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Jens Voigt: "Ich muss mir nichts mehr beweisen"

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Voigt: "Ich muss mir nichts mehr beweisen"

16.06.2010, 16:18 Uhr | t-online, t-online.de

Jens Voigt: "Ich muss mir nichts mehr beweisen". Freut sich auf seine 13. Tour de France: Jens Voigt (Foto: imago)

Freut sich auf seine 13. Tour de France: Jens Voigt (Foto: imago)

Das Interview führte Michael Wiedersich

Noch hat das Team Saxo Bank seinen Kader für die diesjährige Tour de France nicht endgültig benannt. Es gilt aber als sicher, dass Jens Voigt beim Start in gut zwei Wochen in Rotterdam dabei ist. Mit seinen 38 Jahren geht der Routinier ganz entspannt in seine mittlerweile 13. Tour. "Ich hatte genug Zeit, mich da auszutoben und habe bei der Tour das ein oder andere erreicht. Ich muss mir nichts mehr beweisen", sagt Voigt. Im Interview mit t-online.de spricht er außerdem über seinen schweren Sturz aus dem vergangenen Jahr und die schlechten Chancen von Lance Armstrong. Und er verrät, wer Fußball-Weltmeister wird.

Herr Voigt, Sie stehen kurz vor ihrer 13. Tour-Teilnahme. Ist ihr Start schon sicher und wie ist die Form?

Wir haben natürlich immer noch zehn Mann für neun Plätze, Fabian Cancellara und die beiden Schleck-Brüder Frank und Andy sind gesetzt, es bleiben also sieben Mann für sechs Plätze. Ich gehe aber schwer davon aus, dass ich es schaffen werde. Ansonsten lief es bei mir ganz gut. Ich war ein Tag im Trikot des Gesamtbesten bei Paris-Nizza, habe ein paar gute Ergebnisse eingefahren, konnte eine Etappe gewinnen bei der Katalonien-Rundfahrt, die lief ganz gut. Bei der Luxemburg-Rundfahrt zuletzt hatte ich einen kleinen Hänger. Hier bei der Tour de Suisse läuft alles wie geplant und wie gewollt zu diesem Zeitpunkt der Saison, ich denke, dass ich keine Probleme habe mit meiner Form.

Wenn man sich die Anzahl ihrer Renntage in den vergangenen vier, fünf Jahren anschaut, kommt man immer auf etwa 60 bis zum Tour-Start. Egal, ob es ein dreiwöchiger Giro oder drei Sieben-Tage-Rundfahrten in der Vorbereitung waren.

Stimmt, das ist schon halbwegs so geplant. Es wird gerne von mir behauptet, dass ich ein Dieselmotor bin und da braucht man schon ein paar Tage, um den Diesel in Schwung zu bringen. Aber wenn der dann erstmal läuft, läuft er recht lange und recht stabil. Das haben wir mit der Mannschaft so erkannt und das so eingereichtet, dass ich mit einer guten Anzahl an Renntagen in die Tour de France gehe.  

Und der Unterschied zwischen einem Giro oder drei kürzeren Wochen-Rundfahrten, besteht der denn wirklich? 

Der Giro ist schon eine knüppelharte Rundfahrt, man bekommt da auch eine gehörige Portion Rennhärte mit, man muss allerdings auch darauf vorbereitet sein, den zu fahren. Du musst zu Saisonbeginn, also Januar, Februar, März ein paar Renntage weniger fahren, damit du dann im April und Mai fit genug bist, um eben einen ordentlichen Giro zu fahren. In den letzten Jahren hatte ich die Klassiker wie Lüttich-Bastogne-Lüttich weggelassen, um eine frühere Pause zu machen und in den Giro zu gehen. In diesem Jahr haben wir gesagt, wir nehmen die Klassiker mit, ändern das Rennprogramm ein bisschen. Das ist ja auch ganz gut, sonst kommt man dann so in ein eingefahrenes Gleis rein, denn so ganz stupide, alles immer zu wiederholen, ist dann auch nicht so das Richtige. 

Mit 38 Jahren sind Sie schon einer der älteren Herren im Peloton. Wie motiviert man sich da jedes Jahr aufs Neue? Die Rennen sind ja meist die gleichen, die kennen Sie doch alle schon.  

