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Skandalteam Astana? Herzlich willkommen!

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Radsport - Giro d'Italia  

Skandalteam Astana? Herzlich willkommen!

07.05.2008, 14:49 Uhr | Spiegel Online


Andreas Klöden ist als Sieger der Tour de Romandie jetzt Giro-Favorit. (Foto: imago)Andreas Klöden ist als Sieger der Tour de Romandie jetzt Giro-Favorit. (Foto: imago) Eingeladen, ausgeladen und nun doch dabei: Das Skandalteam Astana darf am Giro d'Italia teilnehmen. Die Begründung der Veranstalter verblüfft - und ist wenig glaubwürdig. Doping? Welches Doping? Es ging doch nie um Doping! Angelo Zormegnan, der Direktor des Giro d'Italia, wirkt durchaus überrascht, wenn man ihn darauf anspricht, warum das umstrittene Astana-Team nun doch am kommenden Sonntag beim zweitwichtigsten Radrennen der Saison an den Start gehen darf.

Tour de Romandie Klöden gewinnt
Spanien-Rundfahrt Einladung für Astana

Umschwung am Wochenende

Eigentlich hatte die RCS, der Veranstalter des Giro, Astana im Januar ebenso ausgeladen wie die Aso, der Ausrichter der Tour de France. Die gesammelten Dopingvergehen des vergangenen Jahres, die im Rauswurf des kasachischen Weltklasse-Teams bei der Frankreich-Rundfahrt 2007 gipfelten, schienen nachzuwirken. Allerdings nur bis zum vergangenen Wochenende.

Gestrichen Winokurow verliert Tour-Etappen-Sieg an Kim Kirchen
Dopingsperre Petacchi muss pausieren

Nur sportliche Gründe ausschlaggebend

Da gab die RCS plötzlich bekannt, dass Astana nun doch antreten darf. Die Rolle rückwärts erklärt Giro-Direktor Angelo Zomegnan im Gespräch mit "Spiegel Online" so: "Im Januar hatten wir Astana keine Einladung ausgesprochen, weil der Rennstall nicht mit einer repräsentativen Mannschaft an den Start gehen wollte. Jetzt hat sich die Situation geändert", so der ehemalige Journalist, "die Leader Alberto Contador, Levi Leipheimer und Andreas Klöden sind gemeldet. Klöden als Sieger der Romandie-Rundfahrt ist in exzellenter Form. Ich glaube, die Mannschaft wird einen guten Beitrag zum Gelingen des Giro leisten können."

Ein Schweizer Team muss dafür zuhause bleiben

Es ging nur um sportliche Fragen? Sicher, sagt Zormegnan - und deswegen habe man auch, um Platz für Astana zu schaffen, das Schweizer Team NGC-OTC kurzerhand vor die Tür gesetzt. "Das ist ein junges Team. Es hat nicht die sportliche Qualität", begründet Zomegnan den Platzverweis für die Nobodys. Das stimmt zweifellos - nur war die sportliche Qualität im Januar eher noch geringer einzuschätzen als jetzt. Selbst ein B-Team von Astana bot jederzeit mehr Aussicht auf Erfolge.

Konkurrenzkampf zwischen Giro und Vuelta

Da wundert es schon, dass die rasante Kehrtwende publik wurde, kurz nachdem Anfang Mai der Direktor der konkurrierenden Spanien-Rundfahrt Vuelta, Victor Cordero, getönt hatte: "Bei der Spanienrundfahrt wird als einzigem großen Rennen das komplette Podium der letzten Tour de France anwesend sein. Sportlich ist die Vuelta daher das interessanteste, was diese Saison im Straßenradsport zu bieten hat." Bislang ist die Vuelta hinter Tour und Giro nur die Nummer drei der großen Rundfahrten.

Tour de France ohne Astana

Zomegnan bestreitet nun, sich von diesem marktschreierischen Geprahle unter Druck gesetzt zu fühlen. "Wir sollten nicht den Wert einer Rundfahrt gegen den einer anderen ausspielen", sagt er - und ist sich doch bewusst, in welcher Zwickmühle er steckt. Zumal die Veranstalter der Tour de France bei ihrem harten Kurs bleiben. Christophe Marchadier, Pressesprecher der Aso, sagte "Spiegel online": "Fahrer von Team Astana wurden bei der letzten Tour de France des Dopings überführt. Deshalb wird das Team nicht an der Tour de France 2008 teilnehmen. Da bleiben wir unserer Linie treu."

