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Ab nach Amerika: Stelzen-Sprinterin Low erfindet sich neu

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Behindertensport  

Ab nach Amerika: Stelzen-Sprinterin Low erfindet sich neu

19.08.2014, 17:39 Uhr | dpa

Ab nach Amerika: Stelzen-Sprinterin Low erfindet sich neu. Vanessa Low läuft und springt mit "Blades", und das schnell und weit.

Vanessa Low läuft und springt mit "Blades", und das schnell und weit. Foto: Robert Perry. (Quelle: dpa)

Leipzig (dpa) - Vanessa Low hat eines mit Paralympics-Star Oscar Pistorius gemeinsam. Auch ihr fehlen beide Beine, die sie 2006 bei einem Unfall an einem Bahnübergang verlor. Jetzt läuft und springt sie auf Stelzen und das schnell und weit.

Sie hält in ihrer Klasse mit 4,55 Metern den Weltrekord im Weitsprung und über 100 Meter den deutschen Rekord. Früher wurde die Athletin des TSV Bayer Leverkusen von Speerwurf-Weltmeisterin Steffi Nerius trainiert, jetzt sucht sie in den USA nach neuen Herausforderungen. Vor dem Start bei der Leichtathletik-EM der Sportler mit Handicap führte die Nachrichtenagentur dpa mit ihr das folgende Interview.

Mit welchen Zielen fahren Sie zur EM?

Vanessa Low: In meiner Klasse kommen die drei stärksten Athletinnen aus Europa. Die EM ist für mich ein guter Test um zu zeigen, wo ich international stehe in Vorbereitung auf die Paralympics in Rio. Mit meinem Trainerwechsel hatte ich ein schwieriges Jahr 2013, 2014 lief dafür hervorragend und da sind zwei Medaillen ein absolutes Muss.

Wie beurteilen Sie Ihre Form?

Vanessa Low: Wir haben diese Saison genutzt, um viele Grundlagen zu bilden mit Blick auf Rio und haben viele Dinge ausprobiert. Als ich in die Wettkampfsaison ging, war ich zunächst sehr unsicher über meine Form. Aber es hat sich schnell gezeigt, dass sich die harte Arbeit des letzten Wintertrainings ausgezahlt hat und definitiv der richtige Weg ist.

Sie trainieren jetzt in den USA. Was hat Sie dazu bewogen?

Vanessa Low: Nach den Paralympics in London war ich sehr enttäuscht, nicht allein über meine Platzierung, sondern mehr über meine Leistungsentwicklung der vergangenen Jahre. Nach Rücksprache mit meiner damaligen Trainerin hatte ich bereits beschlossen, dass ich keine Zukunft im Leistungssport habe und wollte meine Karriere beenden. Als ich dann meine Freundin Katrin Green und ihren Ehemann Roderick in den USA besuchte und mehr oder weniger gezwungen wurde bei ihnen mitzutrainieren, habe ich den Spaß am Sport wiedergefunden und meine komplette Denkweise geändert. Es ging nicht mehr nur darum zu gewinnen, sondern Spaß am Training und in der Trainingsgruppe zu haben und an sich und sein Leistungsvermögen zu glauben.

Was ist anders als bisher?

Vanessa Low: Das Training in den USA ist kaum vergleichbar. Wir haben sehr spärliche Rahmenbedingungen: unsere Bahn ist super alt und hat ganz viele Risse, unser Kraftraum ist mehr oder weniger eine Garage und eine Indoor-Anlage gibt es nicht. Gerade diese Umstände liebe ich. Wir haben eine kleine Trainingsgruppe mit Athleten aus den verschiedensten Sportarten. Viele fragen mich, wie das zusammen passt und ich erzähle stets, wie toll wir uns gegenseitig ergänzen und voneinander lernen. Es gibt kein Konkurrenzdenken oder Neid zwischen den Athleten, so wie es häufig in größeren Sportclubs vorkommt, sondern wir helfen, unterstützen und pushen uns gegenseitig.

Gibt es auch eine andere Herangehensweise der Trainer?

