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Sportpolitik - Doping in Russland: Leichtathleten droht Ausschluss

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Sportpolitik  

Doping in Russland: Leichtathleten droht Ausschluss

09.11.2015, 18:58 Uhr | dpa

Sportpolitik - Doping in Russland: Leichtathleten droht Ausschluss. Gegen Russlands Sportminister Witali Mutko gibt es schwere Vorwürfe.

Gegen Russlands Sportminister Witali Mutko gibt es schwere Vorwürfe. Foto: Martin Schutt. (Quelle: dpa)

Genf (dpa) - Russlands Leichtathleten droht der Ausschluss von den Olympischen Spielen 2016 in Rio de Janeiro.

Wegen der ausufernden Dopingaffäre hat die Ermittlungskommission der Welt-Anti-Doping-Agentur WADA einen Rauswurf der einst so großen Sportnation aus dem Internationalen Leichtathletik-Verband IAAF empfohlen. Zugleich sprach sich das dreiköpfige Gremium in seinem 323-seitigen Bericht dafür aus, fünf russische Athleten sowie fünf Trainer auf Lebenszeit zu sperren.

Schwere Vorwürfe werden dem russischen Sportminister Witali Mutko gemacht. Er solle persönlich angeordnet haben, "bestimmte Dopingproben zu manipulieren". Russland wies die Forderung der WADA nach harten Strafen postwendend als politisch motiviert zurück. Zugleich erklärte Mutko in Moskau, dass die WADA zwar Empfehlungen aussprechen, aber niemanden selbst von Wettbewerben ausschließen könne. "Es war nicht möglich, dass er davon keine Kenntnis hatte", sagte Richard Pound, der Vorsitzende der WADA-Kommission, auf der Pressekonferenz in einem Nobelhotel am Genfer See.

Außerdem soll dem Kontroll-Labor in Moskau die Akkreditierung entzogen werden und dessen Direktor abgelöst werden. Grigori Rodschenkow gab zu, die Beseitigung von 1417 Dopingproben angewiesen zu haben.

Mutko stritt die schweren Vorwürfe gegen ihn ab und ging in die Offensive. Sein Ministerium könne die Finanzierung der russischen Anti-Doping-Agentur und des Labors in Moskau auch einstellen, drohte er. Die Vernichtung von mehr als 1400 Doping-Proben, die ihm zur Last gelegt werde, gehe in Wahrheit auf ein Rundschreiben der WADA zurück. Die Proben seien nicht mehr gebraucht worden.

Neben dem Skandal um Russlands Leichtathleten wirft auch der Korruptionsvorwurf gegen den früheren IAAF-Präsidenten Lamine Diack einen Schatten über die olympische Kernsportart. Ihm wird Bestechlichkeit und Geldwäsche vorgeworfen. Die französische Justiz hat Anklage gegen den 82-Jährigen aus Senegal erhoben. Diack war von 1999 bis zum August 2015 Chef der IAAF. Die Ethikkommission des Internationalen Olympischen Komitees empfahl am Montag die Suspendierung des IOC-Ehrenmitglieds Diack.

Angesichts der immer größeren Dimension der Verfehlungen und kriminellen Umtriebe in der Welt-Leichtathletik schaltet sich nun auch Interpol ein. Die Weltpolizei kündigte in Lyon an, die internationalen Untersuchungen zu koordinieren.

"Es ist schlimmer, als wir dachten. Das ist ganz schön verstörend", meinte WADA-Gründungspräsident Pound. "Russland scheint ein staatlich unterstütztes Dopingsystem unterhalten zu haben", sagte der Kanadier. "Ich denke nicht, dass eine andere Schlussfolgerung möglich ist." Es sei enttäuschend, die Art und Weise und das ganze Ausmaß der Affäre zu sehen. Man müsse zu der Schlussfolgerung kommen, "dass es wahrscheinlich nur geschehen konnte, weil jeder (in Russland) es wusste und einverstanden war".

Die IAAF kündigte in einer Stellungnahme an, den Bericht zu prüfen und eine Suspendierung des russischen Mitgliedverbandes für künftige Wettbewerbe zu erwägen. "Das sind alarmierende Informationen", lautete der Kommentar von IAAF-Präsident Sebastian Coe. Der Brite gab den Russen bis Ende der Woche Zeit, um auf den Bericht zu antworten.

Das Internationale Olympische Komitee reagierte mit großer Betroffenheit. "Das ist ein zutiefst schockierender Report und sehr traurig für den Weltsport", erklärte das IOC am Montagabend in einem Statement. "Der Schutz des sauberen Athleten hat für das IOC oberste Priorität." Auf die Verletzung von Anti-Doping-Regeln durch Athleten oder ihr Umfeld werde das IOC mit seiner bekannten "Null-Toleranz-Politik" reagieren.

"Die Leichtathleten haben nun die Radfahrer abgelöst", konstatierte der anerkannte Dopingexperte Fritz Sörgel. Der Biochemiker forderte, dass ähnliche Untersuchungen auch in anderen Ländern wie Jamaika gemacht werden sollten.

Das Pound-Gremium war eingesetzt worden, um die in einer ARD-Dokumentation erhobenen Vorwürfe über Doping und Korruption im russischen Spitzensport zu untersuchen. In dem Film "Geheimsache Doping - Wie Russland seine Sieger macht" waren am 3. Dezember 2014 geheime Aufzeichnungen in Bild, Ton und Schrift mit Hinweisen auf staatlich unterstütztes Doping präsentiert worden.

"Die Kommission gratuliert der ARD zu diesem Bericht, der ein sehr gutes Stück journalistischer Berichterstattung darstellt", lobte Pound. Dem Gremium gehören zudem der Sportrechts-Experte Richard McLaren und der deutsche Kriminalbeamte Günter Younger, dem Pound dankte: "Günter Younger hat einen großartigen Job gemacht. Ohne seine professionelle Hilfe wären wir nicht so schnell so weit gekommen."

Für den Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) ist der WADA-Report ein wichtiger Meilenstein. "So beunruhigend und erschreckend die Vorkommnisse sind, so wichtig und dringend erforderlich war es für den gesamten Sport, dass diese Untersuchung die Fakten ans Licht brachte und dass nun auch harte Konsequenzen folgen", sagte der DOSB-Vorstandsvorsitzende Michael Vesper.

Der frühere IAAF-Vizepräsident Helmut Digel hält die russische Affäre für einen Wendepunkt, nachdem der Sport sich entscheidend veränder könnte. "Der Doping-Fall des kanadischen Sprinter Ben Johnson 1988 und auch der FIFA-Skandal sind dagegen harmlos", meinte der Tübinger Sportsoziologe. "Die Leichtathletik steckt in einer Glaubwürdigkeitskrise, deren Reichweite noch nicht zu ermessen ist."

Entsetzt zeigte sich auch der deutsche Leichtathletik-Präsident. "Der WADA-Bericht übersteigt meine Befürchtungen bei weitem", sagte Clemens Prokop. "Es ist an der Zeit, Konsequenzen zu ziehen. Wenn alle Vorwürfe stimmen, muss den WADA-Empfehlungen gefolgt werden."

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