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Sportökonom: Veränderung der Olympischen Spiele notwendig

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Olympia  

Sportökonom: "IOC muss sich Bewerberstädten anpassen"

08.07.2014, 13:38 Uhr | dpa

Sportökonom: Veränderung der Olympischen Spiele notwendig. Wolfgang Maennig ist Professor an der Fakultät Wirtschafts- und Sozialwissenschaften der Universität Hamburg.

Wolfgang Maennig ist Professor an der Fakultät Wirtschafts- und Sozialwissenschaften der Universität Hamburg. Foto: Maurizio Gambarini. (Quelle: dpa)

Lausanne (dpa) - Der Sportökonom Wolfgang Maennig hält eine umfassende Veränderung der gigantischer gewordenen Olympischen Spiele für notwendig.

"Es könnte wieder die Zeit für eine neue Ära kommen", sagte er in einem Interview der Nachrichtenagentur dpa. Mit dem "Größer, Mehr und Gleichförmiger" komme man nicht mehr weiter und finde immer weniger Olympia-Bewerber aus "offenen transparenten Gesellschaften".

München ist mit der Olympia-Bewerbung gescheitert, weil die Bürger in der Region dagegen waren. Warum erregen solche Großprojekte soviel Ablehnung - auch in anderen Ländern?

Wolfgang Maennig: Dies hat sicherlich viele Ursachen, und eine genaue Analyse ist meines Wissens noch nicht vorgenommen worden. Insgesamt dürfte es fair sein zu sagen, dass die meisten Menschen der Meinung waren, dass die Nutzen aus Olympia für sie und ihre Region kleiner sind als der mögliche Aufwand. Warum das so ist? Zunächst: vielleicht haben die Menschen mit ihrer Einschätzung recht, vielleicht unterliegen sie aber aufgrund geänderter Informationshoheiten im Internet-Zeitalter einer verzerrtem Wahrnehmung. Zudem mag es ein Status Quo-Denken geben. Wesentlich scheint mir zu sein: Es scheint in größeren Milieus ein ganz fundamentales Misstrauen gegen die Eliten in Politik, Verwaltung, Banken und Sport oder in der akademischen Welt zu geben. Das heißt: „Von oben“ kann kommen, was will. Aus diesem und anderen Gründen ist heute wachsenden Milieus Partizipationsgerechtigkeit so wichtig wie Gleichheit vor dem Gesetz oder Chancengleichheit.

Berlin und Hamburg haben trotz des Scheiterns von München ihr Interesse bekundet, sich für die Olympischen Sommerspiele 2024 zu bewerben. Was müssten diese Städte anders machen, was kann man aus München lernen und wie kann man die Bevölkerung mitnehmen?

Maennig: Die Eliten in Sport und Politik haben eine Olympia-Bewerbung in München entwickelt und erst am Ende die Bevölkerung befragt. Das ist schief gelaufen. Ich würde es heute anders machen, nämlich vorher einen Partizipationsprozess initiieren und auch die kritischen Milieus befragen: Wie müsste eine Olympia-Bewerbung aussehen, damit ihr dafür seid? Ich bin sicher, da kämen Ideen, auf die diejenigen, die sich seit Jahren damit beschäftigen, nicht gekommen wären.

Glauben Sie, das dies Berlin und Hamburg tun würden?

Maennig: Hamburg und Berlin werden den Fragebogen des DOSB ausfüllen und der DOSB entscheidet, mit welcher Stadt er die Bewerbung angeht. Ich halte den Ansatz des DOSB wegen der Zeitrestriktion für richtig, aber nicht ganz ideal. In diesen beiden Städten, in denen es ein riesiges kritisches Milieu gibt, wäre ein „bottom-up“-Ideenwettbewerb der beiden städtischen Bevölkerungen besser gewesen. Ein spannender Prozess, aus dem der DOSB auch hätte ablesen können, wie groß der Nachhall in den beiden Städten ist. Erst der Fragebogen, dann das Konzept und am Ende die Befragung der Bevölkerung: Ich fürchte, so wird es nicht gutgehen.

Besonders kritisch wird der zunehmende Gigantismus der Spiele gesehen: Dies gilt auch für die Olympia-Bauten?