Für den Giro gelten andere Regeln

Auch Zomegnan weiß, dass die Aso mit ihrem Vorgehen Pluspunkte in der dopingkritischen Öffentlichkeit sammelt. Interessant ist daher seine Begründung, warum für die Italien-Rundfahrt andere Regeln gelten: "Die Tour de France wurde geschädigt. Beim Giro gab es diese Ereignisse nicht." Folgt man dieser Argumentation, müsste sich nun wohl das deutsche Milram-Team Sorgen um die Giro-Teilnahme machen. Dessen Star Alessandro Petacchi wurde gerade wegen Dopings beim Giro 2007 gesperrt, der Titel wurde ihm aberkannt.

Eiertanz des Ausrichters RCS

Doch angesichts des Eiertanzes, der beim Giro-Ausrichter RCS in diesen Tagen aufgeführt wird, steht wohl nur eines fest: Von einer einheitlichen Linie im Kampf gegen Doping sind auch die für den Sport so wichtigen Veranstalter weit entfernt. Ob ein Contador Kunde beim spanischen Dopingarzt Eufemiano Fuentes war oder ein Klöden tatsächlich vom systematischen Doping der Teams Telekom und T-Mobile nichts wusste, interessiert zumindest beim Giro anscheinend nicht ernsthaft.

Uhr scheint rückwärts zu laufen

Auch sonst kritische Geister halten sich angesichts der Macht der Veranstalter zurück. Hans-Michael Holczer, Teamchef von Gerolsteiner sagt zum Comeback von Astana nur: "Kein Kommentar." Auch bei Team High Road, selbst erst verspätet von RCS für die italienischen Rennen berücksichtigt, gibt es keine Auskünfte. Die Uhr scheint wieder rückwärts abzulaufen, hin in eine Zeit, als bei Dopingfragen jeder schwieg, um sich nicht den Mund zu verbrennen.

Holczer von guten Entwicklungen im Radsport überzeugt

Als Zeichen für einen allgemeinen Rückschlag will Holczer die Ereignisse aber nicht werten. "Wer das zum Anlass nimmt", sagt er auf Anfrage von "Spiegel Online", "eine Trendwende zu beschreiben, hat die letzten Entwicklungen ignoriert. Die UCI führt ein Antidoping-Monitoringprogramm ein, das keine andere Sportart kennt. Kein Radsportkritiker hätte vor einem Jahr noch davon zu träumen gewagt, was jetzt Realität ist". Anfang Mai hatte die Antidopingbeauftragte der UCI, Anne Gripper, von 23 Fahrern gesprochen, deren Werte bei den Testreihen für den offiziell zum 1. Juli eingeführten Blutpass ungewöhnliche Abweichungen aufgewiesen hatten.

Anti-Doping-Kampagne UCI engagiert Basso

Basso im Kampf gegen Doping

In dieser Woche allerdings gab die UCI auch bekannt, den Dopingsünder Ivan Basso als Werbeträger einer Kampagne gegen Doping einsetzen zu wollen. Basso, der noch bis zum 24. Oktober gesperrt ist, hatte stets bestritten, gedopt zu haben, obwohl sein Blut beim Dopingarzt Fuentes gefunden worden war. Bassos Verpflichtung beim Team Liquigas hatte zum Ausschluss des italienischen Rennstalls aus der Vereinigung der Profirennställe geführt.

Brutale Streckenplanung

Wie wenig Lehren auch der Veranstalter RCS aus den Diskussionen über den Zusammenhang von Erschöpfung, Regeneration und Doping gezogen hat, zeigt der Verlauf des diesjährigen Giro d'Italia: Gleich vier Zeitfahren finden sich im Programm des 3.430 Kilometer langen Rennens. Eines davon ist das Bergzeitfahren hoch zum Kronplatz, das direkt auf zwei Hochgebirgsetappen folgt. Dem Einzelzeitfahren am Schlusstag in Mailand gehen ebenfalls zwei Tagesritte durchs Gebirge voraus. Zwingt diese brutale Streckenplanung nicht geradezu zum Griff in die pharmazeutische Rüstkammer?

Spektakel statt Sport

Der Giro 2008 setzt auf Spektakel statt auf Sport. Blut, Schweiß und Vergessen sind seine Ingredenzien. Nur mit einer gehörigen Packung Selbsttäuschung wird man das Rennen uneingeschränkt genießen können. Für den glaubwürdigen Radsport ist es ein Rückschritt.

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