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Grillschwein und Schießereien: Tailgatepartys beim American Football

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Tailgating - so feiern die Fans im American Football

29.09.2011, 14:17 Uhr | Spiegel Online

Stadionkultur der amerikanischen Art: Tailgating bei den Dallas Cowboys. (Quelle: imago) Stadionkultur der amerikanischen Art: Tailgating bei den Dallas Cowboys.Von Heiko Oldörp, Boston

Hier wird der Parkplatz zur Festmeile: Vor und nach den Spielen amüsieren sich amerikanische Football-Fans beim "Tailgating". In den allermeisten Fällen geht es rund um die Stadien friedlich zu, in San Francisco kam es aber nun zu einer Schießerei mit zwei Verletzten. Die Vereine verdienen an den Feiern - um die Folgen kümmern sie sich nicht.

Paul Simister hebt den Deckel seines Kochtopfes an und rührt den Clam Chowder noch einmal kräftig um. Fast 20 Liter der Muschelsuppe hat der 55-Jährige am Sonntagvormittag gekocht. Im Topf links daneben garen Maiskolben, auf dem Gasgrill im Hintergrund brutzeln Burger. "Wir können gleich essen", ruft Simister seiner Familie und den Freunden zu.

Gegessen wird jedoch nicht daheim, sondern auf dem Nordparkplatz der Arena von Foxborough. Dort beginnt in zwei Stunden das Heimspiel der New England Patriots gegen die San Diego Chargers. Doch für Simister und die mehreren tausend Fans um ihn herum fängt so ein Football-Match bereits immer rund drei Stunden vorher auf dem Parkplatz an.

Dann ist "Tailgate-Time". So heilig dem deutschen Fußball-Fan vor den Spielen die Bratwurst und das Kneipenbier sind, so traditionsbewusst schwört der Amerikaner vor dem Football-Match auf Burger und Bier. "Tailgating besteht aus Essen und Alkohol. Du kannst nicht zum Football gehen und nicht tailgaten, das geht einfach nicht", betont Simisters Sohn, Paul Junior und mixt sich einen Mojito-Mint-Cocktail.

Auf dem gesamten Parkplatz herrscht eine friedliche, familiäre Atmosphäre. Väter und Söhne werfen sich Footbälle zu, Fans sitzen in ihren Campingstühlen. Auf den unzähligen Grills hinter fast jedem Auto oder Pick-up-Truck brutzelt es, der aufsteigende Rauch wird vom lauen Spätsommerwind über das weite Areal getragen.

Parkplatz-Schießerei im August

Doch so idyllisch ist es nicht immer bei NFL-Partien. Am 20. August kam es nach dem Testspiel zwischen den rivalisierenden San Francisco 49ers und den Oakland Raiders auf dem Parkplatz zu einer Schießerei, bei der zwei Personen verletzt wurden. Ein 24-jähriger Raiders-Fan wurde mehrfach in den Bauch geschossen. Zudem wurde ein Mann auf einer Stadiontoilette bewusstlos geschlagen. Insgesamt hat es an jenem Samstag 70 Stadionverweise und ein Dutzend Festnahmen gegeben. Die Bürgermeister beider Städte reagierten entsetzt, die NFL kündigte eingehende Untersuchungen an.

Paul Simister hat von den Vorfällen gehört. Schrecklich sei das, "einfach schrecklich." Er kommt mit seiner Familie seit 15 Jahren zu den Patriots-Heimspielen. Noch nie habe er hier eine Schlägerei oder Pöbeleien erlebt, betont er. "Wenn jemand stänkern würde, würden wir uns einen anderen Platz fürs Tailgating suchen", sagt sein Sohn.

In San Francisco hat der Verein auf die Randale reagiert und der NFL empfohlen, künftig auf das alljährliche Testspiel gegen Oakland zu verzichten. Zudem ist ab sofort das Tailgating nach Spielbeginn verboten. Experten haben erkannt, dass dieses Stück amerikanischer Tradition, deren Wurzeln bis ins Jahr 1904 zu den Football-Spielen der Yale-Universität zurückreichen, mitunter Leute anlockt, denen der Sport gleichgültig ist.

"Einige Fans können sich die teuren Tickets nicht leisten. Um dennoch dieses Fan-Gefühl erleben zu können, tailgaten sie, feiern und trinken das gesamte Spiel über auf dem Parkplatz", sagt Ken Reed von der "Ralph Nader League of Fans", einem Reformprojekt zur Förderung von ziviler und sozialer Verantwortung im Sport. Reed glaubt, dass "einige dieser Vorfälle auf den Parkplätzen mit Leuten zu tun haben, die gar nicht zum Spiel gegangen sind."

Im Schnitt pro NFL-Partie drei Personen verhaftet

Denn es fließt reichlich Hochprozentiges. Bei Paul Simister stehen neben diversen Biersorten und Wein auch Tequila und Whisky zur Auswahl. Während es für gewöhnlich nicht erlaubt ist, Alkohol in der amerikanischen Öffentlichkeit zu konsumieren, wird beim Tailgating reichlich Bier und Schnaps getrunken. Somit steigt oftmals die Aggressivität und die Hemmschwelle sinkt. Vergangene Saison wurden im Schnitt pro NFL-Partie drei Personen verhaftet und 25 des Stadions verwiesen.

Die Vereine verdienen durch den Alkoholausschank in den Arenen knapp eine Million Dollar pro Jahr. Das Tailgating spült durch Verkauf von Parkplatz-Tickets rund 500.000 Dollar in die Kassen. Reed sieht hierin ein "Spiel mit dem Feuer" für die Vereinsbesitzer. "Sie wollen Gewinn mit Alkohol machen, aber andererseits nicht für die Folgen verantwortlich sein, die Alkohol auf ihre Kunden hat."

NFL-Commissioner Roger Goodell hat 2008 einen Verhaltenskodex für die Fans eingeführt. Eine nicht ausreichende Maßnahme, wie der bei der NFL für Sicherheitsstrategien zuständige Jeffrey Miller einräumt: "Das war ein klares Zeichen, dass wir mehr tun müssen und mehr tun werden."

Beim 35:21-Sieg der Patriots ist es ruhig geblieben. Paul Simister sitzt eine Stunde nach Spielende mit den Seinigen wieder vor seinem Auto. Auf dem Grill brutzeln jetzt Fleisch- und Fisch-Spieße - auch das Abendessen gibt es auf dem Parkplatz. Und auf die drei Touchdowns der Patriots werden jeweils drei Tequila getrunken. Das, so Simister, sei seit 1996 Familientradition.

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