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Olympia 2016: Kritik - IOC-Entscheidung "ein Verrat an der olympischen Idee"

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"IOC hat keine Courage gezeigt"  

Bachs Kniefall vor Putin: "Verrat an der olympischen Idee"

29.07.2016, 17:53 Uhr | t-online.de, rdsc

Olympia 2016: Kritik - IOC-Entscheidung "ein Verrat an der olympischen Idee" . IOC-Präsident Thomas Bach (li.) schüttelt dem russischen Präsidenten Wladimir Putin die Hand.  (Quelle: imago/ITAR-TASS)

IOC-Präsident Thomas Bach (li.) schüttelt dem russischen Präsidenten Wladimir Putin die Hand. (Quelle: ITAR-TASS/imago)

Dank des IOC-Entscheids darf Russland trotz nachgewiesenen Staatsdopings mit einem Rumpfteam von 250 Athleten bei Olympia 2016 starten. "Das ist ein nachgewiesener Verstoß gegen die Prinzipien des olympischen Sports, den Präsident Wladimir Putin mit zu verantworten hat", sagt Sportpolitik-Experte Dr. Jörg-Uwe Nieland.

Im Interview mit t-online.de erklärt der Sportwissenschaftler und Medienforscher den immer größer werdenden Einfluss von Russlands Staatsoberhaupt auf sportliche Großereignisse und welch große Chance das Internationale Olympische Komitee (IOC) vertan hat, um ein deutliches Zeichen gegen Betrug, Täuschung und illegale Einflussnahme zu setzen.

t-online.de: Herr Dr. Nieland, Putin bezeichnet sich selbst immer als "großen Förderer des Sports". Auch die Sommerspiele in Rio sind ihm trotz des flächendeckenden Dopingskandals enorm wichtig. Wie schätzen Sie diese Aussagen ein?
Dr. Nieland: Die Inszenierung von Herrn Putin, der die russische Rumpfmannschaft vor dem Abflug nach Brasilien im Kreml medienwirksam verabschiedet hat, passt voll ins Bild. Anstatt für Aufklärung zu sorgen, stellt er sich ins Rampenlicht und kritisiert die Sperren gegen einzelne Athleten weiterhin scharf. Dabei sind die Beweise der unabhängigen Kommission, die Russland systematisches Staatsdoping nachgewiesen hat, eindeutig. Das ist eine Farce.

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Müsste es Putin nicht unangenehm sein, dass das systematische Doping in Russland enttarnt worden ist?
Putin hat auf seine ganz besondere Art und Weise auf die Anschuldigungen reagiert und mit Witali Smirnow einen 81-jährigen Ex-KGB-Agenten als Chef einer angeblich unabhängigen Anti-Doping-Kommission ernannt. Einige Köpfe sind gerollt, doch die Entlassungen waren halbherzig. Es wurden Personen ausgetauscht, die ohnehin seit Jahren in das System involviert waren. Smirnow hat bereits 1980 in Moskau die Spiele organisiert und erhielt damals aufgrund seiner Verwicklung in den Bestechungsskandal von 1995 in Salt Lake City eine 'ernste Verwarnung' vom IOC. Das ist ein fatales Zeichen für den Anti-Doping-Kampf in Russland - aber auch weltweit.

Russlands Doping-Kronzeugin und Whistleblowerin Julia Stepanowa hat den Stein mit ihren Enthüllungen ja erst ins Rollen gebracht. In Rio darf sie dennoch nicht starten.
Das ist tatsächlich die schlimmste Botschaft in diesem Skandal. Alle Sportler sollten sich für Frau Stepanowa aussprechen und sich mit ihr solidarisieren, denn sie hat einen mutigen Schritt gewagt. Und warum haben sich nicht die Sportverbände schützend vor sie gestellt? Sie und ihre Familie werden massiv bedroht und müssen um ihr Leben fürchten. Als Anerkennung für ihr engagiertes Auftreten hätte sie zumindest eine Starterlaubnis bei Olympia verdient. Stattdessen übertragen die Medien die tränenerfüllte Rede von Stabhochspringerin Jelena Issinbajewa, die wegen einer Sperre des Welt-Leichtathletik-Verbands (IAAF) nicht teilnehmen darf.

Wie bewerten Sie die Rolle des IOC in der Sache?
IOC-Präsident Thomas Bach hat auf ganzer Linie versagt. Hätte Russland auf die Vorwürfe mit Akzeptanz und Offenlegung der kriminellen Strukturen reagiert, wäre die getroffene Entscheidung, nicht alle russischen Athleten zu sperren, vielleicht einigermaßen verständlich gewesen. Doch Putin ist sich ja keinerlei Schuld bewusst. Umso unverständlicher ist es für mich, dass der IOC in der Sache keine Courage gezeigt hat.

