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Radsport: Das Team MTN Qhubeka verfolgt ein besonderes Projekt

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Eine Million Räder für Südafrika  

MTN Qhubeka: Besonderes Team, besondere Menschen, besonderes Ziel

28.04.2014, 08:11 Uhr | ost

Radsport: Das Team MTN Qhubeka verfolgt ein besonderes Projekt. Seite an Seite: Gerald Ciolek (links) und sein Teamkamerad Daniel Teklehaimanot verfolgen mit MTN Qhubeka ein besonderes Ziel. (Quelle: imago/Mario Stiehl)

Seite an Seite: Gerald Ciolek (links) und sein Teamkamerad Daniel Teklehaimanot verfolgen mit MTN Qhubeka ein besonderes Ziel. (Quelle: imago/Mario Stiehl)

Von Oliver Strerath

Manchmal sind es nur Kleinigkeiten. Dennoch schüttelt Jens Zemke in diesen Situationen den Kopf. Etwa bei einer Pinkelpause im falschen Moment. Oder, wenn einer seiner Rennfahrer bei Eiseskälte seine Handschuhe vergessen hat – und zwar im Hotel. Aber der Sportliche Leiter im Team MTN Qhubeka hat gelernt, dies gelassener hinzunehmen, "auch wenn ich mich ärgere, für den Moment jedenfalls." Weiß der 47 Jahre alte ehemalige Profi doch um den außergewöhnlichen Status seines Teams, das eine besondere Geschichte hat. Wie viele seiner Mitglieder.

MTN Qhubeka ist die erste afrikanische Mannschaft im Profi-Radsport. Seit 2013 zählt die Equipe zur zweiten Garde im Peloton, darf daher auch bei großen Rennen starten. Wie bei Mailand – San Remo, das Gerald Ciolek, der Star im Team, zur Überraschung fast aller im vergangenen Jahr gewann. Die Afrikaner machten damals in Italien aber auch anderweitig Schlagzeilen. Durch Jim Songezo.

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"Wir mussten ihn quasi auftauen"

Der farbige Rennfahrer, der an jenem Sonntag erstmals in seinem Leben Schnee gesehen hatte, überhörte den Funkspruch, dass das Rennen wegen des Winterwetters unterbrochen wurde. Er radelte weiter, bis ihm die Situation komisch vorkam. Er fragte nach und wurde aufgeklärt. Zu diesem Zeitpunkt war Songezo aber bereits in eine Eisschicht gehüllt. "Wir mussten ihn quasi auftauen", erinnert sich Zemke, der sich vor allem auch als Entwicklungshelfer in Sachen Radsport sieht.

Den Großteil der Mannschaft mit Sitz in Südafrika bilden Fahrer vom schwarzen Kontinent. Viele davon haben erst im mit 14 Jahren oder älter mit dem Radfahren begonnen – auf klapprigen Drahteseln, wie Zemke ergänzt. So gibt es in seinem Team überdurchschnittlich viele Stürze. Ciolek, oder auch Linus Gerdemann ("Er ist sehr motiviert"), der seit dieser Saison zur Mannschaft gehört, sind daher nicht nur für die Spitzenergebnisse zuständig. Sie stehen ihren Teamkollegen auch mit Rat und Tat zur Seite, geben ihre Erfahrung weiter.

"Es steckt sicherlich viel Potenzial in dem Kontinent. Der Lernprozess ist aber längst nicht abgeschlossen", sagt er daher: "Aber wir sind auf gutem Weg und haben uns wirklich einen guten Namen gemacht. Die Unterstützung wird immer größer". Nicht nur wegen der sportlichen Erfolge, die Mittel zum Zweck sind. Das Team MTN Qhubeka ist auch ein soziales Projekt.

Räder für neue Lebensqualität

Qhubeka – das heißt "Voranbringen" und ist Name einer Freiwilligenorganisation. Das Ziel: eine Millionen Fahrräder an Kinder in Südafrika zu verteilen. Sie werden dabei für sozialen oder umweltschützenden Einsatz belohnt, etwa dem Pflanzen von Bäumen oder Sammeln von Müll. Geld für das Projekt liefert zudem Hauptsponsor MTN, ein Kommunikationsunternehmen.

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"Mittlerweile sind wir bei 46.000 Rädern angekommen. Und die Räder bieten den Menschen ganz neue Perspektiven, eine neue Lebensqualität", sagt Zemke. Zum Beispiel, dass die Kinder den weiten Weg zur Schule nicht mehr laufen müssen. Andere würden die 23 Kilogramm schweren Zweiräder dazu nutzen, um Sachen zu transportieren. Etwa als Kurierfahrer. "Da entsteht sogar manchmal ein Business", weiß Zemke. Doping? Das dürfe sich das Team daher nicht leisten. "Denn das gefährdet das ganze Projekt."