Maennig: Zum einen wird berechtigter Weise die Frage gestellt, was mit den Sportstätten nach den Spielen geschehen kann. In der Vergangenheit wurde teilweise zu groß gebaut. Vielleicht ergäbe der bottom-up-Wettbewerb aber auch den Wunsch, die Architektursprache zu ändern. Viele der Stadien der letzten beiden Dekaden sind austauschbar, teilweise von den gleichen internationalen Stararchitekten gebaut, die sich mit genialen Ideen verwirklichen wollen und die Stadt weltbekannt machen sollen. Dies hat aber nur selten funktioniert. Attraktive Stadträume sind selten dabei entstanden, die Aufenthaltsqualität an diesen Orten ist meist gering. Es ist oft eine Überwältigungsarchitektur, ohne Wärme. Vielleicht kommt aus der bottom-up Ideensammlung der Wunsch nach einer anti-ikonischen, menschlichen Architektur.

Was meinen Sie damit: Keine Bewerbungen nach Schema F, keine sich ähnelnden Olympia-Parks mehr, sondern alternative, bescheidenere Bauweisen und Konzepte?

Maennig: Wichtig ist, dass die Bevölkerung dahintersteht. Niemand kann vorhersagen, was für Vorschläge kommen werden. Aber ich bin sicher, dass sie auf eine deutsche Olympia-Bewerbung hinauslaufen würden, die anders aussähe als die – nun zugegeben - doch recht ähnlichen Bewerbungen der letzten beiden Dekaden. Die bisherigen Bewerbungsbücher sind alle in Hochglanz, alles Meisterwerke der Fotografie und des Designs. Aber so ähnlich, dass man sich kaum zwei davon ansehen mag. Letztlich stammen sie ja auch aus den Federn der gleichen Berater aus Barcelona, Sydney und London. Das Ergebnis ist zwangsläufig immer gleich: stromlinienförmige Bewerbungen. Gerade von uns Deutschen, bei denen aus auswärtiger Sicht alles so gerade, korrekt und effizient läuft, würde eine bottom-up-Bewerbung, die Spielräume offen lässt, in der es Unfertigkeiten, Widersprüche, ja vielleicht auch Provokationen gegenüber liebgewordenen Olympischen Usancen gibt, für viel Aufmerksamkeit und Sympathie sorgen.

Gegen stromlinienförmige Bewerbungen zu wettern und gegen Gigantismus zu sein, ist en vogue. Wie steuert man aber dagegen?

Maennig: Das geht ganz einfach und die Norweger machen es mit der Bewerbung für die Winterspiele 2022 vor. Sie geben dem IOC ein „take it or leave it“ vor. Die Norweger bieten, was sie haben, sonst machen sie es nicht. Das Verständnis der internationalen Sportwelt dreht sich gerade: Es müssen sich nicht nur die Städte an das IOC anpassen, sondern - bitteschön - das IOC auch an die Städte. Das ist beim Fußball-Weltverband FIFA genau das gleiche. Man kann einem Staat wie Südafrika nicht Vorrunden-Spielstätten mit 40 000 Zuschauer vorschreiben, wenn diese anschließend keine Verwendung finden. Da muss es zukünftig möglich sein, kleinere Stadien zu bauen. Die Fußball-WM in Brasilien 2014 und die Sommerspiele in Rio 2016 werden vielleicht die letzten Opfer eines falsch verstandenen Olympismus gewesen sein. Schneller, höher, stärker sollten die Athleten sein, nicht die Stadien und Infrastrukturen.

Die Winterspiele in diesem Jahr in Sotschi gelten als Sinnbild der Maßlosigkeit! Sehen Sie das auch so?

Maennig: Das Problem hat meines Erachtens mit den Sommerspielen 1992 in Barcelona begonnen. Da haben die Olympia-Manager erfolgreich Milliarden von der nationalen Regierung und von der EU akquiriert, um den zuvor vernachlässigten Hafenbereich zu modernisieren. Das ist sehr gut gelaufen und hat Barcelona zu einer der führenden Touristenziele gemacht. Das Problem ist: Seitdem bewerben sich die Städte und Regionen nicht mehr, weil sie die besten Sportler haben wollen, sondern um in eine Position zu kommen, um ihre nationalen Regierungen zu erpressen, Milliarden in Infrastrukturen zu investieren. „Copy paste Barcelona“ war und ist das Motto. Olympische Spiele waren nie als Stadtentwicklungsprogramm gedacht, aber fast alle Olympia-Bewerber unterliegen der Irreführung durch das Barcelona-Syndrom. Alle wollen mit Olympia die Stadt um- und neu gestalten. IOC und FIFA fanden dies bisher auch gut, denn Milliarden-Investitionen anlässlich ihrer Events schienen diese Organisation aufzuwerten.