Bach musste auch von deutschen Athleten wie Robert Harting (er ist "Teil des Systems") und Claudia Pechstein ("er hat sich politisch kaufen lassen") herbe Kritik einstecken. Ist diese Kritik nachvollziehbar?
Nicht nur aus Sicht des Sportlers, sondern auch aus Sicht der Fans kann man diese Haltung nur unterschreiben. Diese Machenschaften müssen endlich als das bezeichnet werden, was sie sind: ein Verbrechen und ein Verrat am Sport und der olympischen Idee. Es ist nichts anderes als ein Vergehen gegen die vom Sport selbst erhobenen Ideale. Die Instrumentalisierung des internationalen Sports durch den russischen Präsidenten ist offensichtlich. Und dass Putins Einfluss so weit reicht, eine so große internationale Sportorganisation in eine Krise zu stürzen und die Aufarbeitung des Dopingskandals regelrecht zu behindern, hätten wohl die Wenigsten vermutet.

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Ist Bach als Präsident denn überhaupt noch tragbar?
Nein, Bachs Ruf ist auf Dauer beschädigt. Diese feige Entscheidung kommt einem Kniefall vor Putin gleich und führt seinen Reformprozess ad absurdum. Bach hätte für einen Befreiungsschlag sorgen und innerhalb der Sportverbände aufräumen können, doch sein Kartenhaus ist in sich zusammengefallen. Er hätte mit einer Suspendierung aller russischen Athleten auch ein Zeichen gegen Nationalisten und korrupte Autokraten setzen können, was uns in der heutigen Zeit durchaus sehr gut getan hätte. Zukünftig muss es entweder ein neues Exekutivkomitee geben, oder Olympia muss sich selbst abwickeln. Auch die unfertigen Unterkünfte gehen auf das Konto seiner Amtszeit - das IOC verletzt seine Sorgfaltspflicht gegenüber den Athletinnen und Athleten.

Wie wird es aus Ihrer Sicht mit dem olympischen Sport in Zukunft weiter gehen?
Wir werden zukünftig erhebliche Probleme bekommen, olympische Spiele an westliche demokratische Staaten zu vergeben. Die Glaubwürdigkeit des Sports wird auf der Strecke bleiben, denn wir werden eine noch größere Ökonomisierung und Medialisierung des Sports erleben. Enttäuschend ist auch die ausbleibende Reaktion von nationalen Dopingagenturen sowie demokratischen Vertretern aus der Sportpolitik, die ihren Platz im Parlament haben. Auch die Medien hätten viel deutlicher Position beziehen müssen und das Kind beim Namen nennen sollen.

Inwieweit sehen Sie auch die Sportverbände hier in der Pflicht?
Für mich ist es unbegreiflich, wie wenig auch die nationalen und internationalen Sportverbände aus den Fällen der letzten Jahre gelernt haben. Im Radsport, beim Gewichtheben und eben in der Leichtathletik gab es immer wieder Vorfälle, die in Ausflüchten und Angriffen gegen Whistleblower endeten. Das Credo auch hier: einfach weitermachen wie früher. Das darf sich der Sport einfach nicht mehr erlauben. Der Fall Lance Armstrong hat gezeigt, wie viele ihre Karriere geopfert haben, um Betrugsfälle im großen Stil offenzulegen.

Wie ist abschließend die Rolle von Putin im Weltsport zu beurteilen?
Er zieht die Strippen im Hintergrund, keine Frage. Sein Einfluss auf sportliche Großevents ist schon erschreckend groß. Wir haben Olympia 2014 erlebt, die Formel 1 ist noch immer in Sotschi, die Fußball-WM kommt 2018 nach Russland. Doch auch er sollte die Macht der Antidoping-Agenturen, der Medien und der Justiz - insbesondere der US-amerikanischen - nicht unterschätzen. Das zeigte uns bereits der FIFA-Skandal. Mittelfristig werden diejenigen, die die Idee des Sports verraten, identifiziert und aus den Ämtern vertrieben. 

Das Interview führte Ricardo Da Silva Campos

Dr. Jörg-Uwe Nieland ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Europäische Sportentwicklung und Freizeitforschung der Deutschen Sporthochschule in Köln - Institutsgebäude II, 3. OG, Am Sportpark Müngersdorf 6, 50933 Köln

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