung bringen kann, zu der er fähig ist. Aber - auch ein Tiger Woods spielt nicht immer das, was er kann."   

Weide: "Golfsport ist Therapie"

An diesem Tag spielt Ivars Weide sehr gut, ist mit sich zufrieden und gibt an Loch neun noch eine besondere Kostprobe beim Putt. Doch ausgerechnet am letzten Loch sind sich Ivars und Gaby nicht einig. Der Ball liegt elf Schritte vom Loch entfernt, Gaby möchte, dass Ivars den Ball auf die Mitte spielt. "Nein", widerspricht Ivars energisch, "ich möchte ihn leicht nach links spielen, dann geht der Ball nach rechts ins Loch." Es wird diskutiert, Gaby beugt sich der Meinung ihres Mannes, klopft mit der Stange gegen das Loch, um seine Orientierung noch zu verbessern. Ivars schlägt, und der Ball rollt mit einer leichten Linkskurve direkt ins Loch. Gaby staunt. Wie hat er das gemacht, steht ihr ins Gesicht geschrieben. "Ich merke über meine Füße, wenn der Boden wegbricht und ich spüre das Gefälle. Deswegen habe ich den Ball leicht nach links gespielt.“

Weide ist zufrieden. Die Turnierspieler hinter ihm hat er auf Distanz gehalten. "Dieser Sport ist wie eine Therapie. Golf bedeutet Freiheit für mich. Auf dem Platz kann Gaby mich auch mal laufen lassen, ich kann hinterher dackeln, ohne Angst haben zu müssen, dass ich abhanden komme."

Dabei sein ist alles

Ivars Weide ist Mitglied der Nationalmannschaft, der sportliche Erfolg steht für ihn jedoch nicht im Vordergrund. "Ich habe in vielen Länder der Welt gespielt. In Australien, Thailand, England, Irland und Japan. Dafür habe ich früher fast täglich trainiert, nicht nur auf dem Platz, sondern auch zu Hause. Der sportliche Erfolg war aber für mich nie ausschlaggebend. Wichtig war, dass ich wieder dazu gehöre. Dass ich Anschluss an die sportliche Gesellschaft gehalten habe. Ich habe mich über gute Ergebnisse gefreut, mich aber nie geärgert, wenn ich mal Dritter geworden bin."

Mittlerweile ist es ihm wichtiger, die Begeisterung für den Golfsport weiterzugeben. So trainierte er bereits blinde Schüler und Studenten, vor wenigen Wochen wurde ein Baumarkt Schauplatz einer besonderen Verabredung: "Eine Frau sprach mich an und fragte mich, ob ich der blinde Golfer aus Unna sei. Sie erzählte mir von ihrem Mann, der nach einem Schlaganfall zu nichts mehr Lust habe und schwer zu motivieren sei, überhaupt das Haus zu verlassen." Weide lud das Paar zum Golfen ein. Mit Hilfe eines befreundeten Golfers brachte er dem Schlaganfall-Patienten das kleine Golf-ABC bei. "Ihm hat’s Spaß gemacht, mir auch. Und seine Frau ist sehr glücklich, weil wir etwas gefunden haben, was ihrem Mann weiterhelfen kann. Das bedeutet mir auch viel“, so Weide.  

Engagement aus Dankbarkeit

Auch abseits des Golfplatzes engagiert sich Weide. Seit zwei Jahren ist der blinde Sportler Jugendschöffe am Amtsgericht Unna. "Ich werde nicht von Äußerlichkeiten beeinflusst, aber ich kann erkennen, ob jemand gut drauf oder nervös ist“, sagt Weide. Seine Motive decken sich mit denen auf dem Golfplatz: "Ich will der Gesellschaft ein Stück zurückgeben von dem, was mir die Menschen in all den Jahren an Zuwendung und Hilfe geschenkt haben." Und dabei steht Ivars Weide nicht unter Zeitdruck - sondern fühlt sich richtig wohl.

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