Es ist erstmal so, dass ich ein ganz, ganz schlechtes Erinnerungsvermögen habe. Ich könnte ihnen nicht einen Etappenort der Baskenland-Rundfahrt, der Kalifornien-Rundfahrt oder von Paris-Nizza in diesem Jahr sagen. Das heißt, jedes Jahr komme ich dann dort hin und sage überrascht: Hm, guck mal! Wenn die Etappe vorbei ist, steige ich in den Bus und lösche alles auf meiner Harddisk. Dann lese ich mein Buch, spiele mit dem Gameboy. Was passiert ist am Tag? Vorbei! Es gibt andere, die können dir die Häuser beschreiben, die an der Ziellinie stehen. Zum Beispiel an dem gelben Haus, davor ist ein Schlagloch, da muss man im Sprint aufpassen und am blauen Haus biegen wir rechts ab. Daran habe ich null Erinnerung. Und von daher ist es auch nicht so, dass ich sage, ja, da bin ich ja schon zehnmal lang gefahren.

Sie gelten als Ausreißerkönig. In den vergangenen Jahren haben Sie sich aber fast nur noch in den Dienst der Mannschaft gestellt. Sehen Sie denn eine Chance, in diesem Jahr wieder mal auszureißen? Werden solche Attacken von der Teamleitung vorher angesagt oder ergibt sich so etwas im Rennverlauf? 

"Ein Diesel braucht lange, um warm zu werden. Dann läuft er aber richtig." (Jens Voigt)"Ein Diesel braucht lange, um warm zu werden. Dann läuft er aber richtig." (Jens Voigt)Das wird vorher immer ganz genau, man kann sogar sagen, minutiös im Rennplan festgelegt. Und wenn der Sportliche Leiter dann sagt, ich möchte, dass du neben Andy oder Fränki Schleck bleibst und dort den Bodyguard machst, dann mache ich das eben. In früheren Jahren sind wir an den Start gegangen nach dem Motto, wir wollen einen unter die ersten Zehn der Gesamtwertung bringen. Da hatte die Mannschaft mehr Freiheiten. Jetzt hat das Team die beiden Schleck-Brüder und Fabian Cancellara, der im Prolog und auf den ersten Etappen sehr gut aussehen kann und wird. Die beiden Schleck-Brüder sind Top-Leute, von denen wirklich einer und eventuell sogar beide bei der Tour auf das Podium fahren können. Das schränkt den Operationsspielraum der anderen Fahrer ein, denn es gilt, die drei Kapitäne zu unterstützen. Es ist ja weitaus realistischer darauf zu bauen, das Andy oder Fränki eine Bergetappe gewinnen als zu sagen, wir geben Jens jetzt völlige Freiheit, um irgendwann mal eine Etappe zu gewinnen. Darauf wird auch gebaut und das weiß auch jeder aus unserem Team, der am Start stehen wird. Ich hatte genug Zeit, mich da auszutoben und habe bei der Tour das ein oder andere erreicht. Ich muss mir nichts mehr beweisen. Das Schönste wird sein, wenn ich in Paris durchs Ziel fahre und die Mannschaft hat Gelb und ist zufrieden, dass du dabei warst. 

Bedeutet es Ihnen etwas, bei einer Tour de France am Ende der beste Deutsche zu sein? 

Nein, überhaupt nicht, da guckt kein Mensch drauf. Hypothetisch, wenn ich Gesamt-Vierter wäre und der nächste Deutsche ist Fünfter, da wäre ich stolz darauf. Aber wenn der beste Deutsche 35. ist und der nächstbeste 40., da guckt wirklich kein Mensch drauf und ich glaube auch nicht, dass das in den Medien so großartig wahrgenommen wird. Einen Etappensieg haben oder mal das Bergtrikot tragen, messbare Dinge, das ist, was interessiert. Und ganz prinzipiell: Man möchte alle schlagen, das schließt alle Deutschen mit ein, auch alle Holländer, Engländer und Amerikaner, man möchte Erster sein. 

Viele Berge, nur zwei Zeitfahren, davon ist eines der gerade einmal acht Kilometer lange Prolog zum Auftakt in Rotterdam: Ist die diesjährige Tour eher etwas für Fahrer wie Alberto Contador und die Schleck-Brüder oder sehen Sie da noch andere Fahrer? 

