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"Es gibt ein regelrechtes Doping-System"

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Leichtathletik-WM  

"Es gibt ein regelrechtes Doping-System"

08.08.2009, 12:31 Uhr | t-online.de

Das Interview führte Johann Schicklinski

Anna Battke freut sich über die Bronzemedaille in Turin. (Foto: imago)Anna Battke freut sich über die Bronzemedaille in Turin. (Foto: imago) Anna Battke ist eine der Nachwuchshoffnungen in der deutschen Leichtathletik. Die Stabhochspringerin holte bei der Hallen-Europameisterschaft in Turin Anfang dieses Jahres die Bronzemedaille. Für Aufsehen sorgte die 24-Jährige auch bei der Hallen-WM 2008 in Valencia. Die für den USC Mainz startende Battke sprang dort mit nacktem Bauch, auf dem weithin sichtbar die Worte "Stop Doping“ aufgepinselt waren. Leider stoppten die Kampfrichter die Aktion und die Psychologie-Studentin musste diese Mahnung entfernen.

Im Interview mit t-online.de spricht Anna Battke über ihre Ziele bei der Leichtathletik-Weltmeisterschaft 2009 in Berlin, über Doping in der Leichtathletik sowie über den Vorteil eines den Sport begleitenden Studiums.

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t-online.de: Frau Battke, bald geht die Heim-WM los. Kribbelt es schon?

Anna Battke: Ja, natürlich. Ich kann kaum erwarten, dass es losgeht. Ich bin schon kribbelig und merke fast täglich, wie die Spannung steigt.

Zur Vorbereitung geht es für den DLV-Kader in das Bundesleistungszentrum nach Kienbaum. Wie lange werden Sie sich dort aufhalten?

Wir sind seit Montag hier. Wir werden bis zum Beginn der WM versuchen, letzte gute Trainingseinheiten zu absolvieren und einen "Deutschen Zusammenhalt“ in der Mannschaft zu entwickeln, das heißt, für ein "Wir“-Gefühl für die WM zu sorgen. Neben Training stehen hier aber auch offizielle Termine auf dem Programm, wie zum Beispiel eine Bootsrundfahrt. Am Donnerstag fahren wir dann nach Berlin, und dann kann’s losgehen.

Mit welchen Zielen fahren Sie nach Berlin? Spekulieren Sie auf eine Medaille oder wäre es schon ein Erfolg, den Endkampf zu erreichen?

Na, Sie sind aber optimistisch. In den Endkampf zu kommen wäre schon ein toller Erfolg. Leider verliefen die vergangenen Wettkämpfe nicht optimal, obwohl meine Form im allgemeinen sehr gut ist.

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Sie sprechen es an: Bei den letzten Wettkämpfen haben sie viermal den sogenannten "Salto Nullo“ geschafft, das heißt, Sie sind an der Anfangshöhe gescheitert. Dennoch sagen Sie, dass Ihre Form gut ist. Das müssen Sie erklären!

Ich hatte ein Problem mit den Stäben. Plötzlich wurden Stäbe zu weich, die in der Halle noch zu hart für mich waren. Das liegt vor allem daran, dass ich seit November das erste Mal im Training konstant an meiner Technik arbeite. Technische Fortschritte übertragen sich leider nicht sofort in Höhe. Dafür ist Stabhochsprung zu komplex. Letzte Woche sind die neuen Stäbe endlich eingetroffen. Ich bin echt gut drauf, jetzt muss es nur noch klappen mit dem blöden Stab (lacht).

Wie muss man sich das vorstellen? Was bedeutet ein unterschiedlicher Härtegrad der Stäbe im Stabhochsprung?

Mit einem zu weichen Stab erreicht man die optimale Sprunghöhe später, man kommt also im Zweifelsfall nicht so hoch wie mit einem härteren Stab. Wenn ich zum Beispiel über einen Bach springen will, dann nehme ich lieber einen Stock als eine Wurst. In den letzten Wettkämpfen hatte ich das Gefühl, eine Wurst in den Händen gehalten zu haben. Die Kunst dabei ist es, bei einem sich entwickelnden Leistungsniveau das richtige Modell zwischen Wurst und Stock zu finden.

Video: Obergföll auf der Suche nach der WM-Form
Video: Bartels freut sich auf die Heim-WM

Zurück zur WM: Wie viel ist der Heimvorteil, die Unterstützung und Anfeuerung durch die Zuschauer wert? Können sie durch diese Extra-Motivation noch ein paar Zentimeter rauskitzeln?

