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Daniel Simon: "Vorne reinstoßen und eine Medaille gewinnen"

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Behindertensport  

"Die Platzierung ist für mich zweitrangig"

26.04.2011, 10:37 Uhr | t-online.de

Daniel Simon: "Vorne reinstoßen und eine Medaille gewinnen". Für Daniel Simon steht Gewinnen nicht an erster Stelle. (Foto: Daniel Simon)

Für Daniel Simon steht Gewinnen nicht an erster Stelle. (Foto: Daniel Simon)

Das Interview führte Markus Polak

Weltmeister, Weltrekordhalter, Deutscher Meister, Paralympics-Teilnehmer: Der Darmstädter Daniel Simon hat mit seinen 22 Jahren schon eine ganze Menge erreicht. Erst vor rund drei Wochen holte der junge Deutsche bei den Weltmeisterschaften der sehbehinderten Schwimmer in der Türkei in sechs Rennen sechs Medaillen. Darunter zwei goldene.

Im Interview mit t-online.de spricht Simon über seinen "Nebenjob" Schwimmen, die bevorstehenden Internationalen Deutschen Meisterschaften in Berlin und die Paralympics 2012 in London.

Herr Simon, wie muss man sich Ihre Sehbehinderung vorstellen?

Grundsätzlich sehe ich Farben, aber keine Details, eher Konturen und grobe Umrisse. Ich kann beispielsweise keine Schilder lesen. Wenn ich nicht in vertrauter Umgebung unterwegs bin, fällt es mir deshalb etwas schwer, mich zu orientieren.

Wie sehr behindert Sie dieses Handicap im Alltag?

Ich bin es nicht anders gewohnt, deshalb komme ich einigermaßen gut damit zurecht. Es gibt mittlerweile zwar viele technische Hilfsmittel, aber ich sehe nur noch fünf Prozent auf jedem Auge und das macht es gerade dann schwierig, wenn ich etwas suche. Da brauche ich dann doch länger oder muss gleich jemanden um Hilfe fragen.

Haben Sie schon immer so schlecht gesehen?

Vor der Pubertät hatte ich noch circa 15 Prozent Sehkraft. Die hat dann immer mehr abgenommen. Die Ärzte sagen aber, dass es wohl nicht mehr schlechter wird.

Wie sind Sie zum Schwimmen gekommen?

Ich habe früher Fußball gespielt, habe damit dann aber aufgehört und bin über Freunde zum Triathlon gekommen. Diesen Sport habe ich von meinem elften bis zu meinem 15. Lebensjahr ausgeübt und bin hier auch erstmals mit dem Schwimmen in Kontakt gekommen. Allerdings war ich da nur ein bis zwei Mal pro Woche im Wasser.

Was hat letztlich den Ausschlag fürs Schwimmen und gegen Radfahren oder Laufen gegeben?

Ich war während meiner Schulzeit in einer Betreuung für sehbehinderte Schüler und meine dortige Lehrerin hat mir vorgeschlagen, dass ich mich doch mal im Behindertensport betätigen solle. Das Schwimmen war für mich auch aufgrund meiner Behinderung das Naheliegendste. 2004 habe ich an meinen ersten Hessischen Meisterschaften teilgenommen und bin in meiner Altersklasse auf Anhieb sechsfacher Hessischer Meister geworden. Und das, obwohl ich das Schwimmen nicht spezifisch trainiert hatte. Da war dann klar, dass ich beim Schwimmen bleibe.

Wie oft trainieren Sie derzeit?

Momentan bin ich zehn Mal die Woche im Wasser. Morgens um sieben Uhr fangen wir an und machen zunächst 30 Minuten allgemeine Athletik. Danach geht es für zwei bis zweieinhalb Stunden ins Wasser, ehe jeder in die Uni oder die Schule geht. Um 15.30 Uhr treffen wir uns dann wieder zum gemeinsamen Training. Dieses gliedert sich in eine Stunde Krafttraining und zwei Stunden im Wasser. In einem 2,5-Tage-Rhythmus wird so von Montag bis Samstag trainiert. Der Sonntag ist frei.

Wie bereiten Sie sich gezielt auf Wettkämpfe vor?

Mit der unmittelbaren Wettkampfvorbereitung startet die heiße Phase. Diese beginnt in der Regel rund zwei Wochen vor dem jeweiligen Wettkampf. In dieser Zeit schwimmen wir anfangs noch längere Serien mit geringerer Intensität und steigern uns dann in immer kürzere Serien mit hoher Intensität. Die letzten drei bis vier Tage springen wir nur noch kurz ins Becken, schwimmen uns ein, um ein gutes Gefühl zu bekommen und nach ein paar kurzen Sprints geht’s auch schon wieder ans Ausschwimmen.

Am Donnerstag starten die Internationalen Deutschen Meisterschaften in Berlin. Auf welchen Strecken starten Sie und was haben Sie sich vorgenommen?