Vanessa Low: Das Training zielt darauf ab, die Athleten aufzubauen. Viele Trainer, gerade im Behindertensport, wo Athleten oft recht spät mit dem Sport anfangen, vergessen die Grundlagen aufzubauen. Bevor wir überhaupt richtige Läufe auf der Bahn gemacht haben, vergingen fast vier Monate. Stattdessen machen wir viele Grundlagen im Kraftraum, Kontrolle der Prothesen, Form und Haltung sowie angewandte Kraft. Zudem sind die Trainingseinheiten viel intensiver. Häufig sind die einzelnen Einheiten bis zu vier oder manchmal sogar sechs Stunden lang und bringen uns an unsere absoluten Grenzen. Ich würde behaupten, 70 Prozent unseres Trainings ist mental mit der Austestung unserer körperlichen und mentalen Grenzen.

Auf was haben Sie beim Training im Speziellen Wert gelegt?

Vanessa Low: Der Fokus dieser Saison war Aufbau der Grundlagen für Rio. Außerdem haben wir intensiv am Start, meinem Hauptproblem als Doppel-Amputierter, und der allgemeinen Kraft gearbeitet. Das Anstrengendste waren mit Abstand die Einheiten, wo mein Trainer meine mentalen Grenzen ausgetestet hat. Ich erinnere mich noch genau an die dritte Einheit nach meinem Umzug in die USA. Die Einheit dauerte rund vier Stunden, ich war müde vom Jetleg, hungrig und hatte bereits zwölf offene Blasen an meinen Händen. Am meisten Spaß hat mir dann genau diese Einheit ca. sieben Monate später gemacht. Ich habe für die gleiche Einheit nur 40 Minuten gebraucht und ich konnte meine Entwicklung sehen.

Welchen Einfluss hat ihr Coach Roderick Green auf Sie?

Vanessa Low: In Deutschland wurde mir erfolgreich beigebracht und verinnerlicht, dass ich eine Behinderung habe und dadurch Grenzen habe. Hier konnte ich lernen, dass dies absoluter Blödsinn ist. Ich habe einen Körper, ich trainiere, also bin ich ein Athlet. Da gibt es nach oben keine Grenzen. Roderick hat mir beigebracht zu sagen "Ich kann es noch nicht" anstatt "Ich kann das nicht". Innerer Wille und Glaube an sich ist etwas, was man trainieren muss, genau wie man seinen Körper trainiert. Ich bin im Sport und auch im Alltag deutlich selbstbewusster geworden und kann viel besser mit alltäglichen Schwierigkeiten umgehen. Er hat mir vieles beigebracht, aber sicherlich das Wichtigste, was ich von ihm lernen durfte, ist an mich und an das, was ich tue, zu glauben.

Hätten Sie je erwartet, als Sie mit dem paralympischen Sport angefangen haben, solche Leistungen und Erfolge zu erzielen?

Vanessa Low: Wenn man mir vor zehn Jahren erzählt hätte, dass ich meine Beine verliere und paralympischer Athlet werde, wäre ich schockiert gewesen. Ich hab mir mein Leben sicher anders ausgemalt. Man kann mein Leben ganz gut so beschreiben: "Es ist nicht so verlaufen, wie geplant, aber das ist in Ordnung". Tatsächlich ist es nicht nur in Ordnung, sondern wunderschön. Ich würde nichts ändern wollen.

Ehrgeiz war immer Ihr Antrieb. Was für Ziele haben Sie noch?

Vanessa Low: Mein Ehrgeiz hat mir durch das letzte Jahr sehr geholfen. An einigen Punkten war ich kurz vorm Aufgeben. Am meisten motiviert haben mich dabei die Personen, die so sehr an meinem Erfolg gezweifelt haben. Immer wenn ich kurz vorm Aufgeben stand, habe ich mir gesagt: "Sie dürfen nicht recht haben". So sehr ich es genieße, mich mit positiven Menschen zu umgeben, genauso brauche ich auch die negativen Stimmen, die immer wieder meinen Ehrgeiz entfachen. Sportlich gesehen möchte ich nach Rio und ich wäre kein Athlet, wenn ich nicht eine Medaille gewinnen wöllte. Und sicherlich trainiert man auch keine 30 Stunden die Woche, um Dritte zu werden.

Ihr ebenfalls beidseitig amputierten Teamkollege David Behre sagt, er würde keine richtigen Beine mehr haben wollen. Wie ist das bei Ihnen?

Vanessa Low: Gerade am Anfang gab es Tage, wo ich drüber nachgedacht habe "Warum ich?". Doch nachdem ich einige Jahre mit meinem Schicksal lebe, bin ich zu einer Antwort gekommen: "Gott gibt seine schwersten Aufgaben seinen stärksten Soldaten." Ich glaube, dass ich diese Aufgabe bekommen habe, weil ich sie meistern und hoffentlich auch andere inspirieren kann, mit ihren Aufgaben klarzukommen.