Ja, das hoffe ich doch auf jeden Fall. Berlin ist ein Heimspiel. Ich würde mir wünschen, dass die Leute uns so stark anfeuern werden, dass wir alle über unser bisheriges Limit hinauswachsen können. Ich freue mich auf das riesige, heimische Publikum.

Wie kamen Sie eigentlich in jungen Jahren zum Stabhochsprung?

Ganz so jung war ich ja schon nicht mehr (lacht). Ich begann erst mit 19 mit dem Stabhochsprung, bin also noch gar nicht so lange dabei, auch wenn ich mit 15 schon mal erste Versuche gestartet hatte. Inspiriert wurde ich von meiner Zwillingsschwester, die bei den Deutschen Hallenmeisterschaften 2004 über 200m gewann. Ich dachte mir: "An einer deutschen Meisterschaft will ich auch mal teilnehmen.“ Die Qualifikationshöhe war damals noch nicht so hoch, so dass ich mit etwas Training in diesen Bereich vorstoßen konnte. Und dann blieb ich irgendwie am Sport hängen, was ganz und gar nicht so geplant war.

Ich habe gelesen, dass sie auch noch Schwimmen, Reiten und Judo betreiben bzw. betrieben haben. Hilft es beim Stabhochsprung, wenn man ein sportliches Allround-Talent ist?

Man bekommt auf jeden Fall ein sehr gutes Gefühl für die Bewegung. Stabhochspringer sind oft nicht gerade die Supertalente wie zum Beispiel die Sprinter. Aber sie haben ein sehr komplexes Bewegungsgefühl. Von daher haben mir meine anderen Sportarten, vor allem Judo, geholfen und mir den Einstieg zum Stabhochsprung ein wenig erleichtert.

Trainieren müssen Sie natürlich dennoch sehr viel. Wie hoch ist denn Ihr Trainingsumfang?

Ich habe schon zwischen fünf und sechs Trainingseinheiten pro Woche. Jede hat so einen Umfang von zwei Stunden, was immer ein bisschen von der Uni abhängt.

Anna Battke setzt sich mit ihrem Bauch für ihren Anti-Doping-Kampf ein. (Foto: dpa)Anna Battke setzt sich mit ihrem Bauch für ihren Anti-Doping-Kampf ein. (Foto: dpa)

Sie sind bekannt als eine vehemente Anti-Doping-Gegnerin. Sie hatten in der Qualifikation der Leichtathletik-Hallen WM in Valencia für Aufsehen gesorgt, indem Sie sich die Worte "Stop Doping“ auf den Bauch pinselten. Wie enttäuscht waren Sie, als von den Kampfrichtern die Aufforderung kam, die Parole wieder zu entfernen?

Nicht enttäuscht, ich war eher wütend. Ich fand es einfach ungerecht, und Ungerechtigkeiten kann ich nicht ausstehen. Die Kampfrichter hatten keine Begründung, sagten immer nur "official, official“. Auch auf meine Nachfragen nach dem Warum kam immer nur die gleiche Antwort: "official“. Dabei war die Aktion legal, wir haben das nach der WM überprüft. Es war ja auch keine politische Aufforderung, sondern sollte einem guten Zweck dienen. Ich wollte einfach nur auf die Problematik aufmerksam machen, aber die Reaktion hat mir gezeigt, dass es ein regelrechtes Doping-System gibt, das verschwiegen wird. Ich hatte schon das Gefühl, dass das Thema möglichst totgeschwiegen werden sollte.

Warum diese harsche Reaktion? Was denken Sie?

Ich bin der Meinung, dass die Verantwortlichen gar keine Diskussion aufkommen lassen wollten, um Unruhe zu vermeiden. Vielleicht dopen mehr Leichtathleten, als man meint. Die Trainer reden überraschend offen über das Thema, weil sie wissen, dass zu einem Beweis weitaus mehr gehört als schwache Anschuldigungen wie "Ich habe gehört, er dopt“. Natürlich könnte ich diese Aussage auch treffen, denn gehört habe ich schon von vielen...

Waren auch prominente Fälle darunter?

Warum werden wohl immer nur die mittelmäßigen Athleten erwischt? Weil nur sie dopen, während die Spitze einzig aufgrund ihres Talents und ihres Trainings ganz oben steht? Nein, sie haben einfach nicht das nötige Kleingeld für das edle Designer-Doping. So lange Sport kommerziell ist, wird gedopt. Und so lange gedopt wird, ist Sport kommerziell.

Wie könnte man diesen Problems denn Herr werden?

