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Wimbledon: Ort der Traditionen

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Traditionen auf dem heiligen Rasen in Wimbledon

06.07.2012, 08:00 Uhr | t-online.de

Wimbledon: Ort der Traditionen. Der besondere Körperschmuck der Karolina Pliskova zieht viele Blicke auf sich. (Quelle: imago)

Der besondere Körperschmuck der Karolina Pliskova zieht viele Blicke auf sich. (Quelle: imago)

Eine Kolumne von Marc L. Merten

Über die pulsierenden Straßen und mystischen Gassen Londons legt sich nach 23 Uhr wie von Geisterhand eine gespenstische Ruhe. Die Sperrstunde hat eingesetzt. Und obwohl in einigen altehrwürdigen Pubs auch weiterhin die Pints über die holzvertäfelten Theken gereicht werden – immerhin wurde die Sperrstunde 2005 zumindest offiziell aufgehoben – fühlen sich die Townsmen Londons ihren ureigenen Riten und Brauchtümern noch immer eng verbunden. Ganz gleich, ob der Bartender tatsächlich um 11 pm. die Glocke am Tresen läutet oder nicht: Der Brite spürt, wenn es Zeit ist zu gehen. Ihm ist diese Uhrzeit in die Wiege gelegt worden.

So zu spüren auch dieser Tage an der Church Road im Südwesten Londons. Dort, wo sich die Wimbledon Park Road Richtung High Street schlängelt, ging um 23.01 Uhr ein Raunen durch die anwesenden 14.000 Zuschauer. Denn noch immer spielten zu ihren Füßen, auf dem heiligen Rasen der All England Lawn Tennis Championships, Andy Murray und Marcos Baghdatis um den Einzug ins Achtelfinale. Doch zwei Minuten später war die Partie vorbei, der Schotte Murray hatte gewonnen. Und die Polizei und die lokalen Behörden des Distrikts Merton hatten ein Einsehen. Sie sahen über die Verletzung der Etikette hinweg. Nein, wegen des Erfolgs eines echten Briten in Wimbledon würden sie den Veranstaltern nachträglich keinen Ärger machen.

Feiner Stoff, acht Millimeter und die Venus Rosewater Dish

Doch es sind gerade solche Sitten, die aus dem dritten Grand-Slam-Turnier des Jahres ein extravagantes, mitunter ridiküles Schauspiel des Tennissports machen. Ganz in weiß gekleidete Spieler – nur in Wimbledon findet die alte Regelung noch Anwendung, dass 90 Prozent des getragenen Stoffes blütenweiß sein muss – betreten bedächtig und unter den strengen Augen der traditionsbewussten Fans den Rasen. Wer sich in diesem Bild nicht wohl fühlt, der bleibt daheim. So wie zwischen 1988 und 1991 kein Geringerer als Andre Agassi. In den damaligen Tagen galt der spätere Wimbledon-Sieger noch als Paradiesvogel. Als Rebell. Und damit als nicht gern gesehener Gast auf dem außergewöhnlichsten Untergrund, auf dem je die gelbe Filzkugel gespielt wurde.

Das satte Grün wird übrigens täglich gepflegt, die Halme exakt auf acht Millimeter gestutzt. Ob dies auch schon vor 135 Jahren der Fall war, ist nicht überliefert. Dem Briten und seiner Liebe zur Gartenpflege ist es jedoch zuzutrauen. Seit der ersten Austragung im Jahre 1877 hat sich das Turnier in seinem Mikrokosmos eingenistet. Zunächst traten nur die „Gentlemen“ an, sieben Jahre später griffen auch die „Ladies“ zum Schläger, ab 1910 durften sich auch ausländische Profis um Ruhm, Ehre, Preisgeld und Pokale bewerben. Zu Beginn ging es um einen Pokal im Wert von damals überaus begehrenswerten 25 Pfund. Heute sind die beiden Trophäen legendär, der „Challenge Cup“ der Gentlemen ebenso wie die als Salatschüssel verunglimpfte „Venus Rosewater Dish“ der Ladies, in der einst Steffi Graf schon werbewirksam Spaghetti servierte.