Ich starte über 100 Meter Schmetterling, 200 Meter Lagen, 50 Meter Brust, 400 Meter Freistil, 50 Meter Freistil und 100 Meter Freistil. Die Platzierung ist für mich zweitrangig. Für mich geht es um die Qualifikation für die Europameisterschaft im Juli. Deshalb versuche ich in erster Linie meine Zeiten zu bringen, bin aber sehr optimistisch, dass das klappt.

Welche sind Ihre Paradestrecken?

Momentan konzentriere ich mich auf die 50 und 100 Meter Freistil. Hinzu kommen die 100 Meter  Schmetterling.

Warum liegen Ihnen genau diese Strecken?

Freistil ist die Lage, die mir technisch ganz gut liegt. Hier gibt es aber auch die größte Konkurrenz. Momentan trainieren wir diese Technik sehr intensiv, auch schon im Hinblick auf die Paralympics in London 2012. Für Schmetterling habe ich wohl einfach ein gewisses Talent.

Wie finanzieren Sie Ihre Reisen zu Welt- und Europameisterschaften, Ihre Ausrüstung, Ihr Training?

Die Reisen zu den großen Wettkämpfen – also Welt- und Europameisterschaften – werden vom deutschen Verband getragen. Trainingslager müssen wir meist selbst bezahlen, werden aber von den verschiedenen Sportstiftungen gefördert. Sprich von der Deutschen Sporthilfe oder wie in meinem Fall auch von der Sportstiftung Hessen. Momentan kann ich von diesen Geldern leben und auch alles bezahlen, was ich brauche. Außerdem habe ich einen Schwimmausrüster, der mir meine Wettkampfhosen kostenlos zur Verfügung stellt.

Könnten Sie Ihren Sport auch als Profi ausüben?

In Deutschland eher nicht. Es gibt Länder, in denen das funktioniert: Brasilien, USA, Kanada, Großbritannien. Da gibt es spezielle Fördersysteme, in denen die behinderten mit den nicht behinderten Sportlern gleichgestellt sind. Gerade im Hinblick auf die Finanzierung. In Deutschland ist da auf Dauer nicht genug Geld da. Wir können zwar alle davon leben, solange wir den Sport betreiben, müssen aber auch gleichzeitig zusehen, dass wir ein Studium oder eine Ausbildung abschließen, um so ein zweites Standbein für das Leben nach dem Sport zu haben. Im Prinzip muss man sich das momentan so vorstellen, als würde ich mir mit dem "Nebenjob" Schwimmen das Studium und mein Leben finanzieren.

Was war Ihr bisher größter sportlicher Erfolg?

Mein persönliches Highlight war die Kurzbahn-Weltmeisterschaft 2009. Ich habe mich mit meinem damaligen Trainer sehr akribisch darauf vorbereitet. Fünf Wochen vorher waren noch die Europameisterschaften auf der Langbahn. Die habe ich quasi im Vorbeigehen mitgenommen und hatte schon langsam Angst, dass das mit der WM nicht hinhaut, da die Leistungskurve nach einem großen Wettkampf meistens doch nochmal rapide nach unten geht. Ich habe meinem Trainer dann aber hundertprozentig vertraut und er hat das perfekt hinbekommen. Ich habe mich einfach super gefühlt, die Zeiten waren gut und die Platzierungen somit auch. Ich wurde Weltmeister über 50 Meter Freistil und Vize-Weltmeister über 100 Meter Schmetterling und 100 Meter Rücken.

Im nächsten Jahr steht mit den Paralympics ein sportliches Großereignis auf dem Programm. Wie sind Ihre Chancen auf eine Teilnahme an den Spielen 2012 in London?

Da ich vor einem Jahr nach Berlin gewechselt bin, um mich weiter zu steigern, denke ich, dass ich nächstes Jahr auf einem noch besseren Level schwimmen kann. Mein Ziel ist natürlich, dabei zu sein, und vielleicht kann ich ja auch ganz vorne reinstoßen und eine Medaille gewinnen.

Wie beurteilen Sie die Entwicklung des Behindertensports in Deutschland?

Insgesamt ist die Entwicklung der letzten Jahre sehr positiv. Die Medienpräsenz hat deutlich zugenommen. Als ich damals mit dem Schwimmen angefangen habe, konnte man quasi nicht von einer Medienpräsenz sprechen. Wir hatten 2004 bei den Paralympics gerade mal eine Stunde Übertragungszeit pro Tag und in Peking 2008 waren es schon sechs bis acht Stunden. Das ist doch eine recht ordentliche Steigerung. Ich selbst merke das gesteigerte Interesse an den zunehmenden Interviewanfragen. Allerdings glaube ich, dass das Ende der Fahnenstange damit langsam erreicht ist. Wir Behindertensportler betreiben nach wie vor eine Randsportart.

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