Nun gibt es massive Proteste dagegen - wie in Brasilien, weil sich die Situation der Weltwirtschaft drastisch verändert hat!

Maennig: Anfang der 90er Jahre gab es noch eine Wachstumseuphorie in Europa. Und viele glaubten, dass man mit mehr Staatsschulden zusätzliches, ja gar multiplikatives Wirtschaftswachstum erzeugen kann. Die mehrfachen Staatsschulden-Krisen haben das Verständnis geändert. Heute gibt es in vielen Ländern Schuldenbremsen. Allen Menschen ist damit klar: Eine Milliarde mehr für Stadien bedeutet eine Milliarde weniger für Schulen oder soziale Einrichtungen. Deshalb gibt es die Proteste wie in Brasilien, die sich erstmal gegen eine falsche Ausgabenpolitik ihrer Regierungen wendet, aber negativ auf FIFA und IOC abfärben. Die hochwertigen „Marken“ WM und Olympia sind damit im Risiko. IOC und FIFA wissen, dass sie etwas tun müssen.

Sie sagen, es muss sich etwas ändern, haben aber auch Zweifel, ob das IOC reif für fundamentale Veränderungen ist. Ein Widerspruch?

Maennig: Die Veränderungen werden hier wie anderswo unter Zwang kommen. Das IOC bekommt für die Winterspiele 2022 kaum vernünftige Bewerber. Die Norweger wollen es sich noch überlegen. Es bleibt Kasachstan mit Almaty sowie Peking. Das IOC läuft in ein ähnliches Problem wie vor den Spielen 1984 in Los Angeles, für welches es nur den einen Bewerber gab. 1976 in Montreal gab es das Finanzdebakel, weil sich die Baukosten vervielfacht hatten. Danach wollte sich kaum ein Land und kaum eine Stadt mehr bewerben.

Die Bewerber standen erst wieder Schlange, nachdem die privatwirtschaftlich organisierten Spiele in Los Angeles 1984 ein Erfolg waren!

Maennig: Der frühere Organisationschef Peter Ueberroth hat die Spiele revolutionär und effizient, rein privatwirtschaftlich organisiert. Es könnte wieder die Zeit für eine neue Ära kommen. Mit dem bisherigen Größer, Mehr und Gleichförmiger kommt man nicht mehr weiter und findet immer weniger Bewerber aus offenen transparenten Gesellschaften. Unter diesem Druck wird das IOC sein Bewerbungsverfahren ändern. Es wird zum Beispiel keine zwingenden Vorgaben mehr machen, wonach für die Eröffnungsfeier ein 80 000-Zuschauer-Stadion nötig ist.

Muss auch die Zahl der Athleten kleiner und das olympische Programm reduziert werden?

Maennig: Für die Sommerspiele haben wir schon lange ein Limit von 10 500 Athleten. Ich verstehe dies übrigens nicht. In der Welt wächst alles: Das Bruttosozialprodukt, das Internet, die Weltbevölkerung, die Zahl der Sportler. Nur, was nicht wachsen darf, ist die Zahl der olympischen Athleten. Ich finde ein angemessenes Wachstum der Sportlerzahlen darf sein.

Gibt es eine Chance für Olympia in Deutschland?

Maennig: Wenn wir es anders machten als bisher und die Bevölkerung daran beteiligt wird. Sonst nicht. Bei einer Strategie wie bisher, nur alles noch größer, werden wir mit arabischen und asiatischen Bewerbern nicht mithalten können.

ZUR PERSON: Der frühere Ruderer Wolfgang Maennig wurde 1988 Olympiasieger. Heute lehrt der 54-jährige gebürtige Berliner als Professor an der Universität Hamburg für Wirtschaftswissenschaften und war unter anderem Berater der Olympia-Bewerbung von München.

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