Neugier ist größer als die Angst

Zweimal im Jahr ist der ehemalige Profi selbst in Südafrika. In den Townships. Um Räder zu übergeben. An Kinder, die zuvor noch nie auf einem Sattel saßen. "Für die ist das aber kein Problem. Die fahren einfach drauf los – und es geht fast immer gut", erzählt der 47-Jährige. Die Neugier sei einfach größer als die Angst. Zudem richtet das Team vor Ort Rennen aus. Meist auf Lehmböden. Asphaltierte Straßen, die gebe es in den Townships selten bis gar nicht. Gäste bei den Rennen sind regelmäßig Profis des Teams, die auch einen Teil ihrer Preisgelder für das Projekt abgeben. Und sie tun dies gerne.

Verständlich, denn einige der Qhubeka-Fahrer kennen die Bedürfnisse und haben schwere Zeiten durchgemacht. Wie Adrien Niyonshuti. Seine Eltern und sechs Brüder wurden im Bürgerkrieg in Ruanda von Rebellen erschlagen. Niyonshuti selbst hat nur überlebt, weil er sich unter einer Matratze versteckt hatte. Mittlerweile ist der 25-Jährige mehrmaliger Landesmeister und trug die Fahne Ruandas bei der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele 2012 in London.

"Viele haben bei uns die Chance zur zweiten Chance", sagt Zemke, der regelmäßig mit Alltagssorgen seiner Fahrer zu kämpfen hat. So erzählt er von einem Algerier, der immer wieder um ein Visum kämpfen muss, um überhaupt in Europa fahren zu dürfen. Oder einem Profi aus Eritrea, der schon seit Wochen ausfalle – seine Tochter ist krank, könne aber in der Heimat nicht behandelt werden, weshalb er mit dem Kind in den Sudan musste. Über das Problem mit der Pinkelpause zum falschen Moment kann man da nur schmunzeln.

Vuelta als "große Herausforderung"

Die Arbeit von MTN Qhubeka findet unterdessen immer mehr Anerkennung und wird entsprechend honoriert. Zum Beispiel durch eine Einladung zur ersten dreiwöchigen Landes-Rundfahrt in der Teamgeschichte: Am 23. August starten die Afrikaner, die in Deutschland am 1. Mai in Frankfurt und bei der Bayern-Rundfahrt dabei sind, bei der Vuelta a Espana. "Das wird eine große Herausforderung für uns, ein ganz neues Level", sagt Zemke zur Nominierung, die für das Team ein Glücksfall sei.

"Der Giro d'Italia wäre zu früh gekommen. Die Tour de France ist noch zu groß für uns. Die Vuelta ist dagegen genau richtig. Wir haben noch ausreichend Zeit zur Vorbereitung", sagt der Sportliche Leiter, in dem Wissen, dass die dreiwöchige Rundfahrt dem Team alles abverlangen wird. Denn kaum ein Fahrer hat bisher ein solch langes Rennen absolviert. Und auch die Logistik in dem Rennstall müsse auf die außerordentlichen Anforderungen angepasst werden. "Aber ab dem Moment der Zusage haben wir intensiv mit den Planungen begonnen."

Die Augen leuchten und werden immer größer

Mit den Planungen begannen indes auch die Träumereien. Nur zu gerne würde Zemke einen seiner Fahrer auf dem Podium einen Etappensieg bejubeln sehen. "Das wäre natürlich toll. Wir wollen uns aber auf jeden Fall von der besten Seite präsentieren", erklärt der Sportliche Leiter. Vor allem deshalb, weil die Vuelta in Afrika im Fernsehen übertragen werde. Beste Plattform also, den Auftrag des Teams voran zu treiben. Oder wie der 47-Jährige meint: "Wir leben unser Projekt."

Es sind eben die besonderen Geschichten des Teams und die besonderen Eindrücke in Südafrika, die den ehemaligen Profi bei seinem Job beseelt haben. "Die Augen, sie leuchten und werden immer größer", erzählt Zemke von dem Moment, wenn wieder ein Kind sein Rad bekommen hat. Auch seine Fahrer erfüllen solche Erlebnisse mit Stolz. Oft mehr, als nach einem erfolgreichen Rennen. Schließlich ist das Team MTN Qhueka in diesem Moment seinem Ziel wieder einen Schritt näher gekommen.

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