Gar nicht. Zumindest nicht in dieser Welt. Es sei denn, der Sport kehrt zurück zum eigentlichen Ursprung, "back to the ancient world", dort, wo es um Ehre und den fairen Kampf ging, wo jeder nur ein von der Mutter gestricktes Baumwollhemdchen trug und es noch keine Arbeitsplätze für Sportartikelhersteller, Manager und Sportler selber gab. In unserer Welt aber haben sich die Prioritäten verschoben. Die Doping-Fahnder haben die Gerechtigkeit auf ihrer Seite; die Dopingsünder und ihre Unterstützer das Geld und das Ansehen. Wie langweilig da auf einmal die Gerechtigkeit werden kann...

An wen hat sich Ihre Aufforderung in Valencia denn konkret gerichtet?

An niemanden bestimmtes. Jeder darf sich angesprochen fühlen und jeder darf wegsehen. Ich wollte zum Nachdenken anregen. Aber ich befürchte, dass das keine Eigenschaft ist, die sonderlich erwünscht ist.

Wie haben Ihre Stabhochsprung-Kolleginnen auf Ihre Aktion in Valencia reagiert?

Gar nicht, was ich schon etwas befremdlich fand. Eine einzige Kollegin hat gesagt, dass sie es gut fand. Ansonsten gab es keine Reaktion von meinen Kolleginnen. Ich empfinde diese Verschwiegenheit bei einem Thema wie Doping, bei dem es nicht einmal um die eigene Existenz geht, als enttäuschend. Hier geht es schließlich nicht darum, eine Diktatur umzuwälzen und möglicherweise in Gefangenschaft zu geraten. Hier geht es doch nur um das kleine Randthema Doping.

Berlin Zeitplan der Leichtathletik-WM 2009

Bringt es in einer derart komplexen Sportart wie dem Stabhochsprung überhaupt etwas, zu dopen?

Es bringt definitiv nicht so viel wie in anderen Sportarten. Der Stabhochsprung lebt nun mal von der Technik und der Koordination, weniger von der Kraft oder der Ausdauer. Natürlich kann man aber trotzdem dopen und dann zum Beispiel mehr trainieren und durch das Doping die Regenrationszeiten herabsetzen.

Viele Ihrer Kollegen im deutschen Leistungssport beklagen die mangelnde Privatsphäre aufgrund der Meldepflichten im Code der Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA). Sie müssen drei Monate im Voraus angeben, wo Sie sich aufhalten ("Whereabouts“). Wie sehen Sie die ständige Meldepflicht für Athleten?

Zwiespältig. Ich würde es wohl gut finden, wenn es auf der ganzen Welt so strikt wie in Deutschland gehandhabt werden würde. Da dies aber nicht der Fall ist, sehe ich es nicht so positiv.

Stört Sie nur diese Ungleichheit oder auch, dass damit quasi der Schritt zum "Gläsernen Athleten“ vollzogen wird?

Ich habe auch datenschutzrechtliche Bedenken, ganz ehrlich. Ich muss drei Monate im Voraus angeben, wo ich mich wann aufhalte. Das weiß ich oft noch gar nicht. Ich bin ein spontaner Mensch, der aus einer Laune heraus einfach mal gerne wegfährt. Ich will zum Beispiel nach der WM in Urlaub fahren und habe keine große Lust, dass mir ein Dopingfahnder hinterher reist und sich beim Eisschlecken am Strand zu mir gesellt. Ich hätte keine Probleme, mich zu festgelegten Zeitpunkten, z.B. zweimal in der Woche, kontrollieren zu lassen. Das wäre mir persönlich lieber als der aktuelle Status Quo. Vor allem stört mich, dass keine Gerechtigkeit gegeben ist. In anderen Ländern gibt es weniger Kontrollen oder die nationalen Anti-Doping-Agenturen, soweit es sie überhaupt gibt, kochen ihr eigenes Süppchen. Hier sollte man sich etwas einfallen lassen!

Kann man eigentlich vom Stabhochsprung leben?

Ja, wenn man auf Dauer gut ist, dann geht das schon. Man muss natürlich bei den großen Meetings mit Leistung präsent sein, also exakt die, bei denen ich im Frühjahr komplett versagt habe (lacht). Aber jetzt kommt ja die WM...

Sie studieren Psychologie in Darmstadt. Ist das eine gute Ergänzung zum Leistungssport?

Ich wollte früher eigentlich nie in den Leistungssport, weil die Art der Belastung mir zu einseitig war. Aber die Kombination aus Sport und Studium tut mir gut, und ich kann mir gerade vorstellen, noch ein paar Jahre weiterzumachen.

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