Nach langen Jahren ist dies wieder eine Tour, die die Bergfahrer favorisiert. Es gibt beispielsweise kein Mannschaftszeitfahren, wo die Bergfahrer-Mannschaften teilweise Zeit verlieren, weil die eben nur Bergfahrer dabei haben und keine Allrounder. Der Prolog ist ja nur acht Kilometer lang, da verliert man auch nicht so viel Zeit. Die diesjährige Tour passt den Schlecks und Contador besser, passt aber nicht so gut Fahrern zu Fahrern wie Cadel Evans, Bradley Wiggins oder Lance Armstrong. 

Was halten Sie von Janesz Brajkovic aus dem Armstrong-Team RadioShack, der zuletzt die Dauphiné-Rundfahrt vor Contador gewonnen hat. Hat Contador seine Karten noch nicht aufgedeckt oder war der 27-jährige Slowene wirklich so gut?

Also, Brajkovic wird so gut gewesen sein, weil er weiß, wenn er zur Tour kommt, wird er für Lance, Leipheimer oder Klöden arbeiten müssen. Er wusste, bei der Dauphiné fährt er für sich und nimmt den Sieg mit, bevor er bei der Tour wieder arbeiten muss. Anders bei Contador. Der liegt ganz perfekt im Zeitplan. Das sieht zwar jetzt aus nach schwerem Tritt. Aber man darf nicht vergessen, es sind vom Ende der Dauphiné bis zum Start der Tour drei Wochen, vier Wochen bis zur ersten Bergetappe und es sind fünf Wochen bis zum Tourmalet. Das heißt, fünf Wochen die Topform halten ist unmöglich. Soweit ist mich erinnere, hat in den vergangenen zehn Jahren der Sieger der Dauphiné nie eine Rolle bei der Tour gespielt, ich glaube, die hatten sogar Schwierigkeiten, am Ende unter die besten Zehn zu kommen. Wer die Dauphiné gewinnt, ist ein bisschen zu früh in Form. 

Aber selbst als Gesamt-Zweiter oder -Dritter bei einer solchen schweren Rundfahrt muss man aber doch auch reintreten?

Gut, ein Contador bei 90 oder 95 Prozent ist ja trotzdem ein begnadeter Rennfahrer, da kann er so schon mal Zweiter werden, ohne dass er der stärkste Mann im Feld ist. Aber wenn er die restlichen Prozent noch drauf legt, wird er bei der Tour schon wieder ganz anders aussehen. 

Was sagen Sie zum Giro-Sieger Ivan Basso vom Liquigas-Team, der vor allem im Hochgebirge überzeugt. Kann er einem Alberto Contador Paroli bieten?

Nein. Das ist das gleiche wie bei der Dauphiné, seit etlichen Jahren ist kein Giro-Sieger bei der Tour gut gefahren, noch nicht mal aufs Podium. Ivan ist ein typischer Italiener. Giro ist für ihn das Größte, er ist glücklich. Es fehlt das letzte bisschen Entschlossenheit und das letzte bisschen Biss. Er hat ein großartiges Rennen gewonnen dieses Jahr, er ist der Held zuhause. Ich glaube, ihm fehlen so ein, zwei Prozent, wo er sagt, das Rennen gewinne ich oder ich sterbe dafür. Das kann den Unterschied machen. Er wird gut und solide fahren und immer dabei sein, aber ich denke dann eher ein junger Fahrer wie Roman Kreuziger aus seinem Team ist gefährlicher. Er ist ein guter Bergfahrer, Zeitfahren ist ja nur ein einziges, der wird gut sein.

Welche Rolle kann Ihr Teamkollege Jakob Fuglsang bei seiner ersten Tour spielen, wenn er denn startet?

Er hatte letztes Jahr ein sehr gutes Jahr gehabt, hat zwei Rundfahrten gewonnen, ist die Vuelta trotz eines üblen Sturzes am Anfang noch sehr gut gefahren. Er ist ein großes Talent und wird auch einer sein, der ganz, ganz lange bei den Schlecks bleiben wird. 

Wie schätzen Sie die Form von Lance Armstrong ein. Kann man überhaupt etwas über ihn sagen oder ist er eher eine Sphinx?

Ähnlich wie bei Contador: Er hat noch nicht seine Karten aufgedeckt. Er weiß, dass bis zum Tour-Start noch ein paar Tage Zeit sind und ebenso bis zu den ersten Bergetappen. Aber das muss ich auch sagen: Ich habe ihn zu diesem Zeitpunkt schon einmal mit einem leichteren Tritt gesehen. 

Wer ist für Sie der absolute Tourfavorit?