Sie sagen, alles hat einen Sinn. Haben Sie schon einen Sinn hinter Ihrem Schicksal entdeckt?

Vanessa Low: Alles, was ich erlebt habe, hat mich zu dem Menschen gemacht, der ich bin. Das Glück ist ein Mosaikbild zusammengesetzt aus lauter kleinen Freuden. Für das Gesamtbild braucht es die hellen und farbenfrohen Steine sowie auch die kleinen schwarzen. Ich finde mein Mosaik ist bisher wunderschön und ich kann gar nicht darauf warten, es immer größer werden zu lassen über die nächsten Jahre.

Sie tragen im Sommer kurze Röcke, gehen selbstbewusst mit ihrem Handicap um. Fällt Ihnen das leicht?

Vanessa Low: Viele sagen, sie finden es bewundernswert, wie offen ich mich und meine Behinderung zeige. Ich denke, viele finden es erstaunlich, da die heutige Gesellschaft nach Perfektion sucht und Behinderung passt da einfach nicht so richtig hinein. Ich sehe es für mich als größte Errungenschaft in dieser Welt, ich selbst zu sein und damit absolut kein Problem zu haben.

Nach dem Fall Rehm, der als einseitig Unterschenkelamputierter bei der Deutschen Meisterschaft im Weitsprung gewann, ist das Thema Inklusion im Sport gerade in aller Munde. Was ist ihre Meinung?

Vanessa Low: Ich denke, Inklusion ist vor allem im Training sehr wichtig. Beide Gruppen können viel voneinander lernen und profitieren. Trotzdem darf man nicht vergessen, dass Inklusion in beide Richtungen funktionieren muss und da stoßen wir auf Probleme. Gerade im Leistungssport geht es um Vergleichbarkeit und Chancengleichheit und wenn die körperlichen Voraussetzungen unterschiedlich sind, wird das schwierig. Es ist sicherlich traurig für Athleten, die eine solche Leistung abrufen, zu wissen, dass sie aufgrund ihrer Behinderung nie Olympia-Teilnehmer sein können. Doch ein querschnittsgelähmter Athlet beispielsweise wird auch nie diese Chance haben, auch wenn er vergleichbare Zeiten über 100 Meter im Rollstuhl erbringen würde.

Sollten Behinderte und Nichtbehinderte gemeinsam Wettkämpfe bestreiten?

Vanessa Low: Die großartigen Leistungen paralympischer Athleten müssen von der Öffentlichkeit wahrgenommen werden. Doch ich denke, es ist nicht der richtige Weg, all diese Athleten im olympischen Sport unterzubringen. Vielen anderen Behindertensportlern wird dieser Schritt eben aufgrund ihrer Behinderung nie möglich sein, unabhängig wie talentiert und fleißig sie sind. Und die Paralympics würden sich langfristig zu einem Sportevent zweiter Klasse entwickeln. In meinen Augen macht es mehr Sinn, den paralympischen Athleten bei paralympischen Events die Anerkennung zukommen zu lassen, die sie verdienen und langfristig wird sich die Leistungsdichte von selbst entwickeln. Paralympische Athleten haben ihre Bühne - die Paralmypics - und olympische Athleten haben ihre bei den Olympischen Spielen.

ZUR PERSON: Vanessa Low wurde am 17. Juli 1990 in Lübeck geboren. Bei einem Unfall an einem Bahnübergang verlor sie 2006 als 15-Jährige beide Beine. Nach zwei Monaten im Koma fand sie durch den Sport zurück ins Leben. Bei der WM der Amputierten und Rollstuhlfahrer 2009 gewann sie Gold und Silber. Bei den Behinderten-Weltmeisterschaften holte sie bisher dreimal Bronze. Bei den Paralympics 2012 wurde sie Sechste im Weitsprung und Vierte über 100 Meter. Sie ist weltweit die einzige doppeloberschenkelamputierte Frau im Behindertensport und startet in der Klasse der Einfachamputierten. Sie ist ausgebildete Mediengestalterin in Bild und Ton und studiert derzeit in einem Fernstudiengang an der Universität Darmstadt Mediendesign. Sie lebt und trainiert seit November 2013 in Oklahoma City/USA.

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