Britisches Understatement, die Krone und der Friedhof

Auch die Preisgelder haben mittlerweile sagenhaft Sphären erreicht. Insgesamt schütten die Veranstalter 2012 über 16 Millionen Pfund aus. Wer jedoch glaubt, das britische Understatement habe sich spätestens an diesem Punkt überlebt, der irrt. Man müsste meinen, dass solche Summen nur durch immense Sponsoren-Beträge zustande kommen können. Doch große Werbeflächen sucht man auf dem Gelände vergeblich – die Farben grün-lila dominieren allenthalben, einzig das Logo einer Luxusuhrenmarke, passenderweise eine Krone, ergänzt in goldenem Ton das makellose Bild des traditionsreichen Clubs.

Mögen Sponsoren unerwünscht sein und der Schutz dieses ungewöhnlichen Erbes den Veranstalter Jahr für Jahr Millionen kosten, haben gleichwohl andere Preise mehr als nur die reguläre Inflation durchlaufen. Kostete ein Ticket im 19. Jahrhundert noch 25 Pennies, campen heute Hartgesottene vor den Toren des All England Tennis und Croquet Club, um am nächsten Morgen bis zu 120 Pfund pro Ticket an den Box Offices zu zahlen. Den Glücklichen öffnen sich sodann die Pforten zu einer Welt, in der die Gladiatoren in der Arena noch immer einen Knicks oder eine Verbeugung vor der königlichen Loge machen – manche dabei so nervös sind, dass sie es vergessen oder gleich zweimal grüßen -, in der Queen Elisabeth II. bereits Siegerehrungen vorgenommen hat und in der ein Court aufgrund seiner vielen Favoritenstürze nur noch „The Graveyard“ (Friedhof, Court No. 2) genannt wird.

König George V., die Bügelfalte und ein Tabu-Bruch

In dieser Welt leben die Fans für einen oder mehrere Tage, ergötzen sich an Rasentennis und dem illustren Showlauf der Very Important Person aus aller Welt und gönnen sich als Höhepunkt eines jeden Tages die wohl bekannteste Mahlzeit des Events: Strawberries & Cream. Einer Legende zufolge soll König George V. diese Tradition begründet haben. Eine durchaus einträgliche, möchte man meinen mit Blick auf die durchschnittlich pro Jahr verzehrten 1,6 Millionen bzw. 28.000 Kilogramm Erdbeeren und 7000 Liter Sahne. Wimbledon wäre aber nicht Wimbledon, wenn selbst die Ausgabe dieser edlen, roten Früchte dem Zufall überlassen würde. Jede „Wimbledon-Erdbeere“ ist genormt, jede einzelne Frucht darf nur zwischen zwölf und 13 Gramm wiegen. Zehn Erdbeeren kosten 2,50 Pfund.

Besonders die regelmäßigen Regenpausen – immerhin sind wir in Großbritannien – geben den Besuchern die Chance, ihre kostbaren Früchte in aller Ruhe zu genießen. Man möchte ihnen wünschen, dass sie sich dabei nicht verschlucken. Denn trotz aller Regeln, Konventionen und Traditionen, trotz britischem Understatement und in die Wiege gelegter Etikette, blitzt hier und da doch die Moderne durch. Schuld daran sind die weißen Gewänder der sportlichen Hauptdarsteller, die im Laufe der Zeit nicht nur die Bügelfalte in der Hose eingebüßt, sondern auch deutlich an Länge verloren haben. Längst tragen gerade junge Spielerinnen und Spieler pittoreske Malereien zur Schau, die ihnen die Künstler des 21. Jahrhunderts auf die Haut gezaubert haben und worüber die Wimbledon-Traditionalisten eher die Nase rümpfen: Tattoos.


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