Ja, so leid es mit tut, aber ich befürchte und muss wirklich sagen, Contador fährt erstmal in seiner eigenen Kategorie. Und danach sehe ich unsere beiden Schleck-Brüder, Kreuziger und danach noch ein paar weitere Mitfavoriten. Aber Contador ist aus dem Grund, weil er ein so guter Zeit- und Bergfahrer ist, eine ganz harte Nuss. Es kann natürlich auch sein, dass das, was er bei der Dauphiné gezeigt hat, schon alles war. Der Mensch ist ja keine Maschine, dass er vielleicht in diesem Jahr einen kleinen Hänger hat und einer der beiden Schleck-Brüder ihn doch packen kann und die Tour gewinnt. Das ist schon ein wenig unsere Hoffnung. Aber man muss auch sagen, Contador war immer fit, wenn er in der Tour gebraucht wurde und das wird wohl in diesem Jahr auch so sein. Ein Schwachpunkt könnte seine Mannschaft sein. Ich glaube, er hat nicht genug Leute für das Hochgebirge um sich, die dann wirklich bei ihm bleiben. Wenn er dann alleine fährt gegen die beiden Schleck-Brüder und eventuell noch den Fuglsang, dann ist schon noch das eine oder andere möglich. 

Denken Sie noch manchmal an den Sturz bei der letzten Tour zurück oder haben Sie das auch komplett ausgeblendet? 

Ich habe es komplett ausgeblendet, aber wenn du mit 80 oder 90 km/h den Berg wie hier bei der Tour de Suisse runter fährst, dann denkt man schon: Oah, irgendwie habe ich hier ein Dejavu, das hast du doch schon mal gehabt irgendwann. Ich bemühe mich, soweit es geht, dies auszuschalten und in den allergrößten Teilen ist das auch vergessen. Trotzdem kommt ab und zu mal so ein schneller Gedanke durch und dann denke ich mir, bleib ganz ruhig, vor dir fahren schon 50 Mann um diese Kurve rum, also fährst du auch mit rum. 

Haben Sie denn lange gebraucht, um den Sturz zu verarbeiten? 

Ich bin da alte Schule. Das war ein Unfall, keiner weiß, warum und wieso, es war nicht mein Fahrfehler, es war kein Materialfehler, demzufolge musste ich mir auch keine Sorgen machen, dass ich ein schlechter Bergabfahrer bin. Ich konnte sagen, okay, das kannst du jetzt so abhaken, schau nach vorne und weiter geht’s. Nicht zu lange mit so was aufhalten, sonst trägt man das seine ganze Karriere oder sein Leben lang mit sich herum. Man darf da gar nicht erst anfangen zu zögern oder zu zweifeln an sich, sonst bleibt der Zweifel in einem drin. 

Ihre Fahrweise hat sich durch den Sturz demnach kaum verändert?

Ich war auch vor dem Sturz nicht der weltgrößte Abfahrer. Aber ich denke nicht, dass sich da etwas spürbar geändert hat. 

Sie sind ja auch ein großer Fußball-Fan, bekommen Sie denn von der WM in Südafrika etwas mit?

Man lässt schon die Fußball-Spiele nebenbei laufen. Je nachdem wie spannend das ist, schaut man voll dabei zu oder man liest nebenbei ein Buch und schaut mit einem Auge hin. Man bekommt das schon ganz gut mit und ich muss ehrlich sagen, zu meiner eigenen Überraschung war die deutsche Mannschaft von den sogenannten großen Teams die überzeugendste Mannschaft. England mit dem Unentschieden gegen die USA war keine Glanzleistung, Argentinien ein schwaches 1:0, Holland 2:0 und hat riesiges Glück gehabt mit dem Eigentor in Führung zu gehen, und Portugal war auch nicht umwerfend. 

Wer ist für Sie der WM-Favorit?

Da gehe ich mal auf Nummer sicher und sage mal Brasilien. 

Sie haben ja mal gesagt, dass Sie nach ihrer Karriere einen Buchladen aufmachen wollen. Können Sie denn unseren Lesern ein gutes Buch empfehlen?

Ja, klar, "The Power of One" von Bryce Courtenay, auf deutsch “Der Glanz der Sonne” ist mein absoluter Favorit. Außerdem empfehle ich die deutschen Autoren Frank Schätzing (u. a. Der Schwarm) und Andreas Eschbach (u. a. Das Jesus-Video).


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